Stevie Wonder – Der Boß der schwarzen Funk- Musik


Die einzigen sechs Konzerte in Europa gab Stevie Wonder im Londoner Wembley. Allein 48000 Karten waren auf schriftliche Vorbestellung hin vergeben worden - die Schwarzhändler traten sich vor der Halle gegenseitig auf die Füße. Innerhalb der ungemütlichen Mauern des Wembley Pool gab Stevie Wonder zusammen mit seiner Band unvergeßliche Vorstellungen; wie kein anderer überquert er in seiner Musik Grenzen und Kategorien.

Das Taxi rattert durch Notting Hill in Richtung Norden, unter dem Westway durch, einer monströsen Stadtautobahn, die das Viertel brutal durchpflügt, die endlosen schäbigen Häuserreihen der Harrow Road entlang. An den Straßenecken, vor den Geschäften fast ausnahmslos Schwarze, dazwischen einige Pakistani, selten mal ein Weißer – ich bin nicht in der Bronx, sondern in Nordwest-London. Aus dem Radio tönen seit einer halben Stunde Songs von Stevie Wonder, alte und neuere, dazwischen die Durchsage, daß es kein Vorprogramm gibt und Stevie pünktlich beginnt, danach erst die Nachrichten vom Gewerkschaftskongreß und von den Streiks in Polen.

In London scheint das Wonder-Fieber zu grassieren, bei den Älteren, die mit Wehmut an die fröhlichen Tanznummern des schwarzen und blinden Wunderkindes Stevie denken, bei den etwas Jüngeren, die den gereiften Musiker und Komponisten als eine der künsterisch und kommerziell angesehensten Persönlichkeiten der Popmusik der 70er Jahre bewundern. Aber draußen, bei den Leuten in der Harrow Road, gilt da der blinde Soul-Bruder aus den Staaten auch soviel wie bei seinen schwarzen Landsleuten?

Bei seinem letzten Europabesuch vor sechs Jahren habe ich Stevie und seine Band Wonderlove in einem Fernsehstudio in Bremen live gesehen, es war die hohe Zeit von TALKING BOOK und INNERVISIONS, ein unvergeßlicher Abend Mir kommt wieder in den Kopf, wie Stevie auf die Bühne geführt wurde, sich ans Schlagzeug setzte, allein einen groove vorlegte, um sich erst später von seinem Drummer Ollie Brown ablösen zu lassen – er kann eben fast alles, schreiben, singen, spielen, produzieren, er soll sogar seine Aufnahmen selbst abmischen. Wie wird das Konzert heute, sechs Jahre später, aussehen, werden wir den schwer zugänglichen, tiefsinnigen Stevie Wonder seiner letztjährigen Filmmusik THE SECRET LIFE OF PLANTS erleben, oder den offeneren, der Leben und Wärme versprüht? Ich überschlage die Songs, die ich gerne hören würde, ich komme auf über fünfzig, eine Melodie schöner als die andere. Wie jemand mal gesagt hat: „Stevie Wonder ist der Duke Ellington von heute.“

Wembley – im Hintergrund thront das mächtige Stadion davor die Arena, eine häßliche Halle mit etwa 10000 Plätzen. Vor den Eingängen treten sich die Schwarzhändler gegenseitig auf die Füße, alle 48000 Karten, die es für die sechs Londoner Konzerte, die einzigen in Europa, gegeben hatte, waren im Vorverkauf auf schriftliche Bestellung hin weggegangen. Das Publikum ist wie London selbst: eine bunte Mischung, in England ist schwarze Musik schon immer zu Hause gewesen, vom frühen Tamla-Motown-Sound aus Detroit bis zu den moderneren Formen, und Stevie Wonder überquert wie kein anderer in seiner Musik und bei seinem Publikum Grenzen und Kategorien.

