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The Rifles im Interview: Heimatlos und doch endlich erwachsen

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Zwei Gitarrenkästen liegen auf dem Boden der Lobby des Berliner Weinmeisterhotel, daneben stehen Lukas Crowther und Joel Stoker von The Rifles. Sie sind beide sehr britisch und haben deswegen auch die unmögliche Eigenart, ihre „t“s zu verschlucken, das „th“ als „f“ zu interpretieren und nebenbei ein bisschen zu nuscheln. Dennoch bestellen sich die beiden keinen Earl Grey zum Interview – Luke trinkt eine Coke light, Joel einen Latte Macchiato.

Am Mittwochabend sind die beiden nach Berlin gekommen und wollten so schnell gar nicht wieder gehen. „Es gibt so viele tolle kleine Second-Hand-Shops!“, so Luke Crowther. „Erst gestern habe ich einen entdeckt, da hingen unglaublich viele alte Gitarren drin – Fenders, Gibsons – aber nur zur Dekoration. Was die für ein Geld an den Wänden haben, unglaublich.“

Die beiden Songwriter der Rifles sind in die Hauptstadt gekommen, um ihr neues Album „Freedom Run“ zu promoten, dass am vergangenen Freitag via Right Hook Records/EMI in Deutschland veröffentlicht wurde. Während die Vorgänger im Sound recht ähnlich klangen – eine für die Zeit wohl typische Mischung aus den Beatles, The Clash und The Smiths – haben sich die Herren von den Rifles für ihr drittes Studioalbum auf ihren Hosenboden gesetzt und etwas mehr an ihrem Sound gefeilt. Das Ergebnis ist eine weitaus poppigere Platte mit durchaus schönen Momenten, wie die kindlichen Glockenspielklänge in „Falling“ und in „Coming Home“, der harmonische Gesang der beiden, der sich als rote Faden durch alle Songs zieht. Auch Streicher kamen zum Einsatz: bei der ersten Single „Tangled up In Love“ zum Beispiel. Diese Experimentierfreude kommt vielleicht auch daher, dass sie nicht mehr bei einem großen Label unter Vertrag sind.  

Eure drei Alben wurden jeweils bei einem anderen Label herausgebracht. Wie kommt das, warum nicht einfach bei einem Unternehmen bleiben?

Joel: Die können uns alle nicht leiden.

Luke: Keiner hält es auf Dauer mit uns aus. Nein, kleiner Scherz. Es ist einfach völlig wahnsinnig, die Musikindustrie verändert sich ständig und ist auch ständig in Aufruhr. Wir wären eigentlich wirklich gerne nur bei einem Label geblieben.

Joel: Unser erstes Label war Teil von Sony, aber es war wirklich nur ein winziges kleines Unternehmen und schlussendlich haben sie es einfach geschasst. Also, das war wohl nichts. Nicht unsere Schuld.

Luke: Mit dem zweiten Label war’s ähnlich…

Joel: … da waren wir bei 679, was dann von Warner geschluckt wurde und ein massives Ding wurde. Es war nicht das kleine Indie-Label, bei dem wir zuerst unter Vertrag standen.

Luke: Das war wirklich nicht unsere Priorität, bei einem großen Label unter Vertrag zu sein. Deswegen bringen wir unser neues Album nun selbst heraus. Da haben wir alles wenigstens selbst in der Hand und können uns aussuchen, wie wir was machen. Do it your own way!

Bei eurer Band hat sich außerdem viel geändert – ihr zwei seid die einzigen Gründungsmitglieder, die noch übrig geblieben sind. Wie könnt ihr dann noch The Rifles sein?

Luke: Wir beide haben die Band im Prinzip gegründet. Joel und ich haben im Prinzip alle Songs zusammen geschrieben. Als wir uns kennengelernt haben, haben wir angefangen zusammen zu jammen und Songs zu schreiben, noch bevor die anderen Bandmitglieder zu uns gestoßen sind. Ich möchte jetzt niemanden auf die Füße treten, aber wir zwei sind The Rifles. Punkt.

Joel: Wir haben sogar ein altes Demo, das nur wir beide gemacht haben. Darauf haben wir uns das erste Mal The Rifles genannt.

Luke. Ja, genau, noch bevor die anderen mit dabei waren, haben wir uns The Rifles genannt. Wir müssen diese CD ausgraben! „Spend A Lifetime“ war sogar drauf, und ein weiterer Song, den wir bisher noch nicht veröffentlicht haben, „Ain’t No Revolution“. Und das ist der Beweis: Wir zwei sind The Rifles.

Bitte verzeiht mir, wenn ich das jetzt so sage, aber die vergangenen Alben waren sich sehr ähnlich. Als ich dann „Freedom Run“ gehört habe, war ich positiv überrascht, dass sich doch relativ viel im Sound geändert hattet – Harmonien im Gesang, Streicher, manchmal ein Glockenspiel zwischendrin. Seid ihr als Band „erwachsen“ geworden?

Joel: Ich denke, wir sind eher als Personen erwachsen geworden.

