Porridge Radio Waterslide, Diving Board, Ladder To The Sky


Secretly Canadian/Cargo (VÖ: 20.5.)

von

Seit Kurzem gibt es ein Musikvideo zu dem Song „The Rip“. Darin rennt Porridge-Radio-Frontfrau Dana Margolin auf einem Laufband, das auf einer Wiese steht. Es ist Nacht, ihr Atmen ist sichtbar. Unter gleißenden Scheinwerfern und belagert von maskierten Gestalten powert sich Margolin auf dem Gerät aus. Man sieht sie schreien, aus großer Höhe fallen, schließlich erschöpft auf dem Laufband zusammensacken. Es ist ein schönes Sinnbild dafür, mit wie viel Einsatz sich die Londonerin in ihre Musik wirft.

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Nicht dass ihre  Bandmitglieder – Keyboarderin Georgie Stott, Bassistin Maddie Ryall und Drummer Sam Yardley – auf WATERSLIDE, DIVING BOARD, LADDER TO THE SKY Däumchen drehten. Aber Margolin, die ihr in Brighton gestartetes Soloprojekt Porridge Radio 2015 zum Quartett erweiterte und bis heute alle Songs schreibt, ist das heftig pochende Herz dieser Konstellation. Sie ist es, die ihr Innerstes – in zum Teil wunderbare Slogans verpackt – ganz offenlegt und deshalb in Interviews einräumt, wie peinlich ihr die Songtexte manchmal seien. Sie ist es, die sich in Rage singt.

Margolin oszilliert leicht zwischen Siedepunkt und Überkochen

So auch in „Back To The Radio“, das den Nachfolger des Kritikerlieblings EVERY BAD (2020) eröffnet. Zu fauchendem Gitarrenfeedback und einer kinderliedhaften Keyboardmelodie erzählt Margolin von Verletzlichkeit und Überforderung: „We sit here together / The same we have always been / Laughing and talking / But I want to cry to you.“ Noch ist ihre Stimme kontrolliert. Doch sie vibriert schon. Und Porridge Radio schaukeln sich hoch, ziehen eine Runde nach der anderen, bis Margolin fast brüllt.

Auch in den Folgestücken oszilliert sie leicht zwischen Siedepunkt und Überkochen und erinnert in ihrer Expressivität an eine Amanda Palmer, während sie von Eifersucht, von der Angst vorm Alleinsein und vor dem Tod singt. Textzeilen werden dabei zu Mantren, etwa in „Birthday Song“, in dem sich Margolin offenbar mit aller Macht abzuhärten versucht, wenn sie in Dauerschleife skandiert: „I don’t wanna be loved.“ Klar, das ist mehr Emo 2.0 als Easy Listening und kann an die Substanz gehen, auch beim Hören. Gleichzeitig hat es etwas Kathartisches, kriecht einem mit seiner Greifbarkeit und Dringlichkeit unter die Haut.

Eine Prise 60s-Feeling und Vintage-Gruselfilm-Atmosphäre

Gott sei Dank dreht Margolin nicht permanent voll auf. Und auch der Indie-Rock von Porridge Radio entwickelt mit jedem Album, jedem Produktions-Upgrade, neue Klangfarben. Die Lo-Fi-Tage, in denen die Band mit dem Laptop in einem Schuppen aufnahm – so geschehen anlässlich ihres 2016er-Debüts RICE, PASTA AND OTHER FILLERS –, sind Geschichte. Inzwischen türmen die Briten beachtliche Shoegaze-Wände auf und machen ausgiebig Gebrauch von den Wurlitzer- und Hammond-Orgeln des Mietstudios. Ergo: eine Prise 60s-Feeling und Vintage-Gruselfilm-Atmosphäre.

„Trying“ ist die bis dato wohl eingängigste und beschwingteste Nummer der Band, während die Piano-Ballade „Flowers“ ein orchestrales Crescendo andeutet. Das bereits erwähnte „The Rip“, auch ein Hit in spe, kombiniert spacige Retro-Synthies mit Grunge-Gitarren. Wenn Dana Margolin am Ende das emotionale Auf und Ab im Titelsong „Waterslide, Diving Board, Ladder To The Sky“ noch einmal zusammenfasst, tut sie das allerdings zurückgenommen, mit Akustikgitarre. Es ist wie ein langes Ausatmen nach einem Heulkrampf. Erschöpft und erleichtert zugleich.


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