Wonderlove kommen auf die Bühne, die links und rechts von einer grünen, eine Wiese vortäuschenden, Dekoration eingerahmt ist. Die acht Musiker und vier Sängerinnen haben ihre Plätze auf einem Treppenaufbau, der wie heller Mamor aussieht. Ganz oben regiert der Schlagzeuger Dennis Davies (viele kennen ihn vielleicht eher von seiner Arbeit für David Bowie), darunter der gewichtige Bassist Nate Watts, der eine Art – Bindeglied zwischen der Band und Stevie darstellt, dessen Keyboards (Flügel, Fender, Clavinet, Yamaha CS 80 Synthesizer) vorne aufgebaut sind Dann führt eine der Sängerinnen den jetzt Dreißigjährigen herein, seine langen Haare sind zu kleinen, mit Perlen verzierten Zöpfen geflochten, sein Gewand erinnert ein wenig an Cleopatra. Er orientiert sich kurz und beginnt mit „For Once In My Life“. Doch nach ein paar Takten bricht er ab. Was ist los? Mit leiser Stimme erzählt er, daß er mal anders anfangen will und daß jemand aus dem Publikum eine Ansage machen soll. Nach einigen Momenten ratlosen Schweigens, quäkt eine Mädchenstimme aus den vorderen Reihen: „Ladies and Gentlemen, the incredible Stevie Wonder!“ und jetzt geht’s richtig los! Zwei weitere große Hits der sechziger Jahre folgen, „My Cherie Arnour“ und „Signed, Sealed, Delivered“, eine Reverenz an seine älteren Fans. Der Sound läßt noch zu wünschen übrig, pegelt sich aber nach einigen Minuten ein und erfüllt dann die hohen Erwartungen, denn das PA-System ist dasselbe, das Pink Floyd sonst benutzt. Was in den nächsten drei Stunden abläuft, ist ein Überblick über jetzt 17 Jahre alte Karriere ein Schwergewicht auf seinen großen Alben der Siebziger. „Stevie Wonder führt seine Musik nicht einfach vor, er feiert sie wie ein Fest mit seinem Publikum, immer wieder spricht er es an, findet bereitwillige Zustimmung bei seinen zahlreichen Aufforderungen, ihn bei Chören, bei Ruf- und Antwortstimmen zu unterstützen. Ich habe ganz selten ein solch enges, warmes Verhältnis zwischen einem sogenannten ,Star‘ auf der Bühne und seinem Publikum gesehen, und das vor über 8.000 Menschen. Da ist kein Mitleid für einen blinden Künstler, da ist Achtung, gegenseitige Dankbarkeit, ja sogar etwas wie Zusammengehörigkeit Nach stürmischem Beginn drosselt Stevie das Tempo ein wenig mit „If You Really Love Me“ und „Superwoman“, um danach allein am Piano einige seiner schönsten Liebesballaden zu singen, „You And I“, „Too Shy To Say“, „All I Love Is Fair“. In der Halle ist es mucksmäuschenstill, jeder spürt, daß hier jemand seine Gefühle ofienlegt. Die Band kommt wieder hinzu, gleitet in einen neuen Song über, „Lately“. Stevie erzählt, daß er bei einem Auftritt im Roxy von L.A. das Publikum unter drei neuen Songs einen für sein nächstes Album auswählen ließ, die Mehrheit war für „Lately“.

Ich frage mich, woher Wonder immer wieder diese wunderschönen eingängigen Melodien und Harmonien nimmt. Einige drehen sich durch ständige Wiederholung wie eine Spirale nach oben und bekommen fast hypnotische Wirkung, wie im nachfolgenden „Don’t You Worry ‚bout A Thing“. Das Tempo hat wieder angezogen, Stevie steht am Clavinet (Hohner und der Schwarzwald sollten ihm ein Denkmal setzen), peitscht „Higher Ground“ heraus, bekennt nachher: „Phew, da bin ich weggeflogen“. Im gleichen Atem „Boogie On, Reggae Woman“, an der Hand einer Sängerin verläßt er seinen Platz, bläst ein Harmonika-Solo, tanzt im Groove, treibt rhythmische Frage-und Antwortspiele mit den Leuten. Die Band wechselt in den Riff von „Let’s Get Serious“, der Bombennummer, die Stevie Jermaine Jackson geschenkt hat. Er singt mit drahtlosem Mikro, tanzt, boppt – wenn er den Saal sehen könnte, aber er spürt, wie die Leute dabei sind. Dann sagt er Jetzt erzähl ich euch eine wirklich ernste Geschichte‘ über den Anfangsakkorden von „Livin For The City“, diese Version ist schneller, packender als die aus INNERVISIONS wieder trägt das Publikum den Refrain, und wie die Leute singen, sie wissen wovon sie sprechen. Das Tempo steigert sich immer mehr, Stevie geht von der Bühne, er hat 17 Songs in anderthalb Stunden gesungen, ich denke, das ist doch etwas wenig und richte mich auf die Zugabe ein. Erst dann wird mir klar, daß das die Pause ist.

