Olli Schulz im Blind Date: „Die Fickdichte wird lyrisch immer dichter“

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Auch Olli Schulz blieb von 2020 nicht verschont, Tourtermine fielen wiederholt flach. „Fest & Flauschig“ immerhin, sein Podcast mit Jan Böhmermann, erwies sich als pandemie-resistent und begleitete viele Daheimgebliebene auch über den Lockdown hinaus. Wir haben ihm auffällige Songs aus diesem Jahr vorgespielt.

Scooter – „FCK 2020“

H.P. Baxxter hat uns was voraus. Er bringt es auf den Punkt, er verschnörkelt es nicht: „The worst year ever“ und „we keep on going“, oder was er da singt. Einfach weiter durchziehen – ohne Rücksicht auf Verluste, das haben die wenigsten Künstler gebracht, einfach den gleichen Song nur mit anderem Text wieder. Der hat Kult überlebt, der hat Stefan Raab überlebt, der überlebt alles. Wenn du Weltstar sein willst, dann bist du wie Rammstein, wie die Scorpions… oder wie Scooter. Du scheißt auf Außenwirkung, du ziehst durch.

Haftbefehl – RADW

Ja, klar, kenn’ ich! Vielleicht bin ich da echt old school, aber wenn ich solche Musik höre, dann ist es Haftbefehl. Ich bin ihm durch die Sendung „Schulz in the box“ mal begegnet. Für mich einer der sympathischsten Gangsta-Rapper, die ich kennengelernt habe – und das kann ich nicht mehr von vielen behaupten. Auf der neuen Platte sind viele geile Sachen drauf, aber ich merke trotzdem auch, je älter ich werde, entschwinde ich dem Wunsch nach Männlichkeits-Attributen in der Musik. Die Hafti-Platte aber hab’ ich gern gehört, jedenfalls ein paar Songs.

Billie Eilish – No Time To Die

Ah, Billie Eilish ist das!

Ihr Bond-Song.

Den fand ich am Anfang bisschen langweilig. Aber wenn man einen geraucht hat, ist er auch geil, und wenn man dabei Auto fährt. Als Beifahrer natürlich! Ich kann mich dem nicht entziehen, dass ich sie sehr, sehr stark finde. Das ganze Paket: Also das Role Model für junge Mädchen, ihre abgeklärte Art – und es sind auch unfassbar gute Songs.

Pinkfong – Baby Shark

Etwas älter, hat aber dieses Jahr „Despacito“ überholt bei den YouTube-Klicks und steht bei 7,1 Milliarden Views.

Das ist so Einmal-Kult wie auch „Macarena“, danach hörst du nie wieder von den Leuten. Ob die später alle einfach nur ein gutes Leben auf Ibiza haben? Vielleicht ist es ja so. Man weiß es immer bloß bei Milli Vanilli: Der eine ist tot, der andere arbeitslos. Na, wünschen wir mal „Baby Shark“ einen zweiten Hit. Das hier holt mich nicht so ab. Solche Stücke werden ja vor allem auch erfolgreich, weil sie in vielen Insta-Storys von Models auftauchen und als TikTok-Challenges funktionieren. Musik ist heute mehr Gebrauchsgegenstand denn je.

The Killers – My Own Soul’s Warning

Ich hör mir immer noch jede Killers-Platte an. Aber letztlich ist es ein Ruf aus der guten alten Nuller-Zeit – wie bei den Strokes. Die machen das richtig, nur noch alle fünf Jahre eine Platte, dann ist es jedes Mal ein Comeback. Während ich die Brandon-Flowers-Solo-Platten zuletzt viel besser fand als die der Killers. Das klingt für mich zu sehr nach am Reißbrett entworfene Indie-Hymnen, um die Leute in Sicherheit zu wiegen.

Cardi B feat. Megan Thee Stallion – Wap

Lange war diese Art sexualisierter Texte den Männern vorbehalten und es ergibt Sinn, dass sich das jetzt auch die Frauen holen. Ich habe in meiner ganzen Karriere noch nie wirklich einen Song geschrieben, in dem es darum geht, dass ich Sex einfordere oder „Ich ficke gerne“ singe – da bin ich ein verklemmterer Typ, als ich es mir manchmal eingestehen will. Mit einer kleinen Tochter und je älter ich werde, ist es mir egal, ob mir nun ein Mann oder eine Frau singt: „Heute Abend wird gefickt! Und der Kitzler weht im Wind!“ Oder der Schwanz weht im Wind halt. Das überfordert mich, aber im R’n’B wird die Fickdichte ja auch lyrisch immer dichter. Dem fühle ich mich körperlich einfach nicht mehr gewachsen… Kannst du das jetzt bitte so aufschreiben, dass es nicht zu falsch rüberkommt?

Wieso? Klingt doch sehr realistisch.

Róisín Murphy – Something More

Hört sich an wie Neunziger.

Nicht schlecht, das ist Róisín Murphy – ehemals Moloko.

Ah, die finde ich toll. Aber ich habe sie mal live gesehen und da war sie so exaltiert auf der Bühne und hat den Kopf in eine Mülltonne gesteckt, das fand ich dermaßen artsy überspitzt, obwohl ich sie eigentlich toll finde, dass ich da irgendwann ausgestiegen bin. Das jetzt klang wie so die B-Seite einer guten Single, auf der man noch mal Disco ausprobieren wollte. Das ist Musik, die du auflegst um drei Uhr morgens bei einem Gymnasiallehrer auf der Party, wenn noch mal Engtanz kommen soll. Aber auch da gibt es meiner Ansicht nach Besseres, von Massive Attack oder so.

Akne Kid Joe – What AFD Thinks We Do

Kenn ich… irgendwas mit A… Akne Kid Joe?

Ja.

Die finde ich toll, mein Lieblingslied ist „Die zündende Idee“. In Deutschland wird Deutschpunk nicht so wertgeschätzt, aber es gibt geile Bands – und so was hier flasht mich immer noch. Damals als ich Geldprobleme hatte, hatte ich meine ganze Deutschpunk-Sammlung verkauft – und jetzt, wo ich ganz gut verdiene, habe ich sie mir bei eBay und Discogs für viel zu viel Geld wieder neu geholt. Torpedo Moskau, Razzia, OHL… aber ich mag auch neue Sachen wie Akne Kid Joe oder Pascow. Ich hätte irgendwie immer gern eine eigene Deutschpunk-Band gehabt. Aber ich hatte nie genug Bock, um mich noch zusätzlich mit Leuten zu treffen… neben der ganzen Liedermacher-Scheiße. (lacht)

Dieser Artikel erschien erstmals im ME 01/21.


Haftbefehl über seine nächste Platte: „Das Album ist ready“
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