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7 Deutschrap-Alben, auf die wir uns 2023 freuen

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Die Zeit zwischen den Jahren bedeutete im besten Fall vor allem Entspannung. Eine Pause vom ganzen Release-Stress, den Deutschrap so zuverlässig mit sich bringt. Das freitägliche Playlisten aktualisieren, Spotify und Co. durchforsten, neue Songs hören und andere Tracks erstmal ignorieren, ließ kurz nach und wich einem Moment wohlverdienter Ruhe. Diese Zeit war wichtig, um das Jahr Revue passieren zu lassen. Sie ließ aber auch nach vorne schauen. Und bevor der Stress von Mitte Januar an wieder so richtig losgeht, lohnt ein Blick noch ein bisschen weiter in die Zukunft. Einige Deutschrapper*innen haben schon Alben für das Jahr 2023 angekündigt. Über den März hinaus, gibt es jedoch noch kaum feste Zusagen. Es gibt aber Indizien aus dem vergangenen Jahr, die Reflektion über typische Karriereabläufe und ein bisschen Hoffnung.

  1. Peter Fox

Es war einer der bestimmenden Momente des deutschen Pop-Jahres 2022: Peter Fox kehrt über Nacht als Solokünstler zurück. „Zukunft Pink“ belegte standesgemäß und wie selbstverständlich den ersten Platz der Charts. Die Euphorie war – neben Kritik wegen kultureller Aneignung – überall kaum zu zügeln. Parallel zur Single erschien ein kryptisches Video. Es zeigte eine Frau, die Fox‘ bewegungslosen Körper in ein Hotelzimmer trägt. Das schien zu viel, um einige Wochen Single-Charts zu rechtfertigen. Auf verschiedenen Festivals war und ist Fox zudem als Headliner schon bestätigt. Über ein neues Soloalbum zu spekulieren, ist da nur noch Formsache. Und so kommt es wohl dieses Jahr, das absolut unerwartete Peter-Fox-Comeback, 15 (!) Jahre nach  STADTAFFE. Thematisch dürfte das Album, wie „Zukunft Pink“ verspricht, hoch brisant werden. Spannend wird auch, welche Feature außer Inéz auf dem Album vertreten sein werden. Ein Co-Sign von Peter Fox, das hat „Lambo Lambo“ mit Trettmann und KitschKrieg schon gezeigt, ist schließlich ein Erfolgsgarant für damit Geehrte. Die Frage ist, ob Peter Fox‘ Zukunftsvisionen auch genauso langlebig werden wie sein erstes Soloalbum.

  1. Nina Chuba

Hier gibt es keine Spekulationen: Nina Chuba hat ihr Album GLAS für den 24. Februar bereits angekündigt. Die 23-Jährige ist die wichtigste Deutschrap-Newcomerin des Jahres 2022. Seit „Wildberry Lillet“ ist klar, dass sie das Potential zum Star hat. Bereits seit 2018 veröffentlicht sie Musik, bis Ende 2021 allerdings nur englischsprachig. Nach ihrem Wechsel ins Deutsche hat sie unter anderem mit Provinz und Kummer zusammengearbeitet. Schon ihre englisch-sprachigen EPs wiesen aber den zukunftsfähigen Sound zwischen Pop und HipHop auf, der GLAS so vielversprechend macht. Musikalisch hat sie vergangenes Jahr den Weg für noch massenfähigere Rap-Produkte gewiesen, ohne dabei uninteressant zu werden. Die bereits ausgekoppelten Singles versprechen, dass diese Formel auch für Songs mit weniger Hitpotential funktioniert. Sie muss aber so gut funktionieren, dass Nina Chuba nicht von ihrem eigenen Hype abgehängt und doch noch zum One-Hit-Wonder wird.

  1. Apsilon

Der Moabiter Apsilon nimmt seinen Platz hier aus geradezu gegensätzlichen Gründen ein. Er macht Rap für die Kultur, für sich und hat das Potential einer der ominösen „Lieblingsrapper deiner Lieblingsrapper“ zu werden. Durch seine sehr spitzen und konsequent kritischen Texte sperrt er sich dagegen, vom Mainstream eingenommen zu werden. Auch sein Sound untermauert das. Denn obwohl HipHop ein treibender Motor der musikalischen Entwicklung der vergangenen zehn Jahre war, hat er weiterhin Kerne, die sich nicht einnehmen und in andere Genres einpassen lassen. In einem davon ist Apsilon zu finden. Mit den EPs GAST und 32 ZÄHNE hat Apsilon in den vergangenen zwei Jahren den Grundstein für eine ernstzunehmende Conscious-Rap-Karriere gelegt. Apsilon hat sich eine stabile Fanbase und sogar ein bisschen Hype erarbeitet. Beides sollte er im nächsten Jahr nicht verspielen. Wenn sein Album erscheint, kann es zu einem der wichtigsten Deutschrap-Releases des Jahres 2023 werden.

  1. Symba

Symba ist schwierig zu fassen. Der Berliner studiert aktuell Regie in Babelsberg und scheint seine kreative Seite langfristig auch eher in diesem Bereich ausleben zu wollen. Deswegen ist nicht leicht einzuschätzen, wo Musik auf seiner Prioritätenliste steht. Vielleicht veröffentlicht er aber auch nur so sporadisch Songs, weil diese Release-Strategie sich für ihn und seinen Crew-Kollegen Pashanim als unfassbar lukrativ erwiesen hat. Als die beiden 2019 begannen ihren Platz im Deutschrap einzunehmen, war das kurz so, als ob man der Zukunft zusehen konnte. Im Unterschied zu Pashanim ist Symba jedoch keine zuverlässige Quelle für erfolgreiche Sommer-Hits geworden. Aber er hat bewiesen, dass er musikalisch auch interessant ist, ohne Charterfolg versprechende Über-Hits zu produzieren. Die Art wie er seine Stimme einsetzt, der Flow, das Stilbewusstsein, all das ist so neu und unverbraucht, dass insgesamt 21 veröffentlichte Songs zu wenig sind. Ein Release dieses Jahr ist nicht angekündigt, hier heißt es also hoffen. Aber hey: Sein erstes, leider sehr kurzes Album TEAMBOYS UNDSO wurde 2021 auch ohne vorherige Ankündigung veröffentlicht.

