Thin Lizzy


Leise, still und heimlich haben sich Thin Lizzy in der Bundesrepublik zum Topact entwickelt. In den deutschen Hitlisten tauchten sie nicht auf, doch die Leser des MUSIK EXPRESS wählten ihr Album "Live And Dangerous" unter die zehn besten LP's des Jahres 1978. Nun kam Thin Lizzy im Zuge einer Europatournee in die großen Hallen zwischen Hamburg und München. Um den Redaktionsschluß nicht zu verpassen, schaute sich Detlef Kinsler die Band schon vorher im britischen Birmingham an. Außerdem sprach er mit Phil Lynott und dem neuen Lizzy-Gitanisten Garry Moore.

Lizzy, Lizzy, Lizzy hallt es aus 3.000 britischen Kehlen. Eine Stimmung wie im ehrwürdigen Wembley-Stadion zu London; Schlachtrufe, die eher an eine Fußballweltmeisterschaft erinnern, als an ein Rock-Konzert.Thin Lizzy tourt durch die Hallen der Insel, und Birmingham begrüßt das Quartett im Plüsch des alten Odeons.

Eine Frage vorweg zum Selbstverständnis von Thin Lizzy, gerichtet an Bassist und Sänger Phil Lynott. „Es ist Hard-Rock,“ bricht es aus ihm unvermittelt heraus. Unkompliziert wie der schwarze Ire aus Dublin nun einmal ist, sträubt er sich nicht gegen Kategorisierungen. Um dennoch bestimmt nachzuschicken: „Eigentlich ist es Thin Lizzy-Musik, weißt Du. Kein Heavy-Metal. Wir arbeiten an Songs, nicht an einem einzelnen Riff. Und wir achten darauf, daß nicht alles auf einem Lautstärkelevel abläuft.“

Womit zwar wenig, aber trotzdem das Wesentliche gesagt ist. Lizzy’s Musik strotzt vor Energie. Der rauhe Charakter der irischen Seele fließt merklich mit ein. Glücklicherweise. Denn dadurch bleibt Thin Lizzys Hard-Rock-Variante ‚ immer dieses Flair von Natür-1 lichkeit und Spontaneität, was die Band vor allem auf der Bühne auszeichnet und sie aus dem Gros ähnlich-orientierter Formationen herausstechen lässt. Hinzu kommen die ungemein frische Melodik, das überdurchschnittliche Solospiel der beiden Gitarristen Scott Gorhain und – vor allem – Gary Moore, die klar strukturierte Rhythmik von Brian Downey am Schlagzeug, und schließlich Gruppenkopf Phil am Bass Und nicht zuletzt als wesentliches Erkennungsmerkmal dieser irischen Band mit ihrem Schuß kalifornischen Blutes der einfühlsame, immer ein wenig improvisiert klingende Gesang von Phil Lynott. Die Fans haben das längst erkannt. Und sie können sicher sein, daß Thin Lizzy-Konzerte immer ihr Eintrittsgeld wert sind.

So werden die Lizzys schon gefeiert, bevor der erste Ton von der Bühne kommt. Die englischen Fans sind – sehr erfreulich – weit emotionaler als die deutschen, die immer erst einmal abwartend reagieren. „Are you ready, Birmingham,“ raunt Phil Lynott ins Publikum, und ab geht die Post.

Die vier Super-Iren gönnen sich kaum eine Verschnaufpause. Schon mit dem Opener scheinen sie sich total zu verausgaben. Und noch liegen 18 lange Nummern vor ihnen. „Bad reputation“ folgt auf dem Fuße und dann erstmals an diesem Abend ein Titel der neuen Langspielplatte „Black Rose“: ,,Get out ofhere,“ ein typischer Lizzy-Song mit einprägsamen Chorus-Lines und den meist nachhängenden Chorstimmen, die Phils Aussagen zum besseren Verständnis im Refrain wiederholen. Weiter läuft’s mit einer neuen Komposition, einer Hymne an den Individualismus: „Do anything you want to,“ mit Bass/Schlagzeugbeginn und den beiden Gitarristen an Kesselpauken. Immer wieder begeistert die ungemein melodische, zweistimmige Gitarrenarbeit. Hart geht es weiter mit ,,Don’t believe a word“ vom bislang wohl beliebtesten Studioaibum der Band, „Johnny the Fox.“ Dann der neue Single-Titel mit massigen Basslinien und schönen Doppelsoli: ,,Waiting for an alibi,“

Nach kurzer Verschnaufpause mit dem mid-tempo Rocker „Jailbreak“ folgt „Got to give g it up,“ das vierte neue Lied; „g sehr dynamisch mit einem ruhigen Beginn. Transparente Gitarrenakkorde, saubere Licks und warmer Gesang; dann massige Akkorde im Gitarren- und Bassverbund, die wieder Tempo 2. machen.

