Kritik

„Sex Education“ (Staffel 2) auf Netflix: Endlich kann der Junge masturbieren!

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Die erste, Anfang 2019 erschienene Staffel der Netflix-Serie „Sex Education“ war wegen ihrer kurzweiligen Darstellung pubertärer Probleme und Befreiungsschläge nicht nur unter Teenagern ein Hit. In den acht Folgen ging es um den 15-jährigen Otis (Asa Butterfield). Als Sohn der bekannten Sexualtherapeutin Jean Milburn (Gillian Anderson) hat er es im fiktiven britischen Örtchen Moordale ohnehin nicht leicht – die Tatsache, dass er wegen des Berufs seine Mutter und ihrer unsensiblen Art der damaligen Aufklärung Sex mit Schmerz und Angst anstatt mit Leidenschaft und Freude verbindet, tut ihr Übriges: Otis gilt als verklemmter Nerd, der sich bei ersten Anbandlungen noch trotteliger und unsicherer anstellt als seine Altersgenossen.

In der Praxis hat Otis (noch) keine Ahnung von Sex, in der Theorie sehr wohl: Weil er über Jahre hinweg die Therapiegespräche seiner Mutter belauschte, kann er seinen pubertierenden Mitschülern hilfreiche Tipps bei ihren eigenen Sexualfragen geben. Und, oh boy, welche die teilweise auf Lager haben! Mit seiner guten Freundin Maeve (verblüffende Ähnlichkeit mit Margot Robbie: Emma Mackey) und seinem besten Freund Eric (Ncuti Gatwa) baut er ein heimliches Beratungsgeschäft damit auf. Sein eigenes Leben wird dadurch nicht leichter: Der Druck, endlich selbst Sex zu haben, und sei es für den Anfang wenigstens mit sich selbst, steigt ins Unermessliche. Zumal er mit der Handwerkertochter Ola (Patricia Allison) eine bezaubernde Freundin findet, mit der alles gut werden könnte – wenn Otis nicht, wie man als Zuschauer von Folge 1 an ahnt, in die sich rebellisch gebende Maeve verknallt wäre (die mit dem angehenden Schwimmprofi Jackson zusammen ist).

„Sex Education“, Staffel 2: Diversität wie aus dem Bilderbuch

Die zweite Staffel „Sex Education“, die seit dem 11. Januar 2020 auf Netflix im Stream zu sehen ist, markiert einen Durchbruch für Otis: Aus dem verklemmten Nerd ist, angestoßen durch den ersten Kuss mit Ola, ein masturbierender Heranwachsender geworden. Einer, der die Theorie mühsam in die Praxis überführen will, der selbstbewusster ist, flirtet, von Mitschülern ernster genommen wird und ausufernde Partys schmeisst. Nicht nur er steht plötzlich zwischen zwei Menschen, die er nicht verletzten will und doch genau das tut, seinem Kumpel Eric geht es genau so: Vor seiner gläubigen Familie steht er endlich zu seiner Homosexualität und seiner Vorliebe für Schminke und bunte Kleider und stellt ihnen sogar seinen neuen Freund, den Austauschschüler Rahim, vor. Doof nur, dass da auch noch der nach außen hin aggressive Schuldirektor-Sohn Adam ist, mit dem Eric mal was hatte. Luxusprobleme, von denen er und Otis ein paar Monate zuvor nur hätten träumen können!

Was auf dem Papier nach kurzweiliger Coming-of-Age-Dramedy klingt, ist in der Umsetzung stellenweise zu glatt und reibungslos geraten. Die ohne Frage nicht hoch genug anzusetzende Diversität wirkt wie aus dem Bilderbuch: Es gibt den schwarzen Schwulen, den weißen verkappten Bisexuellen, eine schwarze und eine weiße Lesbe, einen Rollstuhlfahrer, Inder, Latinos, Sportstars, Snobs, reiche Mittelklässler, die in großen Häusern leben, ärmere Mitschüler, die in die als White-Trash-Containern hausen und so weiter.

Kein Spoiler: Die einen haben es leichter, die anderen schwerer, am Ende aber sind sie alle gleich und am Ende kriegen (fast) alle, was sie wollen. Toleranz erfahren sie von allen Seiten außer vom einsamen Direktor, dem tragischen Bösewicht der Story. Das alles ist schön und beinahe märchenhaft anzusehen und kann als vorbildlich verstanden werden – der Realität entspricht es leider nicht.

Sex kid saved my life!

Die mindestens genauso interessanten behandelten Probleme und Nebenplots in der 2. Staffel „Sex Education“ sind die anfangs scheinbar abseitigeren: Sexualtherapeutin Jean Milburn etwa ist seit der Trennung von ihrem Ex-Mann beziehungsunfähig, wird vom ruppigen Handwerker Jakob in dieser Hinsicht aber hart auf die Probe gestellt. Ihr Consulting in der Highschool läuft anders, als geplant; so erfährt sie jedoch vom Spitznamen ihres Sohnes: „Sex kid saved my life!“ hat jemand in den Tisch geritzt. Und dann ist da noch die leider zu naive, aber gut vernetzte Aimee (Aimee Lou Wood): Während einer Busfahrt wird sie sexuell belästigt, spielt den Vorfall aber nahezu dumm herunter („Eine Ejakulation ist doch im Grunde nichts anderes als ein niesender Penis!“). Maeve zwingt sie zu einer Aussage bei der Polizei, und wie sehr die geschehene Nötigung doch an Aimees Selbstbewusstsein und Freiheitsgefühl kratzt, gehört in den weiteren Folgen zu den bedrückenderen Momenten. Leider gerät die Auflösung des Problems auch hier zu oberflächlich: „Lass‘ Deine Wut doch einfach mal richtig raus!“, empfehlen ihr ihre neuen Freundinnen, während sie in eindeutiger „Breakfast Club“-Referenz gemeinsam nachsitzen müssen.

Das Setting von „Sex Education“ ist übrigens noch immer eine der größten Stärken dieser trotz benannter Schwächen an Stärken nicht armen Serie: Moordale soll irgendwo im Vereinigten Königreich der Jetztzeit liegen, wurde im grasgrünen Wales gedreht und könnte genauso gut im Nordamerika der Achtziger spielen. Die Klamotten! Die Quizduelle! Der Sportdrill! It could be anywhere – so wie die behandelten Probleme eben auch an fast jeder Schule und in fast jeder Pubertät existieren. Die Message nämlich ist genau so universell: Redet miteinander!

„Sex Education“, Staffel 2, 8 Folgen á 40-50 Minuten, seit 11. Januar 2020 auf Netflix im Stream verfügbar. Staffel 3 wurde noch nicht angekündigt, gilt aber u.a. wegen des Cliffhangers am Ende von Staffel 2 als wahrscheinlich.

Sex Education: Season 2 | Official Trailer | Netflix auf YouTube ansehen


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