Sarah Kuttner – Die Kolumne


Wenn diese Kolumne erscheint, hat der böse Jahreszeitenbundeskanzler Herbst/Winter die Regentschaft angetreten. Drum möchte ich auf Molltöne setzen und tüchtig Depri-Stimmung verbreiten. Ist Ihnen klar, daß der Herbst/Winter mittlerweile gut 70 Prozent der Gesamtjahresmasse einnimmt? Vorbei die Zeit, als im März die Gastronomen ihre Stühle auf die Straße schoben und man dachte: Jetzt kann’s theoretisch warm werden. Kann es nicht! Das ist vorbei! Für immer! Offiziell Sommer ist erst, wenn man die Hagelverwehungen auf dem Southside/Hurricane-Festival überlebt hat. Die Chance, auf einem dieser Festivals vom Niederschlag eine everlasting Beule in den Kopf gedonnert zu bekommen, ist größer als die Wahrscheinlichkeit, daß Oasis noch maleine richtig gute Platte machen. Und dann ist auch schon wieder Sommerschlußverkauf. Die Musikindustrie sollte, statt Sommerhits rauszubolzen, endlich den Herbst/Winterhit als eigenes Genre begreifen. Ähnlich wie den Sommerhit wird man ihn einem Baukastenprinzip unterwerfen müssen. Sommerhits werden in der Regel spanisch gesungen. Heißt: in irgendeiner Phantasiesprache, die nach 43 Eimern Sangria irgendwie spanisch klingt. Winterhits sollten schwedisch, norwegisch oder isländisch gesungen werden. Dazu wird von den Darbietern konsequent nur dickes Fell, Schal und Thermohose getragen. Statt verkaufsfördernder Erotik wird wieder mehr auf musikalische Virtuosität gesetzt. Ausladende Fagott-Soli und so. Generell sollte dem Herbst/Winterhit melancholische Schwere innewohnen, die trübes Aus-dem-Fenster-Gucken geil untermalt. Auch sollten Herbst/Winterhits in folgenden Situationen funktionieren: dunkle Straßen, menschenleere Fußgangerzonen an Sonntagen, Teestuben, Weihnachtsmärkte, Krankenhaus, Büß- und Bettag, Allerheiligen, Karfreitag und Tag der deutschen Einheit. Textlich tut Abgrenzung vom sog. „Weihnachtshit“ not, in Form extrem lebensverneinender, übellauniger Knatschlyrics! Die Chance des Herbst/Winterhits liegt darin, popmusikalisch unerwünschte Themen abzuhandeln: Milben, Amputationen. Flechte, deutsche Nachkriegsarchitektur, Fahrten in öffentlichen Verkehrsmitteln, Herpes und – super! – den Alterungsprozeß und Verfall im allgemeinen. Wichtig ist auch der Name, der die Keule der Finternis schwingen sollte. Schade, den besten Namen für eine Herbst/Winter-Band gibt es schon: Apokalyptica. Mir fallen spontan folgende niederschmetternde Namen ein: Novemberschweine, Kahler Asten, Gefrierbrand, The Herbstschwadron, Schwarzwald, Glassarg (Debütalbum: Selbstmord an Fronleichnam), Übergangsjacke Alaska, Ödnis am Arsch des Februar, The Sorrys, The Kompost. Diese Namen habe ich mirvorsorglich schon mal schützen lassen. Das Schützenlassen von Bandnamen kann ich mir nämlich als drittes Standbein vorstellen. Jahreszeiten- und genreunabhängig habeich mir daher auch diese Namen schützen lassen: Lametta, Holz (besonders kopfige Hamburg-Band), Beatle Bernd. Papst Hitler, Duran Duran Duran Duran, Gott, Muckerjäger, Schorf (deutschsprachige Metalband), Erna und Berta (homosexuelles HipHop-Duo o.a.) und Das Untenrum-Orchester Hildesheim (Erste Single: „Bringt mir den Kopf von Sarah Kuttner“, zweite Single: „Hosen voller Herbst“).