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Verwandeln, nicht verkleiden: Was hinter David Bowies enger Verbindung zur Mode steckte

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Mode und Musik gingen bei David Bowie immer Hand in Hand. Schon 1964, als er sich noch Davie Jones nannte, konterte er den Flop seiner Debütsingle „Liza Jane“ mit einem modischen Statement: Mit glattgeföhnter Mähne trat er in der BBC als Sprecher der „Society For The Prevention Of Cruelty To Long-Haired Men“ auf. Dem konsternierten Moderator der „Tonight“-Show erklärte er, wie sehr es ihn nerve, dass er auf der Straße „Darling“ genannt werde. Langhaarfrisuren bei Männern müssten endlich als normal anerkannt werden!

English singer, musician and actor David Bowie, 1974. (Photo by Terry O'Neill/Hulton Archive/Getty Images)

Der Auftritt war vermutlich auch emanzipatorisch gemeint, vor allem aber war er ein PR-Coup: Die Jungs, die mit ihm im Fernsehstudio die Langhaar-Aktivisten mimten, waren Mitglieder seiner Band Manish Boys, ihren Verein gab es gar nicht, und die Einladung ins Fernsehen hatte Bowies Vater eingefädelt, ein Werbe- und PR-Profi. Man sieht, Bowie hatte von Anfang an ein sehr gutes Gespür dafür, mit welchen Looks sich das Bürgertum schocken und wie sich mit modischen Interventionen seine Popkarriere befördern ließe. Dass er im Lauf der Jahre den Alien, die Transe und den morbiden Dandy spielte, ohne dass ein einziges Outfit an ihm je lächerlich aussah, lag daran, dass seine Kostümwechsel mit erstaunlicher Lässigkeit vonstatten gingen. Eine Lässigkeit, die wohl darin gründete, dass Bowie sich sehr bewusst darüber war, wie gut er aussah.

LONDON - MAY 12: David Bowie performs live on stage at Earls Court Arena on May 12 1973 during the Ziggy Stardust tour (Photo by Gijsbert Hanekroot/Redferns)
Bowie schlüpfte über Jahre hinweg in unterschiedliche Rollen.

Verkleidet oder aufgetakelt wirken ja eigentlich nur Menschen, die an ihrer Schönheit zweifeln und sich hinter ihrer Verkleidung verstecken wollen. Bowie sah nie verkleidet oder aufgetakelt aus, eher nutzte er Extravaganz und Stilbewusstsein, um sein ins Auge stechendes, für androgyne Performances bestens geeignetes Äußeres noch ein wenig mysteriöser zu machen.

LONDON - JUNE 1972: Musician David Bowie poses for a portrait in his "Ziggy Stardust" guise in June 1972 in London, England. (Photo by Michael Ochs Archives/Getty Images)
Wenn man so will, darf Bowie als Erfinder des Vokuhila gelten. Aber selbst der stand ihm.

In den späten 60ern wechselte er zunächst vor allem seine Frisuren. Aus dem Föhn-Bob wurde eine Art kürzerer Mod-Pilzkopf, auf dem Cover von SPACE ODDITY (1969) sieht man ihn dann schon mit toupierten Locken. Seine Outfits schwankten zu der Zeit noch zwischen Hippie-Schick und Marlene-Dietrich-Hommage. Sein erster umfassend konzipierter visueller Relaunch erfolgte 1972. Er färbte sich den Vokuhila rot und begann, neben seinem jungen Hausdesigner Freddie Burretti auch mit Kansai Yamamoto zusammenzuarbeiten, dem japanischen Modeschöpfer, der ein Jahr zuvor zum ersten Mal seine Kollektion in London gezeigt hatte. Yamamoto bezeichnete seine Entwürfe als „unisex“ – damals war das revolutionär. Science-Fiction- und Kabuki-Kostüme aus Vinyl und Stretchstoff: Bowie wurde erst durch Yamamoto zur extraterrestrischen Erscheinung Ziggy Stardust, dessen Glam alle geschlechtlichen und sexuellen Kategorien transzendierte. Diesem Thema blieb Bowie rund zwei Jahre treu, dann wechselte er zum Dandy, trug elegante Anzüge in Hellblau (wieder von Freddie Burretti) oder dann als Thin White Duke Schwarz. Der Look: hart, zurückgegelt, dekadent.

