Nie wieder „Hallo“ sagen. Zum Tod von Nils Koppruch

von
Nils Koppruch

Seit 15 Jahren finde ich diese Platte nicht. „Vogelbeobachtung im Winter“, die erste FINK von 1997. Ich hatte sie besessen, aber noch nie richtig angehört, und dann war sie weg; das merkte ich erst, als wir dann schon Fans der in den zwei Folgejahren erschienenen Alben „Loch in der Welt“ und „Mondscheiner“ waren. Was war denn das? Die „Hamburger Schule“ in der Wüste mit Giant Sand? Ja, ging’s denn recht viel großartiger?

Einmal „interviewte“ ich Nils Koppruch, das heißt: Wir saßen an einem trüben Spätnachmittag im Wirtshaus Fraunhofer, tranken Bier (nicht viel) und unterhielten uns zwei Stunden über irgendwie alles – die neue Platte, Bands und wie die Zeit so schnell vergeht, dass man immer zusehen muss, sich nicht darin zu verlieren. Es ist so lange her, ich erinnere mich konkret fast nur noch an eins: einen fast irreal sympathischen, grundernsten, aber zum Gag bereiten Mann mit melancholischen Augen, einem Lächeln, das mit einem Aufblitzen Eisherzen schmelzen konnte und dieser Stimme: klar, fest, ja: elegant, der man beim Sprechen genauso gerne lauschte wie beim Singen; oft tat er in den Songs eh irgendwie beides gleichzeitig. Der nur verwundert, vielleicht auch etwas traurig die markanten Brauen hob, wenn man seine lyrischen Songtexte als „kryptisch“ bezeichnete, wie es verständnislose Rezensenten mithin taten.

Als Ende der 90er Jahre FINK auf zwei Tourneen im Vorprogramm von Element Of Crime spielten, erschien es uns völlig logisch, dass sie jetzt ihren verdienten Erfolg haben würden. Dass dieses Publikum diese Band und ihren so einnehmenden Sänger erkennen – waren die denn nicht offensichtlich besser als die Hauptband, die Ende der 90er begonnen hatte, sich um sich selbst zu drehen? – und tief ins Herz schließen würde.

The big break! Aber so 1:1 logisch funktioniert natürlich der Pop nicht. FINK wurden nicht „die neuen Element Of Crime“, was Nils Koppruch wohl auch so nicht anstrebte. Aber dass seine wunderbare Band sich ein bisschen etabliert, dass sie irgendwann aufhören darf, sich Sorgen um ihre schiere Existenz zu machen? Das wär schon toll gewesen, aber war ihnen nicht vergönnt. Die Clubs blieben klein und klitzeklein, unerbittlich. Dafür konnte man nach dem Konzert weiterhin Nils am Merch-Tisch treffen und ein bisschen ratschen.

Ausstiege, Trennungen, Umbesetzungen – FINK kamen nie zur Ruhe, aber Nils Koppruch machte weiter, mit künstlerischem Feuer, es folgten tolle Platten – „Fink“ 2001, „Haiku Ambulanz“ 2003, „Bam Bam Bam“ 2005. Der Songwriter-Country-Chanson-Rumpelblues irgendwo zwischen Tucson und Tom Waits wurde verstiegener und facettenreicher – da kehrte kein 08/15 ein, das wurde immer abgefahrener.

2006 schließlich, einem weiteren Personalwechsel zuvorkommend, lösten sich FINK, eine der besten deutschen Bands der letzten 20 Jahre, auf. Nils Koppruch wandte sich noch mehr als zuvor seiner Arbeit als Maler unter dem Künstlernamen SAM zu. Es kamen auch zwei Soloalben, trotzdem hatte ich ewig nichts von ihm gehört, als vor ein paar Wochen ein neuer Song von ihm im Radio lief – zusammen mit Gisbert zu Knyphausen, mit dem er bald auch touren würde, hieß es. Da dachte ich mal wieder an meine verschollene erste FINK, und dass es schön sein könnte, zu einem dieser Konzerte zu gehen, mal wieder Hallo zu Nils zu sagen und sich so herzerwärmend anlächeln zu lassen.

Jetzt ist Nils Koppruch tot, und wir wissen nicht warum. Er hinterlässt eine Frau und einen kleinen Sohn, und es ist einfach nur zum Weinen.



19 Frauen, die die Deutschrap-Szene gerade ordentlich aufmischen
Weiterlesen