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Zelda Fitzgerald: Die Frau, die nicht schreiben durfte

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Seit 103 Jahren besitzen Frauen in Deutschland das Wahlrecht, seit 40 Jahren ist es ihnen erlaubt, ein eigenes Konto zu eröffnen, seit 24 Jahren ist Vergewaltigung in der Ehe verboten und vor vier Jahren wurde der Grundsatz „Nein heißt Nein“ gegen sexuelle Belästigung im Strafgesetzbuch aufgenommen. Fortschritt? Jein. Was progressiv klingt, ist tatsächlich ein wahrlich kleiner Nenner eines jahrhundertelangen Kampfes. Am 08. März jährte sich der Internationale Weltfrauentag, oder besser gesagt Feministischer Kampftag – und noch immer müssen sich Frauen weltweit für ihre Gleichberechtigung und Anerkennung einsetzen. Gender Pay Gap, weibliche Altersarmut sowie sexuelle Belästigung und Missbrauch gehören für die meisten Frauen nach wie vor zum Alltag. Und das im Jahr 2021!

Anstatt sich jedoch der Wut und Frustration hinzugeben, möchte die Autorin dieses Textes den Monat im Zeichen der Frau und die Zeit danach stattdessen dafür nutzen, auf all die Pionierinnen aufmerksam zu machen, die die Welt verändert haben – und in Geschichtsbüchern dennoch häufig nicht vorkommen. Willkommen zur ME-Rubrik „FLINTA*, die mit ihrer Kunst die Welt verändert haben“. Ihr habt noch nie etwas von FLINTA* gehört? No worries: Der Begriff ist relativ neu und bezeichnet alle weiblich gelesenen Personen, die im Patriarchat diskriminiert werden – somit werden darunter nicht nur heterosexuelle cis-Frauen, sondern auch homo- oder bisexuelle, intersexuelle und nicht-binäre Frauen, sowie Trans- und agender-Personen miteingeschlossen.

Diese Woche im Portrait: Zelda Fitzgerald – eine talentierte Frau im Schatten ihres berühmten Mannes

Es sind romantisierte, fast schon mystische Geschichten, die sich um das Leben von Zelda Fitzgerald drehen: Die wunderschöne, rebellische Frau an der Seite des genialen Schriftstellers F. Scott Fitzgerald, der unter anderem „The Great Gatsby“ verfasste. Das glamouröse Paar, das die Goldenen Zwanziger mit all ihrem Eskapismus und ausschweifenden Partys zu verkörpern schien. Die immer fragiler werdende psychische Verfassung von Zelda, die letztendlich zu ihrem Tod in einer psychiatrischen Klinik führte. Doch all diese Vorstellungen von den Fitzgeralds missachten einen wichtigen Punkt: Zelda Fitzgerald war nicht nur Scotts Muse, das Beiwerk zu seinem Erfolg. Sie war eine ebenso talentierte Frau, deren Texte von ihrem eigenen Ehemann plagiatisiert und deren schriftliche Amibitionen von ebendiesem im Keim erstickt wurden. Glücklicherweise hat sich in den vergangenen Jahrzehnten ein Paradigmenwechsel vollzogen, der Zelda mehr als feministische Ikone – und nicht als passives Anhängsel – anerkennt. Das hier ist ihre tragische Lebensgeschichte.

Zelda Sayre kommt am 24. Juli 1900 zur Welt; sie ist eines von sechs Kindern einer reichen und hoch angesehenen Familie aus Alabama. Ihr Vater, Anthony Dickinson Sayre, arbeitet als Richter am Supreme Court, und sowohl ihr Großonkel als auch Großvater sitzen im Senat. Die Sayres entstammen einer langen Linie aus frühen Siedler:innen, die den Staat Alabama mitbegründet haben sollen. Aufgrund des gesellschaftlich hohen Ranges ihrer Familie unterliegt Zelda schon früh dem Druck und der Verantwortung, den Ansprüchen gerecht zu werden. Dies will ihr jedoch nicht so recht gelingen: Teils aus Trotz, teils aus Desinteresse beginnt Zelda mehr und mehr, gegen ihren strengen Vater und ihre mächtige Familie zu rebellieren. Zwar ist sie ein aufgewecktes, fröhliches Kind mit vielen Hobbys – so liebt sie es, Ballett zu tanzen und in die Natur zu gehen –, doch ihre Schulaufgaben macht sie eher sporadisch, und von ihren Lehrer:innen wird sie als sehr intelligent, aber faul eingestuft. Im Teenageralter provoziert Zelda immer mehr – sie raucht, trinkt, trifft sich mit Jungs und geht oft in einem ihrer Hautfarbe gleichenden Badeanzug schwimmen, um das Gerücht zu verbreiten, sie würde nackt baden gehen. Unter ihrem Graduiertenfoto schreibt sie den Satz: „Lasst uns nur an heute denken und uns keine Sorgen um morgen machen.“

