Kritik

„Secret Obsession“ auf Netflix: Eine Beleidigung von einem Psychothriller


Die nächste überflüssige Filmproduktion von Netflix heißt „Secret Obsession“ und ist kein Softporno, sondern ein durchschaubarer, oft kopierter und schlechter Witz. Keine Spoilerwarnung nötig, weil wirklich alles darin von Vornherein vorhersehbar ist.

Netflix hat am Wochenende mitten im Sommerloch mal wieder einen neuen, ach so vielversprechenden Film in seine Mediathek geladen und ganz oben auf die Startseite gepackt: In „Secret Obsession“, so sein nach Softporno klingender Titel, geht es laut dem Streamingdienst um „Amnesia“ und „Liebe und Besessenheit“, Genre „Psychothriller“. Die Kurzbeschreibung lautet: „Jennifer erwacht nach einem traumatischen Überfall mit Gedächtnisverlust. Ihr hingebungsvoller Ehemann kümmert sich um sie. Doch die Gefahr ist noch lange nicht vorüber.“ Nun: Wer diese Vorabinfos gelesen und den Trailer dazu gesehen hat, kann den kompletten Witz von einem Film schon ungesehen vorhersagen. „Secret Obsession“ ist eine Frechheit und eine Beleidigung an den Mindestintellekt von Netflix‘ Publikum.

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Jennifer erwacht nach einem traumatischen Überfall mit Gedächtnisverlust. Ihr hingebungsvoller Ehemann kümmert sich um sie. Doch die Gefahr ist noch lange nicht vorüber. Halt, Stop, nochmal von vorne, in eigenen Worten: Jennifer (Brenda Song) steht nachts, dem erstbesten Psychothriller-Klischee entsprechend, im strömenden Regen und voller Panik in einer Telefonzelle. Sie fleht beim Notruf um Hilfe, muss aber weiterfliehen, weil irgendein Täter ihr aus unbekannten Gründen nachstellt. Klatschnass und außer Atem schafft sie es bis zu ihrem Auto, wähnt sich fast in Sicherheit – da kriegt der Unbekannte sie doch. Die Gejagte rennt mit letzter Energie auf die Straße, wird prompt von einem anderen Wagen erfasst, schwer verletzt, und wacht nacht Tagen des Komas im Krankenhaus wieder auf. Unglück im Glück: Jennifer kann sich an nichts erinnern. Nicht an die Hetzjagd und den Unfall, nicht an ihr bisherigen Leben – und natürlich auch nicht an ihren Ehemann Russell (Mike Vogel).

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So weit, so eigentlich okay die Ausgangslage für halbwegs spannende anderthalb Stunden. Das Spannendste von jetzt an ist wegen all seiner Offensichtlichkeiten aber die Frage, wann „Secret Obsession“ endlich vorbei ist: Schon in dem Moment, in dem der viel zu geleckt daherkommende Durchschnittsschönling Russell Williams das Krankenhaus betritt und die Kamera seine Augen durch die Designerbrille in Nahaufnahme zeigt, ahnt selbst der unaufmerksamste Zuschauer: Mit dem Kerl stimmt was nicht. Der Verdacht erhärtet sich, als er Jennifer Fotos ihrer Hochzeit zeigt und sein Kopf in stümperhafter Photoshop-Phillipp-Manier auf einen anderen Körper draufmontiert zu sein scheint.

Auch Jennifer ahnt irgendwann, dass Russell ihr Lügen auftischt. Dass sie die Holzvilla in den Bergen Kaliforniens auch deshalb nicht wiedererkennt, weil sie wirklich noch nie hier war. Dass ihre alten Freunde sie nicht deshalb nicht besuchen, weil sie gerade keine Zeit hätten. Es beginnt ein Katz- und Mausspiel, in dem Jennifer dem Fremden, der sich als Vertrauter ausgab, mal voraus ist und fast fliehen kann, mal er sie wieder schnappt. Wie sie da mit gebrochenem Fuß am Bett gefesselt liegt und sich unter Schmerzen befreit, soll wohl eine Referenz an den Genreklassiker „Misery“ sein; wie sie nachts aufwacht und Russell dabei beobachtet, wie er irgendwas im Garten verbuddelt, an jeden dritten anderen, aber besseren Psychothriller. Es hilft nichts: „Secret Obsession“ kann nicht mal als Genre-Hommage schön geredet werden. Auch nicht durch den vermeintlichen und ebenfalls zehntausendmal gesehenen Showdown, in dem Polizist Frank Page (Dennis Haybert, bekannt als Präsident David Palmer aus „24“) Jennifer zur Hilfe eilt und natürlich sie es ist, die ihren Peiniger und Mörder ihres eigentlichen Ehemannes (Motiv: Obsession und Macht, der falsche Russell war ein Arbeitskollege von ihr, dessen Liebe nicht erwidert wurde) erschießen darf.

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Fazit: Liebe Streaming-Willigen, schaut lieber ICH. DARF. NICHT. SCHLAFEN. mit Nicole Kidman und Colin Firth oder lest den beiden Filmen zugrunde liegenden Roman „Before I Go To Sleep“ von Steve Watson. Liebe Netflix-Produzenten: Steckt Euer Geld lieber in Serien wie „Dark“, „Stranger Things“, „Ozark“ und „Glow“, also in Eigenproduktionen, die mehr Mehr- und Unterhaltungswert bereit halten, als sich anderthalb Stunden halbgelangweilt berieseln zu lassen. Dafür habt Ihr doch schon all die Adam-Sandler-Produktionen im Programm!