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Kraftwerk: Ralf Hütter im Interview 1991


Im Januar 2015 ist Berlin für acht Tage lang um eine Attraktion reicher: Kraftwerk führen im Rahmen ihrer 3-D-Konzertreihe „Der Katalog – 1 2 3 4 5 6 7 8“ jeden Abend eines ihrer acht Alben auf. ME-Redaktionsleiter Albert Koch schaut sich jede Show an und berichtet darüber. Beim AUTOBAHN-Eröffnungskonzert bemerkt Koch etwa: „Ralf Hütter, mittlerweile 68 Jahre alt und einzig verbliebenes Gründungsmitglied von Kraftwerk, geht an diesem Abend richtig ab. Er wippt mit den Füßen und bewegt seinen Oberkörper hinter dem Pult.“ Und nach dem „RADIO-AKTIVITÄT“-Konzert an Tag 2 träumt Koch nachts, er habe mit Ralf Hütter sogar gesprochen. Falls daraus in den kommenden Tagen nichts mehr wird: Aus dem ME-Archiv haben wir das folgende Interview mit Hütter aus dem Jahr 1991 ausgraben können, das mit einer nahezu visionären Antwort endet. Ob er in Alberts Traum noch redseliger war?

Kraftwerk – das neue Modell

Als sie 1981 von der Bühne abtraten, war den Wegbereitern der vollsynthetischen Computerfreuden ein Platz im Pop-Olymp sicher. Zehn Jahre und unzählige Mega-Bytes später schicken sie ihre chipsfrischen Roboter nun noch mal ins Rennen. Über die menschlichen Beweggründe computerte ME/Sounds-Mitarbeiter Andreas Graf mit Kraftwerk-König Ralf Hütter.

Kraftwerk?

Wer im Sommer ’91 den Namen hört, muß zunächst in seiner Erinnerung kramen. War das nicht, gab’s da nicht, hatten die nicht…? Jawohl — „Autobahn“. „Radioaktivität“. „Trans-Europa-Express“. „Die Rrroboterr“. Es sind paradoxerweise eher die wilden Siebziger, die beim Gedanken an die kühl-konstruierten Töne ins Bewußtsein rücken — und nicht, wie man vorschnell assoziieren könnte, die glatten Achtziger.

Begonnen hatte alles sogar schon Ende der Sechziger. Nur wenige Jahre nachdem ein Aufschrei durch die Musikwelt ging, weil ein Sänger namens Bob Dylan die Akustik-Klampfe mit der E-Gitarre vertauschte, produzierte Kraftwerk bereits rein synthetische Töne. Der größte Kraftwerk-Hit der Achtziger, „Das Modell“, war eine späte Auskopplung aus dem 78er Album MENSCH MASCHINE: die freilich kletterte in den englischen Charts des Jahres 1982 bis auf Platz 1 und löste dort eine wahre Kraftwerk-Euphorie aus. Vor diesem Hintergrund scheint es nur konsequent, wenn jetzt, im Sommer ’91. mit einer neuen Doppel-LP zunächst einmal altes Material präsentiert wird. Die Gruppe macht sich rar, arbeitet auf, werkelt gleichzeitig weiter an ihrem Nimbus des Exklusiven, den mit Tanzbarkeit und Pop zu paaren ein weiteres der Paradoxa ist, die die Medienexistenz von Kraftwerk ausmachen.



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