  1. Badmómzjay

Das zweite Album der 20-Jährigen ist bereits angekündigt. Es trägt den Titel SURVIVAL MODE und soll am 10. Februar 2023 erscheinen. Obwohl ihr erster großer Hype schon einige Zeit zurück liegt, ist Jordan Napieray, wie die Rapperin mit bürgerlichem Namen heißt, immer noch eine der spannendsten Newcomer*innen. Auch, weil sie erst 20 Jahre alt und zu erwarten ist, dass ihre musikalische Entwicklung noch einige Überraschungen bereithält. 2021 hat sie mit BDAMÓMZ. gezeigt, dass sie stilsicheren Image-Rap machen kann. Sie wählt anspruchsvolle, diverse Beats und flowt diese einfallsreich, variabel und energetisch. Wie Symba und Pashanim gehört sie zu einer Generation junger deutscher Rapper*innen, die selbstbewusst genug ist, um zu wissen, dass die großen Erfolge und Marktanteile über kurz oder lang ihnen gehören werden. Es ist sehr wahrscheinlich, dass der durschlagende Erfolg, den Female-Empowerment-Rap in den USA hat, bald auch die deutsche Szene grundlegend verändern wird. Napierays Erfolg – und der Shirin Davids – sind erste Anzeichen dieser Transformation. Badmómzjay versteckt nicht, wer ihre Einflüsse sind, aber verlässt sich nicht allein darauf, dass ihre Vorbilder Erfolg haben. Sie übernimmt wichtige Elemente, vergisst aber ihre eigene Vision nicht. Denn auch wenn die deutsche Szene den USA in den meisten großen Trends relativ zuverlässig folgt, braucht es immer eigenständige Vertreter*innen, die als Korrektiv gegen die stumpfe Übernahme einer Erfolgsformel arbeiten. Diese Rolle kann Badmómzjay einnehmen.

  1. Trettmann

Trettmanns Einfluss auf Deutschrap, seit er sich 2016 mit KitschKrieg zusammengetan und seine alte Rap-Persona hinter sich gelassen hat, ist nicht zu unterschätzen. Die drei KITSCHKRIEG-EPs aus jenem Jahr und das Album DIY, das 2017 erschienen ist, waren Meilensteine auf dem Weg zur Dancehall- und Pop-Dominanz, die Deutschrap in den folgenden Jahren geprägt hat. Auch für die Integration von Cloud-Rap waren sie relevant. Angesichts dieses Zeitgeistgespürs war es kein Wunder, dass das 2019 erschienene TRETTMANN auch den Charterfolg mit sich brachte.

Seit 2022 ist die Situation des gebürtigen Chemnitzers jedoch eher undurchsichtig. Zuerst kündigte er sein neues „fast fertiges“ Album über Facebook an. Dann sagte er alle Tour- und Festivaltermine aus gesundheitlichen Gründen ab und verschob das Album. Seine gesundheitliche Situation scheint es nun wieder zuzulassen, dass er Konzerte gibt. Er kündigte diese auch mit dem Versprechen an, neues Material zu performen. Ein neues Releasedatum für das Album ist jedoch noch nicht bekannt. Nichtsdestotrotz ist davon auszugehen, dass es dieses Jahr erscheint. Und die Vergangenheit lässt hoffen, dass es einiges über den Zeitgeist verraten wird.

  1. Gianni Suave

Der Frankfurter Gianni Suave ist trotz unverdient geringer monatlicher Hörer*innen-Zahlen bei Spotify kein Newcomer mehr. Aber das langsame Wachstum gehört auch zum Design. Nachdem er 2016 beim „Raptags“-Contest gewann, lehnte er den angebotenen Vertrag ab. Stattdessen arbeiten er und das „don‘t mess with the weather“- Kollektiv mit dem Anspruch, ihre Vorstellungen nicht durch Kompromisse verwässern zu müssen, gemeinsam an diversen Projekten. Die Richtigkeit dieses Ansatzes hat zuletzt bestätigt, dass er einer der wenigen Feature-Gäste auf OG Keemos wegweisendem Album MANN BEISST HUND“ war. Umgekehrt war OG Keemo auch auf der EP CONNEX des Frankfurters zu hören, zusammen mit Ahzumjot. Trotz dieser Erfolge und des wohlwollend rezipierten Albums „Butter“ aus dem Jahr 2018 hat Gianni Suave seitdem kein größeres Projekt veröffentlicht. 2023 wird es Zeit, dass sich das ändert. Er ist einer der talentiertesten Rapper dieser Zeit, muss aber noch beweisen, dass er diesen Platz auch einnehmen will.

Diese Liste ist selbstverständlich unvollständig. Es gibt eine Reihe anderer sowohl etablierter Künstler*innen als auch noch eher unbekannter Stimmen, die hier einen Platz hätten einnehmen können. Dazu zählen unter anderem: Nura, Rua, makko, Ufo 361, Verifiziert, Eli Preis, Wa22ermann, ISAIAH, Erotik Toy Records, Shindy und, naja, die 187 Straßenbande.


Nach Debatte um kulturelle Aneignung: Peter Fox setzt mit „Zukunft Pink“-Remix ein Zeichen
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