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Interview

Noel Gallagher: „Texte von Popsongs müssen zum Wegwerfen sein”

„’cause, baby, after all, you’ll never forget my name“, ließ er Bruder Liam schon vor 20 Jahren singen. Namen und Titel waren Noel Gallagher immer wichtig. Die Tracklist seines abenteuerlustigen neuen Albums WHO BUILT THE MOON? nahmen wir zum Anlass, uns ausführlich mit „The Chief“ über die Fertigkeit zu unterhalten, Musik einen Namen zu geben.

ME: Wie schwierig ist es, einem Stück Kunst einen Titel zu geben?

Noel Gallagher: Das ist eine eigene Kunstform. Ich bin neulich in Venedig in eine Damien-Hirst-Ausstellung gegangen, einfach wegen ihres Titels: „Treasures From The Wreck Of The Unbelievable“. Es war mit ganz egal, was sich dahinter verbirgt. Ich habe immer ein Notizbuch bei mir und schreibe mir interessante Zitate aus Büchern oder dem Fernsehen auf. So habe ich manchmal zuerst einen Songtitel und schreibe dann den Song drum herum.

ME: Welcher deiner Songs ist denn so entstanden?

Noel Gallagher: Mir war immer klar, dass die neue Platte WHO BUILT THE MOON? heißen würde. Eines Nachts bin ich dann sehr bekifft auf den Gedanken gekommen, einen Song mit dem Titel „The Man Who Built The Moon“ zu schreiben.

ME: Liefert der Song die Antwort auf die Frage im Albumtitel?

Noel Gallagher: Nein.

ME: Völlige Willkür?

Noel Gallagher: Na ja, vielleicht steht der „Mond“ in den Titeln nicht für das interplanetarische Objekt am Nachthimmel. Vielleicht – vielleicht! – steht der „Mond“ für ein Fahrzeug, eine Arche zum Beispiel … Das hat dir jetzt den Verstand geraubt, was?

ME: Unbedingt!

Noel Gallagher: Also vielleicht ist „ The man who built the moon“ ein Schiffbauer.

ME: Okay …

Noel Gallagher: Vielleicht habe ich aber auch zu viel geraucht.

ME: Der Albumtitel hat jedenfalls nichts mit dem pseudowissenschaftlichen Buch mit demselben Titel zu tun, das die Theorie untermauern will, dass der Mond von Menschenhand geschaffen worden sei?

Noel Gallagher: Ja, um Gottes Willen! Wem so was einfällt, der hat eindeutig zu viel „Star Wars“ gesehen. Den Titel habe ich zwar aus einem Buch – ich weiß allerdings nicht mehr, aus welchem –, aber in dem hieß nur ein Kapitel so. Der Titel steht seit vielen Jahren fest, aber die Musik meines letzten Albums, CHASING YESTERDAY, hat einfach nicht dazu gepasst.

„Normalerweise finde ich ein paar Akkorde, und die lösen etwas Emotionales in mir aus: Romantik, Wut oder Introspektion.”

ME: … ein Albumtitel, mit dem du aber auch sofort unzufrieden warst. Wie würde dein letztes Album heißen, wenn du den Titel ändern könntest?

Noel Gallagher:
„Any Road Will Get Us There If We Don’t Know Where We’re Going.“

ME: Dein neues Album hat also auch nichts mit deinem Jugendwunsch, Astronaut zu werden, zu tun, wovon einer deiner ersten Songs, „D’Yer Wanna Be A Spaceman?“, handelt?

Noel Gallagher: Nein, aber ich verwende immer noch einen Großteil meiner Energie darauf, einmal ins All zu reisen. Das wäre einfach so eine unfassbar tiefgreifende Erfahrung!

ME: Dein neues Album beginnt mit dem Fast-Instrumental „Fort Knox“ – für den Titel hast du dich vermutlich auch nur entschieden, weil er knallt.

Noel Gallagher: Ich fand es unglaublich, dass es noch keine Band, keinen Song und keinen Club gibt, der so heißt. Das Einzige, was „Fort Knox“ heißt, ist Fort Knox. Bis jetzt! Und irgendwie passt der Name auch zum Song: Da ist dieser mystische Ort, wo das ganze Gold Amerikas aufbewahrt wird, supergeschützt, und dann ist da dieser heavy Song mit seinen Big Beats … Übrigens stark beeinflusst von Kanye Wests „Fade“. Wir wollten auch, dass Kanye auf dem Song rappt, aber daraus ist natürlich nichts geworden.

