Festivalbericht

OFF Festival 2018: M.I.A. blamiert sich, Gainsbourg verzaubert


 

 

Es ist brühend heiß in Katowice, so wie wahrscheinlich überall auf dem Kontinent momentan. Zu gut, dass die Stadtverwaltung und die Festivalmacher Befeuchtungs- und Erfrischungsanlagen für die Besucher des OFF Festivals aufgestellt haben. Simple Idee, maximale Zufriedenheit beim Publikum.

Eine unverschämte Show

Auch sonst scheint das Festival in Oberschlesien sich gut um die bis zu täglich 15.000 Besucher zu kümmern. Das Essensangebot ist weit gefächert, frisch und ausgezeichnet, die im ersten Moment befremdlich wirkenden „Drinking Zones“, die einzigen Areale des Festival, in denen alkoholische Getränke konsumiert werden dürfen, werden ohne Murren als Oase der Entspannung angenommen. Nirgends sieht man jemanden randalieren, Müll auf den Boden werfen oder sonstigen Unsinn verbocken. Nur schade, dass sich M.I.A. nicht daran hält.

Die Headlinerin legt am Freitagabend eine unverschämte Show hin. Sie pflaumt den Techniker an, weil ihre Höhen angeblich wie „shit“ durchs Mikro klingen, sie pflaumt die Festivalmacher an, weil sie Wasser in Plastikflaschen auf der Bühne zur Verfügung gestellt haben, obwohl in ihrem Rider seit zwei Jahren ausschließlich Glasflaschen gefordert werden. Sie entleert den Inhalt ihrer Flasche über den Laptop ihrer DJane. Sie macht waghalsige Ansagen, wie: „Merkt euch das: Ich habe das Internet erfunden. Ich war bei Facebook, bevor es Facebook gab. Bald kommt eine Doku und wird das alles aufdecken.“

Ihr Auftritt leidet insofern nicht musikalisch an ihren Allüren, da alles aus der Dose kommt, M.I.A. nur in gelangweilten Duktus ihre Lines drüber legen muss. Das Publikum scheint trotzdem zufrieden, als es schlussendlich „Paper Planes“ bekommt.

Besser macht es da kurz zuvor Bishop Nehru: Der junge Rapper aus Brooklyn ist bereits vor fünf Jahren von Kendrick Lamar als die neue Hoffnung des US-HipHops auserkoren worden. Doch der Gepriesene musste erst einmal seinen High-School-Abschluss machen. In diesem Jahr brachte er mit ELEVATORS (ACT I & II) sein erstes richtiges Album auf den Markt. Live funktioniert sein straighter No-Bullshit-HipHop ausgezeichnet. Er versprüht positive Vibes, Stärke und lässt die kleine Zeltbühne überquellen.

Bishop Nehru ist dabei der beste Beweis dafür, dass eine Rapshow auch immer nur so gut wie ihr Publikum ist: Der Rapper scheint überwältigt von der Rezeption bei seiner ersten Show in Polen und zahlt das Vertrauen und die entgegengebrachte Sympathie mit einem hochenergetischen Set, das er immer wieder mit seinem DJ neu anpasst, zurück.

 

Den Samstag dominieren zwei große Pop-Frauen: Aurora und Charlotte Gainsbourg. Doch die beiden Konzerte und Persona könnten kaum unterschiedlicher sein.

Perfide Inszenierung

Auf der einen Seite haben wir Aurora, die mit ihrem gezwungen authentisch wirkend wollenden Auftreten aus Contemporary-Ausdruckstanz und Kichereien über die eigenen Nonsense-Ansagen, die folgendes Publikum abholt: den Berlin-Mitte-Hipster, der nach einem vermeintlich kräftezehrenden Arbeitstag in der Agentur auf seinem/ihrem Vintage-Rennrad nach Hause radelt, dabei im Schaufenster seines Lieblingsinneneinrichters erspäht, dass der Vitra-Stuhl doch schon vergriffen ist, sich dabei an den Abgasen der Autos verschluckt und sich schwört, nächstes Jahr aber wirklich nach Norwegen in die Blockhütte auszuwandern.