Luke: Bei uns ist in den letzten paar Jahren soviel passiert, so viel Großes. Wir haben dieses Album geschrieben, als viele dieser unglaublichen Dinge passiert sind, und das hatte natürlich einen unglaublich großen Einfluss auf unser Songwriting. Ich habe jetzt eine kleine Tochter! Wir sind eben nicht mehr Anfang zwanzig.

Joel: Wir mussten endlich erwachsen werden und uns mit Erwachsenenkram befassen, Verantwortung übernehmen. Die reale Welt da draußen erwischt dich auf einmal, schlägt dir ins Gesicht und du musst das einfach akzeptieren. Es ist ganz natürlich, dass man lernen muss, damit umzugehen.

Luke: Und wir machen das, indem wir auf einmal beim Singen Harmonien bilden. (lacht) So gehen wir mit unseren Problemen um, wir harmonisieren!

Wie viel persönliche Biographie steckt in den Songtexten von „Freedom Run“?

Luke: Es steckt wirklich viel Persönliches drin. Wir denken in unseren Texten eher über unser Leben als über das Leben anderer nach. Trotzdem versuchen wir, unser Leben objektiv zu betrachten. Es ist etwas introvertierter als sonst, aber das bedeutet ja nur, dass man sich mit seinen Emotionen mehr auseinandersetzt und versucht, tiefer zu gehen. Wir hoffen, dass auch die Hörer sich dann mit den Texten identifizieren können. Früher war es eher so, dass sich unsere Liedtexte eher um kleine Geschichten oder so etwas gedreht haben. Wir sind damit groß geworden, dass ein Song gleichzeitig als Erzählung fungieren kann und lieben das auch immer noch. Aber für dieses Album mussten wir einfach ein bisschen tiefer gehen, ein bisschen graben.

Wie hat das Songschreiben bei eurem neuen Album dann funktioniert?

Luke: Es war ein sehr natürlicher Prozess. Wenn Joel etwas geschrieben hatte, hat er es mir vorgespielt und umgekehrt. Wir haben zu zweit an unseren Songs gearbeitet, bevor wir sie irgendwem vorgespielt haben. Bei „Freedom Run“ ging es primär darum, dass wir selbst mit dem Ergebnis zufrieden waren. Wir haben uns gegenseitig auch sehr viel Spielraum überlassen, so hat sich das alles ganz natürlich entwickelt.

Die Band Oasis hatte ja einen großen Einfluss auf eure Bandgründung und euer Songwriting. Nun, da die Gebrüder Gallagher getrennte Wege gehen: Wer glaubt ihr, macht das Rennen? Liam mit Beady Eye oder Noel mit seinem Soloprojekt?

Joel: Ich bin für beide.

Luke: Ja, ich will mich nicht für einen der beiden entscheiden.

Joel: Beide sind auf verschiedene Art und Weise wirklich großartig in dem was sie machen.

Luke: Und Noels Album ist noch gar nicht herausgekommen. Wir wissen noch gar nicht, wie das klingt.

Tatsächlich gibt es ja schon drei Songs im Netz: Die ersten zwei Singles „The Death of You and Me“ und „AKA… What A Life“ und dann noch „If I Had a Gun“.

Joel: Oh ja, „If I Had A Gun“ ist ein guter Song.

Luke: Das Ding ist, Liam hat so eine unglaubliche Energie und strahlt unglaublich viel aus und Noel, Noel steckt tiefer in den Finessen des Songwritings drin – und er ist auch ein bisschen entspannter als Liam. Deswegen waren sie zusammen ja auch so unglaublich gut. Das ist ja auch die Dynamik einiger Bands, die Rolling Stones mit Jagger und Richards zum Beispiel. Und wenn man sie dann voneinander trennt verliert man zwar etwas, aber es ist auch sehr interessant, sie quasi in ihrer eigenen Umgebung zu beobachten. Ich finde es auch durchaus löblich, dass sie ihr eigenes Ding durchziehen und wir wünschen ihnen natürlich nur das Beste!

Joel: Wir entscheiden uns nicht für einen der beiden.

Glaubt ihr denn, dass Oasis sich jemals wieder zusammenraufen?

Joel: Ich denke schon.

Luke: Ich auch, aber schau: Sie haben mehr erreicht, als sie jemals hätten erreichen müssen, und ich denke nicht, dass sie sich jemals wieder an diesem Ort wieder finden werden. Ich glaube, es geht mehr um den persönlichen Weg. Sie haben diesen Sound bis auf den letzten Tropfen gemolken – weißt du, diesen ganzen Beatles-Sound. Sie haben ihn genommen und entwickelt, doch das war damals. Und wenn ich sie wäre, dann würde ich doch versuchen, es von dort aus weiter zu entwickeln, quasi den Oasis-Sound weiterzuentwickeln. Ich meine, es sind ja kreative Personen. Wie könnte ich das noch verändern? Und in der Beziehung hat mich Liam auch ein bisschen enttäuscht, er hätte sich noch ein bisschen mehr von dem Beatles-Ding entfernen können, experimenteller werden können.

Joel: Bist du dann doch für Noel?

Luke: Nein, überhaupt nicht! Aber man sollte doch ab einem gewissen Punkt über den Tellerrand hinausblicken und seinen Horizont erweitern.


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