ME: Der Song wirkt wie ein Scharnier zwischen deiner Vergangenheit und deiner Zukunft. Einerseits ist er einer deiner experimentellsten Songs, andererseits repräsentieren seine einzigen Textzeilen: „You gotta get yourself together“ und „Keep holding on“, deine Urbotschaft, unbedingt weiterzumachen.

Noel Gallagher: Das hätte ich gar nicht bemerkt. Das sind einfach die Worte, die mir einfielen, als ich versuchte, über den Song zu singen.

ME: Du hast immer von dir gesagt, dass du nicht der größte Texter aller Zeiten seist. Dass es die vorrangige Aufgabe eines Songtexts sei, die Melodie zu tragen. Das war noch nie so deutlich wie jetzt: Deine Stimme ist auf dem neuen Album ja meist sogar stark verfremdet, die Texte sind kaum zu verstehen.

Noel Gallagher: Absolut. Diese Songs sind ganz anders entstanden als sonst. Normalerweise finde ich ein paar Akkorde, und die lösen etwas Emotionales in mir aus: Romantik, Wut oder Introspektion. Hier hatte ich aber einfach nur den Eindruck, dass das kosmische Popmusik ist, und Poptexte müssen immer zum Wegwerfen sein. Die Oberfläche ist immer bedeutungslos – der Hörer sucht sich die Bedeutung aus.

„ISIS werden den Song hassen: Er strahlt pure Freude aus und feiert die Herrlichkeit von Frauen.”

ME: Bestes Beispiel dafür ist dein „Don’t Look Back In Anger“. Kein Mensch weiß, wovon der Song eigentlich handelt, aber auf einmal ist er diese trostspendende Hymne im Kampf gegen den Terrorismus geworden.

Noel Gallagher: Wenn ich da spoilern darf: Ursprünglich handelt der Song von einer älteren Frau, deren Leben an ihr vorbeizieht: „she knows it’s too late“. Doch sie erhebt ihr Glas und sagt: Wisst ihr was, ich bereue nichts.

ME: Indem man einem Song einen Titel gibt, kontrolliert man ihn ja auch in einem gewissen Maße. Wie fühlt es sich an, wenn man wie im Fall des eben genannten Songs oder „Wonderwall“ die Kontrolle über einen Song verliert? Wenn sie Volkslieder, Allgemeingut werden?

Noel Gallagher: Ich hole sie mir zurück. Wenn ich nach einer Tour nach Hause komme, du zwei Jahre nichts von mir hörst, meine Frau unsere Kinder einpackt und zu den Großeltern nach Schottland fährt, dann sitze ich allein daheim und spiele diese Songs für mich. Und sie bedeuten dann wieder genau das, was sie bedeuteten, als ich sie schrieb. Aber wenn ich wählen könnte, ob diese Songs mir gehören oder der Welt, würde ich sie immer der Welt geben: Weil das bedeutet, dass sie sehr erfolgreich sind.

ME: Zurück zur Tracklist des Albums. Nach „Fort Knox“ kommt „Holy Mountain“, ein weiterer Titel, der in den Lyrics nicht vorkommt. So etwas machst du nur in Ausnahmefällen wie „Columbia“ oder „The Hindu Times“. Normalerweise ist ein Songtitel bei dir Kernbegriff des Textes.

Noel Gallagher: Das kam ganz einfach so: Wir hatten den Song gerade im Studio fertiggestellt und unterhielten uns über den wahnsinnigen Film „The Holy Mountain“ von Jodorowsky (1973, deutscher Synchrontitel: „Montana Sacra – Der heilige Berg“ – Anm. d. Red.). Das war dann unser Titel. Das hat nichts mit dem Text zu tun. Immerhin ist auf dem Cover der Single ein Berg zu sehen.

Noel Gallagher’s High Flying Birds :: Who Built The Moon?

ME: Nur kurz: Was hältst du denn von folgenden Songtiteln, die keine Erwähnung im Text haben? „Bohemian Rhapsody“?

Noel Gallagher: Funktioniert nur, weil der Song so gut ist.

ME: „Smells Like Teen Spirit“?