Das raffinierte und auch perfide an Auroras Inszenierung als übernatürliche Waldfee ist, dass sie genauso bei den Muttis und Vatis anschlägt, die sich auch hier beim OFF tummeln und ihre Naturverbundenheit mit Airbrush-Wolfkopf-vor-Bergkulisse-Shirts vom Jahrmarkt zeigen. Dass Aurora, um dieses scheinbar wohlige Emotionsvakuum aufrecht zu erhalten, einfach die ganze Zeit die selbe Songhülse unter wechselnden Titeln vortragen muss, nennt man dann wohl einen genialen „unique selling point“.

Gut, dass wir da auf der anderen Seite Charlotte Gainsbourg haben. Die Französin versteckt sich beinahe schüchtern hinter ihrem Rhodes-Piano, während ihre tighte Backing-Band wunderbaren postmodernen Elektro-Pop mit Chic-Disco-Stamp spielen. Im Zentrum der Liveshow steht nicht die Bühnenperson Charlotte Gainsbourg, sondern die Musik, deren Eindruck durch die grandios dirigierte, aus einer Vielzahl an stehenden, hängenden, sich bewegenden Rechtecken bestehende Lichtshow nur verstärkt wird.

Und doch ist der beste Moment in diesem dynamischen Set ausgerechnet das fragile „Runaway“. Das Kanye-West-Cover wandelt sich in Charlotte Gainsbourg in einen Chanson, das sie nie mit ihrem Vater singen konnte. Katowice ist ergriffen über so viel Gefühl.

Am abschließenden Sonntag scheint die Luft schon so gut wie raus zu sein, als Big Freedia zum wahnwitzigen Irrsinn lädt. Der queere Rapper aus New Orleans, der sich eigener Aussage nach auch mit dem weibliche Pronomen angesprochen fühlt, feiert eine energetische Messe der Vielfalt und Toleranz, covert dabei eher hanebüchen, aber umso amüsanter Adele und Beyoncé, lädt ein Dutzend Besucher zum gemeinsamen Twerken auf die Bühne und sorgt damit für die wahrscheinlich unterhaltsamsten 60 Minuten des Festivalwochenendes.

Big Freedias Auftritt macht darüber hinaus aber auch eines noch einmal deutlich: Das OFF ist eine liberale Insel in einem Polen, das derzeit mit Xenophobie regiert wird.

Nach dieser eigentlich des Abschlusses würdigen Show tun sich Grizzly Bear schwer, noch einmal die Massen zu mobilisieren. Vielmehr registrieren die Festivalbesucher den Gig als das, was er ist: ein grundsolides Konzert einer sehr guten Indie-Pop/Rock-Band, die sich über die Jahre einen Headliner-Slot wie diesen beim OFF 2018 verdient hat. Da helfen auch Ed Droste niedlich anzusehenden Tanzschritte nicht, um mehr in den Leuten auszulösen.

Eine Frage wäre jedoch noch nicht geklärt: Und die polnische Acts, wie sind die so? Wir können nur antworten: Lässt sich natürlich nicht verallgemeinern. Es gab solide bis belanglose Indie-Acts wie Sonbird, La-Brass-Banda-Doubles wie Hanba, nett gemeinte, jedoch zu schüchterne Musikerinnen wie Asia I Koty.

Einen bleibenden Eindruck hinterließen aber etwa der junge Singer/Songwriter Runforrest, der weniger weinerlichen Seafret-Folk zaubert. Oder der Experimental-Musiker Wojciech Bakowski, bei dem einen erst einmal sein Stirntattoo ins Auge fällt, dessen Samplearien gepaart mit seinem lakonischen Duktus unterhalten, ohne ein Wort Polnisch verstehen zu müssen. Ja, das Popland Polen ist nicht zu unterschätzen. Das haben wir beim OFF Festival 2018 gelernt.


Gründer Artur Rojek erklärt uns, warum das OFF Festival so wichtig für Polen ist
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