Portrait von Zelda Sayre kurz vor ihrem Schulabschluss.

Er verspricht, ihr die Welt zu Füßen zu legen

Zeldas unkonventionelles Verhalten macht sie bald zur berüchtigten Sensation der Stadt, wenn auch das Geld und Ansehen ihrer Familie es schafft, sie vor dem gesellschaftlichen Ruin zu bewahren. Doch es sollte bald jemand kommen, der das Enfant Terrible aus Montgomery, Alabama in die New Yorker High Society katapultiert: Francis Scott Fitzgerald. Der 22-jährige aufstrebende Autor lernt die hübsche 18-Jährige bei einem Tanzabend im stadtansässigen Country Club kennen – und verliebt sich Hals über Kopf in sie. Doch sie hat mehrere Anwärter; ein Umstand, der seine Obsession nur noch mehr schürt. Sie beginnen, sich regelmäßig Briefe zu schicken, doch Zelda macht ihrem Verehrer schnell klar, dass ein mittelloser Autor nicht dem entspricht, was sich ihre Familie für ihre Zukunft vorstellt. So schmieden die beiden einen Plan: Zelda verspricht, Scott zu heiraten, sobald er seinen ersten Roman „Diesseits vom Paradies“ vollendet hat. Er wiederum verspricht ihr, ihr nach der Hochzeit die Welt zu Füßen zu legen. Am 26. März 1920 wird das Buch veröffentlicht – und nur acht Tage später heiraten Zelda und Scott. Es ist der Anfang vom Ende.

Sei es Glück, sei es Talent: Scott Fitzgeralds Bestreben, seiner neuen Ehefrau ein gutes Leben bieten zu wollen, geht schon bald in Erfüllung. „Diesseits vom Paradies“ entpuppt sich als Überraschungserfolg und wie über Nacht gehören Scott und Zelda zu den bekanntesten Paaren der Stadt. Beide sind jung, gutaussehend, talentiert – und feierwütig. Gemeinsam richten die beiden glamouröse und spektakuläre Partys aus, bei denen der Champagner fließt und der wilden High Society keine Grenzen gesetzt sind. Zwar korreliert ihre leidenschaftliche Beziehung privat oft auch mit Alkohol-Eskapaden und gewalttätigen Streitereien, doch in der Öffentlichkeit geben sich die beiden als das neue Idealpaar der Goldenen Zwanziger: jung, erfolgreich, skandalös.

Am Valentinstag im Jahr 1921 findet Zelda Fitzgerald heraus, das sie schwanger ist. Ihr Ehemann hat bereits fast seinen zweiten Roman „Die Schönen und Verdammten“ vollendet, als am 26. Oktober 1921 ihre gemeinsame Tochter Frances „Scottie“ Fitzgerald zur Welt kommt. Nach der Geburt soll Zelda – noch von den Schmerzmitteln benebelt – gesagt haben: „I hope it’s beautiful and a fool—a beautiful little fool“ – ein Satz, den Fitzgerald Wort für Wort in seinem Roman „Der große Gatsby“ verwenden soll. Weder Zelda noch Scott haben nach der Geburt ihrer Tochter jedoch großes Interesse daran, ihren dekadenten und luxuriösen Lebensstil gegen ein geregeltes Dasein als Eltern und Hausfrau einzutauschen. Stattdessen stellen die beiden einige Haushälter:innen, Köch:innen und Nannys ein, die sich um Frances und das Haus kümmern sollen – während das Ehepaar weiter fleißig ausschweifende Partys veranstaltet.