Noel Gallagher: Ziemlich gut – wurde noch besser, als man erfuhr, woher der Titel kommt.

ME: „Song 2“?

Noel Gallagher: Zahlen in Songtiteln … Schwierig. Nein, kein guter Titel.

ME: „Clint Eastwood“?

Noel Gallagher: Großartig!

ME: Nach zwei Soloalben im Midtempo-Bereich kehrst du nun mit einer glamrockenden Single zurück.

Noel Gallagher: ISIS werden den Song hassen: Er strahlt pure Freude aus und feiert die Herrlichkeit von Frauen. Die Welt ist gerade echt in einer beschissenen Verfassung – wir brauchen mehr solcher Songs, die das Leben feiern und einfach Spaß machen. „Holy Mountain“ basiert auf einer Blechflötenmelodie, die ich von einer obskuren 70s-Platte gesampelt habe: „Chewin’ Gum Kid“ von der brillant benamsten Band The Ice Cream.

ME: Es befindet sich noch mehr „Diebesgut“ auf der Platte: „Keep On Reaching“ bedient sich bei „I Want To Take You Higher“ von Sly & The Family Stone, stimmt’s?

Noel Gallagher: Ja, wir haben uns erlaubt, uns davon inspirieren zu lassen. Auch Can hatten Einfluss auf den Song.

ME: Eine kleine Stelle in der Gesangsmelodie von „Black & White Sunshine“ erinnert mich an „Start Me Up“ von den Stones …

Noel Gallagher: Ach, echt? Ja, jetzt weiß ich, welche Stelle du meinst. Na ja, Sir Mick wird diese Melodie auch nicht allein eingefallen sein.

ME: Obwohl du Agnostiker bist, taucht „Gott“ immer häufiger in deinen Texten und Songtiteln auf, wie in „Lord Don’t Slow Me Down“ oder „Let The Lord Shine A Light On Me“. Wie kommt’s?

Noel Gallagher: „Gott“ ist einfach so ein Gemeinplatz. Man sagt ja auch ständig „Oh mein Gott!“, ohne sich seiner Wortwahl bewusst zu sein. Das hat bei mir nie religiöse Bedeutung. Religion ist ein groteskes, haarsträubendes Konzept, das uns auferlegt wurde. Mit Begriffen wie „Engel“ kann man aber einfach gut in Popsongs arbeiten, weil sie so vage sind. Ich nenne ja auch meine Tochter einen Engel, ohne dabei ans Christentum zu denken. Das sind nur Bilder. Wenn ich von „Wiederauferstehung“ singe, dann handelt das vielleicht von frischem Wind in einer Beziehung. „Yesterday“ hieß ursprünglich ja mal „Scrambled Eggs“.

„Mir sind  sehr viele Dinge wichtiger als das, was der verdammte Idiot Liam macht.”

ME: Verrätst du uns ein paar von den Songtiteln, die du verworfen hast?

Noel Gallagher: „Be Care l What You Wish“ hieß mal „A Word To The Wise“, und „Keep On Reaching“ war mal „Can You Keep A Secret?“.

ME: Wie war es eigentlich möglich, dass sich auf dem vierten Oasis-Album, STANDING ON THE SHOULDER OF GIANTS, ein Grammatikfehler einschleichen konnte? Warst du damals so unberührbar, dass niemand gewagt hat, dir zu sagen, dass es „shoulders“ heißen muss?

Noel Gallagher: Doch, darauf wurde ich sogar aufmerksam gemacht. Aber ich fand, dass meine Version besser aussieht und besser klingt. Titel und Texte müssen in erster Linie einen guten Sound haben.

ME: Befremdlich fand ich die Tracklist von eurem sechsten Album, DON’T BELIEVE THE TRUTH, mit Eso-Titeln wie „Keep The Dream Alive“, „The Meaning Of Soul“, „A Bell Will Ring“.

Noel Gallagher: Die habe ich alle nicht geschrieben.

ME: Du hättest sie verhindern können.

Noel Gallagher: Ja, hmm … Ach, meine Songs auf der Platte haben gute Titel, der Rest ist mir egal.

ME: Wann verwendest du in Songtiteln Klammern? Warum „(Probably) All In The Mind“, warum „(Stranded On) The Wrong Beach“?