Zu Beginn der zweiten Hälfte spannt Stevie den Bogen ganz zurück zum Start seiner Karriere, als er die jugendliche Ausgabe von Ray Charles war. „Little Stevie Wonder, the 12-year old genius‘, heißt es, dann kommt Stevie im blauen Smoking mit Fliege, hüpft herum, bläst auf der Harmonika und singt mit hoher Kinderstimme seinen ersten Hit „Fingertips“. Danach eine Nummer von Wonderlove allein – Wonder hat eine hervorragend eingespielte Band mit vier Bläsern, zwei Gitarren, einem zusätzlichen Keyboardspieler, Baß, Drums und vier brillanten Sängerinnen. Die Band reagiert auf Stevie’s spontane Einfälle geschlossen wie im Schlaf, oft gehen Nummern ineinander über, verfließen die Übergänge. Soli sind selten, dafür mehr rhythmische Phrasen und Grooves, denn das Hauptinstrument ist ohne Einschränkung Stevie’s Stimme, sie ist fast ohne Unterbrechung in Aktion, und jede Note, jede Phrasierung sitzt.

Einst ein atemloser überschlagender Soul-Shouter, kann er heuie auch ruhig und zart klingen, dabei sich aber noch genauso zu harten, peitschenden oder jubilierenden Tönen steigern. „Sir Duke“ und „I Wish“ von SONGS IN THE KEY OF LIFE vollziehen den Sprung zur Gegenwart, unterstützt von einem tausendstimmigen Chor. „I Wish“ endet mit einer Serie von Breaks, die ich nicht fassen kann, so unglaublich zusammen sind sie gespielt. Sie klingen, als ob ein Band in unregelmäßigen Abständen anhält und wieder abfährt. Dann knacken die Clavinet-Töne los, die jeder erkennt, „Superstition“ – die Tanznummer der siebziger Jahre, die Ränge wogen auf und ab. Darauf die immer wiederkehrenden Melodiebögen von „As“, Stevie läßt sie in einen Duettgesang des Publikums übergehen, die Männer singen „We can do it, we can work it out“, die Frauen ,love is good, love is right‘. Darüber erzählt Wonder wie ein Prediger von der fehlenden Nächstenliebe in der Welt. Manchem mögen diese Monologe zu naiv und zu lang sein, aber man spürt das ehrliche Anliegen. Besonders, als Stevie von seiner Initiative berichtet, einen neuen Nationalfeiertag für Martin Luther King einfzuführen, für den Mann, der ermordet wurde, weil er allen Menschen Liebe bringen wollte‘. Die aufgeladene Stimmung beruhigt sich für zwei getragene Songs aus SECRET LIFE OF PLANTS um danach zum letzten Höhepunkt anzusteigen, zu drei Nummern seiner neuen LP HOTTER THAN JULY, die in einigen Tagen erscheinen wird Die Single „Master Blaster“ ist ein Funk-Reggae, der mit Marley’s „Jammin“‚ ausklingt. Es scheint so, als ob Wonder nach der gemischten Reaktion auf SECRET LIFE mal kurz zeigen will, wer immer noch der Boss der schwarzen Funkmusik ist. „Did I Hear You Say“ stürmt los wie zu besten Soul-Zeiten, ebenso die letzte Nummer, nach der Stevie und die Band einer nach dem anderen die Bühne verlassen. HOTTER THAN JULY läßt auf einen ganz heißen Herbst hoffen. Es gibt trotz tosender Beifallstürme keine Zugabe, aber was soll jetzt auch noch kommen! Stevie Wonder hat 32 seiner schönsten Songs gespielt, ich habe u.a. „I Was Made To Love Her“ und „Isn’t She lovely“ vermißt, aber was machts, es war ein wunderbarer Abend. Wirklich ein Fest, besinnlich, fröhlich, herzlich, überschwenglich, und die Bestätigung, daß Stevie Wonder eine der faszinierendsten und wichtigsten Persönlichkeiten unserer Zeit ist.