David Bowie: SPACE ODDITY

Nicht alle von Bowies Styles waren so spektakulär, er kehrte in den späteren 70ern und auch in den 80ern immer wieder zur klassischen Herrenschneiderei zurück. Doch selbst seine Anzüge waren immer extrem „sharp“. In Details wie Schulterform oder Anzahl der Bundfalten verrieten sie den Kenner und Showman.

English model Twiggy poses with David Bowie in Paris for the cover of his 'Pin Ups' album, 1973. (Photo by Justin de Villeneuve/Hulton Archive/Getty Images)Zwei Kostümwechsel müssen allerdings noch hervorgehoben werden: Bowie als Pastell-Pierrot im „Ashes To Ashes“-Video, 1980, voll auf der neuen New-Romantics-Welle. Das strassschimmernde Rüschen-Outfit hatte er sich von der Kostümdesignerin Natasha Korniloff anfertigen lassen, inspiriert von den Londoner Blitz Kids, die schon in den späten 70ern – gelangweilt von Punk – wild aufgedresste Bowie-Partys gefeiert hatten. Und dann in den 90ern: Bowie als über die Weiten Britanniens wachender Feldherr, in einem zerschossenen und angekokelten Union-Jack-Mantel auf dem Cover seines EARTHLING-Albums – geschneidert vom damaligen Enfant terrible Alexander McQueen. Anscheinend verstanden sich die beiden prächtig. Als Bowie den Designer 1996 für das Magazin „Dazed & Confused“ interviewte, wirkte es geradezu, als würde er mit einer jüngeren Version seiner selbst reden: „Also, bist du schwul, und: nimmst du Drogen?“ McQueen: „Klar, beides!“ Großes Gelächter.

Indem Bowie immer wieder die Nähe zur Mode suchte, wurde er nicht nur zum Vorbild für spätere Popstars (Lady Gaga ist wohl das populärste Beispiel), sondern auch zur Inspiration für Modedesigner. Ungezählt die Kollektionen mit Referenzen an ihn. In Stefano Pilatis Herbst-Winter-Kollektion 2008 für die Männerlinie von Yves Saint Laurent waren deutlich Anspielungen auf Bowies Rolle in „Der Mann, der vom Himmel fiel“ (1976) zu erkennen. Oder die Dior-Frauenkollektion für Frühjahr-Sommer 2015: Laut ihrem Designer Raf Simons war sie von Bowies Art inspiriert, nicht einen bestimmten Mann zu verkörpern, sondern eher „eine Idee“.

Lady Gaga ehrte David Bowie mit einem Medley des Künstlers.

Auch am Ende, als er sein Abschiedsalbum BLACKSTAR fertigstellte und die Zeit allmählich knapp wurde, achtete Bowie bis ins Detail auf den zugehörigen Style: Das weiße T-Shirt mit den schwarzen Stern-Applikationen um den Hals (sehr nahe eben am Cover-Design von BLACKSTAR), das er auf einem seiner letzten Pressefotos trägt, stammt aus der Frühjahr-Sommer-Kollektion 2016 von Givenchy. Es sieht ein bisschen nach Baseball aus, nach aktueller urbaner Straßen-Couture – vor allem aber: kein bisschen nach Abschied, sondern nach Lust auf Neues.

Terry O'Neill Getty Images
Gijsbert Hanekroot Redferns
Michael Ochs Archives
Justin de Villeneuve Getty Images
Kevin Mazur WireImage



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