„In der Tat scheint Mr. Fitzgerald zu glauben, dass Plagiate zu Hause beginnen“

Doch während das Prestige der Fitzgeralds nach außen hin auf ihrem Höhepunkt zu sein scheint, resultiert der ungesunde Lebensstil von Zelda und Scott privat schon bald in einer Reihe von Konflikten, Geldproblemen und Eifersucht. Als F. Scott Fitzgerald endlich seinen Roman „Die Schönen und Verdammten“ veröffentlicht, bittet die Zeitung „New York Tribune“ Zelda um eine Buchrezension zu dem neuen Werk ihres Mannes. Darin schreibt sie: „Es scheint mir, dass ich auf einer Seite einen Teil eines alten Tagebuchs von mir wiedererkannt habe, das kurz nach meiner Heirat auf mysteriöse Weise verschwunden ist, und auch Fetzen von Briefen, die mir, obwohl erheblich bearbeitet, vage bekannt vorkommen. In der Tat scheint Mr. Fitzgerald (ich glaube, so schreibt er seinen Namen) zu glauben, dass Plagiate zu Hause beginnen.“

Dass auch Zelda ein großes schriftstellerisches Talent besitzt, war Scott schon früh bewusst. So benutzte er bereits für seinen Debütroman einige Passagen aus den Tagebüchern seiner Frau. Doch der Unterschied zwischen Inspiration und Plagiat ist groß. Und mit Zeldas bissigen – wenn auch sarkastisch formulierten – Worten im „New York Tribune“ erkennt Scott Fitzgerald in seiner Partnerin nicht mehr seine Muse – sondern eine Konkurrentin.

Scott und Zelda Fitzgerald bei der Premiere des Films „Dinner at eight“, im Jahr 1933.

Die Rezension ist in jeglicher Hinsicht ein Wendepunkt in der Ehe der Fitzgeralds. Einerseits verschafft sie Zelda gleich mehrere journalistische Aufträge, andererseits betrachtet ihr Mann sie nunmehr als eine Gefahr – und er beginnt, immer mehr Kontrolle über ihre Arbeit und ihr Leben auszuüben. Während Zeldas schriftstellerische Karriere abhebt, arbeitet Scott immer verbissener, trinkt zu viel Alkohol und erleidet im Jahr 1924 schließlich ein Burnout. Geschwächt zieht die unglückliche Familie nach Paris, wo Scott die Arbeit an seinem neuen Roman „Der große Gatsby“ aufnimmt. Zelda, die sich von ihrem Mann immer unverstandener fühlt, stürzt sich daraufhin in eine Affäre mit einem französischen Piloten namens Edouard S. Jozan. Als sie nach sechs Wochen die Scheidung von Scott fordert, sperrt dieser sie so lange ins Haus ein, bis sie die Aussage zurücknimmt. Nur einen Monat später unternimmt Zelda ihren ersten Suizidversuch. Aus einer unglücklichen Ehe ist eine toxische geworden.

Scott ist schwer alkoholabhängig – und Zeldas psychische Stabilität nimmt immer mehr ab

Zurück in New York tun die Fitzgeralds alles, um nach außen hin weiter das glückliche Paar zu spielen. Scott freundet sich mit dem bekannten Autoren Ernest Hemingway an, doch Zelda kann ihn nicht ausstehen. Sie beginnt damit, Bilder zu malen – vielleicht als Form der Therapie, vielleicht als Versuch, sich unabhängig zu machen. Als die Beziehung zwischen Fitzgerald und Hemingway immer enger wird, wirft Zelda ihrem Ehemann vor, eine Affäre mit dem Schriftsteller zu haben. Als Reaktion darauf schläft Fitzgerald mit einer Prostituierten, um seine Heterosexualität zu betonen – woraufhin sich Zelda aus Eifersucht die Treppe herunterstürzt.