Noel Gallagher: Ich verwende Klammern nur – und das ist jetzt die Wahrheit –, um Leute zu verwirren. Denk mal an (WHAT’S THE STORY) MORNING GLORY?, da habe ich sogar auf einem Fragezeichen bestanden – das hat keinerlei Bedeutung. Gerade die Amerikaner hat das wahnsinnig gemacht.

ME: Ist es einfacher, einem Song einen Titel zu geben oder einem Kind einen Namen?

Noel Gallagher: Das Kind wird sein ganzes Leben lang von seinem Namen geprägt sein, aber wenn ein Song gut ist, zählt der Titel kaum.

ME: Ich glaube ein Muster in deinen Tracklists zu erkennen: Du stehst auf zwei zusammengehörige und eigenwillige Songtitel. Auf (WHAT’S THE STORY) MORNING GLORY? gab es zwei titellose Exzerpte aus „The Swamp Song“, auf deiner ersten Soloplatte waren „AKA … What A Life!“ und „AKA … Broken Arrow“, und beim neuen Album haben wir die Ambientartigen Stücke „Interlude (Wednesday, Part 1)“ und „End Credits (Wednesday, Part 2“).

Noel Gallagher: Haha! Wenn du das so sagst, wird es wohl so sein. Die beiden „Wednesday“-Songs sind einem großen instrumentalen Jam entnommen. Die heißen nur so, weil sie an einem Mittwoch fertiggestellt wurden.

ME: In deinem Werk gibt es Songs wie „Married With Children“, die jeder mitsingen kann, aber von denen wohl nur wenige den Titel kennen, weil sie im Text nicht vorkommen. Oder „Be Here Now“, das Liam jetzt in seinem Live-Set hat. Wenn er den ankündigt, zucken im Publikum die Achseln.

Noel Gallagher: Wahrscheinlich weil die Leute vermuten, dass jetzt ein Scheißsong kommt.

„Ich bin jetzt 50, und es ist verdammt schwer, Leute in meinem Alter für die Band zu finden, die noch gut aussehen.”

ME: Du stehst BE HERE NOW immer noch sehr kritisch gegenüber. Wie ist das jetzt für dich, dass Liam ausgerechnet Songs aus dieser Phase spielt – also Songs wiedererweckt, die du bewusst begraben hast?

Noel Gallagher: Es wundert mich ein wenig, dass er mir zehn Jahre lang erzählt hat, er wäre der bessere Songwriter, jetzt aber keinen Oasis-Song spielt, den er selbst geschrieben hat, sondern doch lieber noch meine beschissenen. Ansonsten bin ich froh, mein Ding zu machen, und er scheint ja auch froh darüber zu sein, mein Ding zu machen. Jeder kann Songs covern, da muss man keine Genehmigung einholen. Aber mir sind echt sehr viele Dinge wichtiger als das, was dieser verdammte Idiot macht.

ME: Nach eurem Split haben alle Oasis- Mitglieder außer dir unter dem Namen Beady Eye weitergemacht. Zwei von ihnen, Gitarrist Gem Archer und Schlagzeuger Chris Sharrock, sind nach dem Ende von Beady Eye zu deinen High Flying Birds gestoßen. Ist Rache süß?

Noel Gallagher: Nein, wir haben immer Kontakt gehalten. Das sind zwei meiner besten Freunde. Ich habe mich sehr darüber gefreut, sie anzurufen und ihnen das Angebot zu machen, zu uns zu stoßen. Falls sich jemand Sorgen gemacht hat, dass das zu bösem Blut zwischen mir und Liam führen könnte, dann nur diese beiden. Ich habe daran überhaupt nicht gedacht. Dazu muss ich auch sagen: Ich bin jetzt 50, und es ist verdammt schwer, Leute in meinem Alter für die Band zu finden, die noch gut aussehen. Gem und Chris sehen einfach top aus!

ME: Das gilt auch für die beiden Gastmusiker auf der Platte: Gibt es im Musikgeschäft attraktivere Best Ager als Johnny Marr und Paul Weller?

Noel Gallagher: Mich.

ME: Natürlich.

Noel Gallagher: Aber ja, Johnny muss einen Pakt mit dem Teufel geschlossen haben. Der ist älter als ich, sieht aber jünger aus. Und Weller … Der wird mir immer ein Rätsel bleiben. Der sieht unglaublich aus!

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