Album der Woche

Frankie Cosmos Vessel


Sub Pop/Cargo

Das Kindchenschema aus der Verhaltensforschung funktioniert auch in der Popmusik. Ethologe Konrad Lorenz stellte einst fest, dass hübsche Babys von ihren Müttern besser behandelt werden als hässliche. Wir haben bei unseren Feldforschungen ermittelt: Frankie Cosmos machen es einem allzu einfach, sie zu mögen. Die Songs von Greta Kline, deren anfängliches Bedroom-Projekt sich mittlerweile zu einer vierköpfigen Band ausgewachsen hat, lösen ähnliche Reflexe aus wie ein besonders süßes Kleinkind: Man möchte sie schützend in den Arm nehmen, so zerbrechlich scheinen sie. So unfertig wirken die lieben Kleinen, so unsicher, man will ihnen unter die Arme greifen, während sie vorsichtig tapsend die Welt erkunden. Und man könnte ganz neidisch werden, weil sie noch so rein und unbelas­tet und optimistisch wirken, weil sie noch alles vor sich zu haben scheinen, weil sie so verdammt niedlich sind.

Das Einfache ist niemals so einfach, wie es scheint

Ja, niedlich sind die 18 Songs auf VESSEL, dem dritten Album von Frankie Cosmos. Sehr niedlich sogar, diese kurzen, gern kaum eine Minute langen Lieder. Wegen der kaum verzerrten Gitarren, die einen etwas größeren Raum einnehmen als auf den beiden früheren Alben, aber immer noch wie nebenbei hingehuscht wirken. Wegen der von den Beach Boys entwendeten Harmonien, der von den Beatles geklauten Melodien und der von Jonathan Richman entlehnten Haltung. Wegen des demonstrativ knuddeligen, aber doch nie penetranten Dilettantismus. Wegen der schiefen Töne und verschobenen Harmonien. Wegen der guten Laune und wegen der zarten Melancholie, mit der diese gute Laune immer wieder gebrochen wird. Wegen der naiven Früher-war-alles-irgendwie-besser-Attitüde und wegen der sommersonnigen Unbe­darft­heit, die wohl nie zuvor eine Band aus New York so kalifornisch hingetupft hat. Das alles wirkt schwerelos, unangestrengt, lässig, nachgerade unaufwendig und fragmentarisch, ja, wäre man böse, vielleicht sogar hingepfuscht. Aber natürlich ist das Einfache niemals so einfach, wie es scheint. Und natürlich wissen diese Songs und ihre Urheber ziemlich genau, was sie da scheinbar mühelos aus dem Ärmel schütteln.

Der Albumopener heißt „Caramelize“ und das geht bekanntlich mit erhitztem Zucker. Aber man sollte sich nicht täuschen lassen: Unter dem schützenden Mantel des Kindchenschemas holt Greta Kline, 1994 geboren als Tochter der Schauspieler Kevin Kline und Phoebe Cates, genaue Beobachtungen ihrer Generation und deren Desillusionierungen hervor. Natürlich berichtet sie aus dem Leben weißer Mittelklasse-Kids, erzählt aus dem Bauch der Bourgeoisie, von Langeweile und Zukunftsängsten und von Paaren, die sich gerade gemeinsam einsam fühlen, sie singt also von – wenn man so will – Luxusproblemen. Aber auch das sind aufgegebene Träume und erlittene Niederlagen, und von denen singt Kline nicht nur in „Jesse“ so schlau und poetisch wie kaum jemand sonst heutzutage: „And I knew if I thought really hard about flying I could probably do it, I’m just too tired for trying.“

Kooperation

Greta Kline ist nicht nur wahnsinnig sensibel, sondern auch ziemlich witzig

Natürlich ist das gefährlich. Natürlich könnte das allzu leicht prätentiös und larmoyant wirken, aber zum Glück ist Greta Kline nicht nur wahnsinnig sensibel, sondern auch ziemlich witzig. Ihr Humor ist zwar lange nicht mehr so offensichtlich wie früher, als Songs schon mal „Collaborative Farting“ oder „Shit About Fuck“ heißen konnten, aber er ist immer noch ausreichend fäkalgetrieben: „Being alive matters quite a bit, even when you feel like shit“, singt Kline in „Being Alive“ – und man kann das Stück auch angesichts des blutleeren Gesangs durchaus als depressiven Gegenentwurf zum euphorischen Falsett der Bee Gees aus „Stayin’ Alive“ verstehen.

Dieser trockene Humor fährt immer wieder heilsam hinein in das schwarze Loch, das sich auftut zwischen der musikalischen Niedlichkeit und der textlichen Trübsal. Mitunter mühsam, aber immer wieder erfolgreich gräbt sich der Humor auf dem Album durch die Erinnerungen und Beobachtungen, durch die Problemchen und kleinen Freuden, um die Frankie Cosmos schwirren wie die Fliegen um die Scheiße. „When the heart gets too tender, return it to sender“, singt Greta Kline und schafft damit nicht nur den nötigen Abstand zur voluminösen 60s-Retroseligkeit, sondern vor allem auch zum irritierenden Umgang mit der mal authentischen, mal kalkulierten Unbedarftheit, zum bewussten Spiel mit dem Kindchenschema.

Die fünf besten Songs: 1. Apathy 2. Accomodate  3. Jesse 4. Vessel  5. Duet

Klingt wie: Go-Go’s – BEAUTY AND THE BEAT (1981) / Vivian Girls – VIVIAN GIRLS (2008) / Kante – DIE TIERE SIND UNRUHIG (2006) / Die Heiterkeit – HERZ AUS GOLD (2012)


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