^^^SWIff: Das Publikum tobt und muß ein wenig abgekühlt werden. Mit dem einzig wirklich durchgehend ruhigen Song, „Still in love with you,“ einem einfühlsam vorgetragenen Blues mit elegischen Gitarrensoli. Und weiter geht es mit schweren Akkorden. Der Aufmarsch der Krieger, musikalisch umgesetzt: „Warriors“. Und dann der vorweggenommene Höhepunkt des Abends: „Black Rose,“ eine Rocklegende in vier Teilen. Ein irisches Stimmungsbild und eine Liebeserklärung an die Heimat dreier von vier Gruppenmitgliedern. Folklore fließt ein, wird rockig umgesetzt. Die Sologitarren im Dialog, dann kanonartig-angelegtes Spiel, ungemein farbig, mit einer Steigerung zum Ende hin: rasant-schnell, gleiten die Lizzy’s plötzlich und geben Gary Moore Zeit und Gelegenheit, zu glänzen. Schließlich der geographische Sprung über den Atlantik: Wildwest-Mentalität im „Cowboy Song“. Es folgen, wie gehabt, „The boys are back in town“, „Suicide“ und „Me and the boys“. Ende. Klar erstampfen und erschxeien sich die Fans eine erste Zugabe. „Rosalie ?t , der Seger-Titel, gefolgt von einer J. Geils-Komposition, ,,Hard driving man“, Steve Jones, der Sex-Pistols-Gitarrist, klettertauf die Bühne, und nun rocken sie zu viert vorne am Bühnenrand, auf Tuchfühlung mit den Fans. Die zweite Zugabe beginnt Phil Lynott in den Kulissen sitzend Mit drahtloser Tonübertragung per Funk spielt er „Baby drives me crazy“ an, das Fanvolk steigt sofort ein. Dann gar eine dritte Zugabe, der Lizzy-Klassiker ,,The Rocker“ aus der Trio-Periode mit Eric Bell. Krönender Abschluß eines schweißtreibenden Konzertes, in dem die Musiker mehrere Pfunde verloren haben.

Apropos Trio. Klar die Arbeit im Quartett eröffnet Thin Lizzy ganz neue Klangmöglichkeiten. Dazu Phil Lynott: „Eigentlich ist Thin Lizzy ’79 eine ganz neue Band. Wir haben einige Gitarristen unterwegs verloren (er lacht), und die jetzige Besetzung mit Gary Moore ist . erst acht Monate zusammen. i Für mich bringt jeder Wechsel : im personellen Bereich auch [ musikalische Veränderungen. ; Man könnte jedesmal von einer j neuen Band sprechen.“ Wäre es da nicht auch konsequent

gewesen, der Gruppe jedesmal einen neuen Namen zu verpassen? „Klar,“ grinst Phil, „mir brauchst Du das nicht vorzuschlagen, hätt‘ ich eh gerne so gemacht. Aber unser Manager wollte, daß wir den Namen behalten. Um die Kohle zu sichern.“ So, so Phil, also nur der Manager…

Wichtig für Phil ist, daß sich klangliche Veränderungen bemerkbar machen. „Wir haben diesmal auch Tasteninstrumente auf der Platte eingesetzt, denn im Studio möchten wir die sich bietenden Möglichkeiten voll ausschöpfen, unabhängig vom Live-Konzept. Studio und live, das sind zwei paar Schuhe.“

Phil Lynott, der Hard-Rokker par excellence, fühlt sich New Wave und Punk verbunden. Hat er deshalb den Sex Pistols-Gitarristen Steve Jones eingeladen, mit auf die Bühne zu klettern? „Wir sind Freunde. Deshalb gehen wir auch zusammen auf die Bühne. Unabhängig von verschiedenen Stilrichtungen, die wir vertreten sollen. Die Presse hat Barrieren aufgebaut zwischen Rock und Punk. Wir sind in erster Linie Musiker. Alle. Und daß jemand besonders schnell spielen oder gar Noten lesen kann, ist nicht gleichbedeutend damit, daß er als Musiker besser sein muß.“

Klare Worte eines Mannes, der gleichwohl froh sein muß, mit Gary Moore nun einen der besten Gitarristen (man hÖTe sich nur einmal dessen Soloalbum an) fest für Lizzy gewonnen zu haben. Zweimal schon hatte er in größter Not bei den Lizzy’s ausgeholfen. Er ist zweifelsohne ein Glückstreffer, der der Band Klangfarben beschert, die die Musik lebendiger erscheinen lassen als je zuvor. Im Gespäch ist er ein ruhiger und bescheidener Junge, der erst auf der Bühne explodiert. Von Jon Hiseman’s Colosseum 11 war er gekommen, von einer Jazz-Rock orientierten Band, hatte Klassisches gespielt mit Andrew Lloyd-Webber (Jesus Christ) auf dessen ,,Variations“-Album. Folgerichtig bekennt Gary: „Ich liebe jegliche Art von Musik. Ich möchte mich nicht selbst beschränken, mich zwischen den verschiedenen musikalischen Polen frei bewegen können.“ Hat Gary Moore den Sound von Thin Lizzy verändert? Die Frage ist ihm fast peinlich: „Jeder Wechsel in einer Band wirkt sich erfrischend auf das Konzept aus. Wir geben uns gegenseitig neue Energie, die wir gemeinsam freisetzen.“