Die beiden sind am Limit angekommen: Scott ist zu diesem Zeitpunkt bereits schwer alkoholabhängig – und Zeldas psychische Stabilität nimmt immer mehr ab. Immer mehr wächst in ihr der Wunsch heran, eine eigene Passion zu entwickeln, die nur ihr selbst gehört. So beginnt sich die nun 27-Jährige wieder dem Ballett zuzuwenden. Wie versessen trainiert sie, teilweise bis zu acht Stunden am Tag. Doch das geht nicht lange gut. Im April 1930 wird Zelda Fitzgerald körperlich und geistig geschwächt in eine psychiatrische Klinik eingeliefert. Die Diagnose: Schizophrenie.

Die darauffolgenden Jahre bis zu ihrem Tod sollte Zelda fast nur noch in verschiedenen Anstalten verbringen. Im Jahr 1932 erlebt sie während ihrer Zeit in der „Phillips Clinic“ in Baltimore einen kreativen Schub – und in nur sechs Wochen verfasst sie ihren ersten und einzigen Roman „Save Me The Waltz“; ein semi-autobiographisches Werk über eine Frau, die sich gegenüber ihrem erfolgreichen Mann beruflich behaupten und Respekt für ihre kreativen Leistungen einfordern möchte. Als Scott Fitzgerald das Buch in die Hand bekommt, wird er unglaublich wütend – und reagiert mit vernichtenden Kritiken. „Save Me The Waltz“, das kurz vor der Großen Depression erscheint, entpuppt sich als großer Flop. Zelda ist am Boden zerstört.

„Alles, was ich will, ist immer sehr jung und sehr unverantwortlich zu sein und zu fühlen, dass mein Leben mein eigenes ist“

Den Großteil der 1930er-Jahre weist sich Zelda immer regelmäßiger selbst in Kliniken ein, mit ihrem entfremdeten Ehemann hat sie nur noch selten Kontakt. Seine Depressionen, seine fehlende Verbindung zu seiner Tochter Scottie, sein sinkender Erfolg – für all dies macht Scott Zelda verantwortlich. Von der großen Liebe ist nur noch Hass übrig geblieben. Im Dezember 1940 stirbt F. Scott Fitzgerald. Zelda geht nicht zu seiner Beerdigung. In den letzten acht Jahren ihres Lebens geht es mit Zeldas psychischer Verfassung immer mehr bergab. Sie verbringt jetzt fast nur noch Zeit in psychiatrischen Kliniken, verpasst sogar die Hochzeit ihrer Tochter. In der Nacht des 10. März 1948 bricht in der Küche der Anstalt ein Feuer aus, das sich auf alle Stockwerke ausbreitet. Zelda Fitzgerald ist zu diesem Zeitpunkt in einem Raum eingesperrt, wo sie auf ihre Elektroschock-Therapie wartet – und stirbt in dem Feuer.

Lange Zeit wurde Zelda Fitzgeralds Leben und Schaffen ausschließlich im Zusammenhang (und Vergleich) mit ihrem erfolgreichen Ehemann betrachtet. Glücklicherweise hat sich ihre Seite der Geschichte in den vergangenen Jahrzehnten mehr und mehr etablieren können – am erfolgreichsten durch Nancy Milfords Biographie „Zelda: A Biography“ aus dem Jahr 1970, die sogar für den Pulitzer Preis nominiert war. Heute gilt Zelda Fitzgerald vor allem als eine jahrzehntelang unterdrückte Frau, deren nie enden wollender Kampf um Unabhängigkeit, Respekt und Anerkennung in einer tiefgehenden psychischen Labilität endete. Nicht zu vergessen sei an dieser Stelle jedoch auch der langanhaltende Alkoholkonsum und ungesunde Lebensstil, der sicherlich auch seinen Tribut gezollt hat. Wie sie selbst gerne zitiert wird: „Alles, was ich will, ist immer sehr jung und sehr unverantwortlich zu sein und zu fühlen, dass mein Leben mein eigenes ist – zu leben und glücklich zu sein und auf meine eigene Weise zu sterben, die mir selbst gerecht wird.“

Photo 12 Universal Images Group via Getty
Photo 12 Universal Images Group via Getty

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