Tolle Menschen, tote Mäuse


Mord und Totschlag herrschen in dem New Yorker Hotel Chelsea – glaubt man gewissen Sensationsblättern. Und als „Boheme-Absteige“ wurde es vom deutschen Nachrichtenmagazin „Spiegel“ klassifiziert. Klar: eine vornehmere Adresse ist sicherlich das Prominenten-Kastell „Waldorf Astoria“ – doch mit prallerem Leben gefüllt ist das Chelsea. Eine Hütte für Popmusiker und Träumer, Underground-Freaks und Mystiker. Literaten und Ausgeflippte. Und das erste Hotelgebäude auf Manhatten, das zum Denkmal erklärt wurde.

Durch die Medienwälder der ganzen westlichen Welt wanderte der Name des Hotels, weil dort Sid Vicious das Go-go-Girl Nancy Spungen mit einem Jagdmesser erdolcht haben soll. Weniger lag die Sensation in der Bluttat, als in persönlichen Umständen. Vicious, vom Melody Maker als „poor bastard“ (aimes Schwein) verrufen, hatte sich nach dem Auseinanderfalten der Sex Pistols an die amerikanische Ostküste verzogen und vegetierte dort so vor sich hin. Im Haschischnebel zündete er die Matratze eines Zimmers im Chelsea an. Das Pärchen zog um ins Zimmer Nr. 100. Und unter Drogen stand Vicious – ärztlich erwiesen -, als er seiner 2Ojährigen Freundin zu Leibe rückte. Im Chelsea wurde der 21jährige Sid Vicious alias John Simon Ritchie verhaltet. 60.000 Dollar Kaution spendierte telegrafisch seine Londoner Plattenfirma Virgin, um ihn aus dem Getängnis auf Rikers Island in New York freizukaufen. Den Goldenen Schuß setzte er sich im Februar dieses Jahres, nach knapp acht Wochen Entzug. Unterdessen war er aus dem Chelsea ausgezogen.

Gewöhnlich sind die Gäste im Chelsea liebenswerter. Die Hälfte der rund 500 Bewohner machen die Dauergäste aus. Der Rekord: 38 Jahre lang lebte und arbeitete hier im neunten Stock der amerikanische Musikschriftsteller und Komponist Virgil Thompson.

Außerordentlich angezogen von diesem Hotel fühlen sich seit Jahren schon die Musiker. Der südafrikanische Pianist Dollar Brand zum Beispiel hat hier langfristig samt Familie eine Suite gemietet. Viele Rockmusiker waren oder 1882 wurde das Gebäude, das das Chelsea-Hotel beherbergt, an der 23. Straße West als eines der ersten kooperativen Apartementhäuser in New York von dem Architekten Harold Pierson erbaut. 1905 zum Hotel umfunktioniert. 1940 kaufte es der Vater des jetzigen Direktors, Stanley Bord, als Leiter einer Gesellschaft für (gerüchteweise) 50.000 Dollar.

Das als einzigartig bewunderte Treppengeländer und die Balkonbrüstungen wurden von einem Architekten der britischen Königin Victoria entworfen.

Zehn Stockwerke ist das Haus hoch, es hat 400 Zimmer. Die Preise reichen von 12 Dollar (ohne Bad und Air Conditioning) bis 65 Dollar ßr eine Suite.

sind häutig Gäste.

Lang auch ist die Liste vor allem der Literaten. Dylan Thomas, 1914-1953, (von dem Robert Zimmermann den Vornamen hat), der Rhythmiker englischer Sprache und Meister von Sinnbildern („Unter dem Märchenwald“), lebte hier in Zimmer 205. Im Vincent-Hospital elf Straßen weiter südlich endete er an Alkoholvergiftung. Die am Hotel angebrachte Gedenktafel drückt es vornehmer aus. Sonderrechte genoß der irische Dramatiker Brendan Behan (1923-1964). Unbehelligt durfte der in der Halle lauthals Balladen seiner Heimat gröhlen. Thomas Wolfe, der unter anderem mit „Schau heimwärts, Engel!“ ein gefühlsbetontes Bild von Amerika der 30er Jahre dichtete, verbrachte hier seine letzten Jahre, bis er 1938 starb.

Mark Twain – unter diesem Decknamen buchte sich hier Samuel Langhorn Clemens (1835-1910) ein. Der sozialkritische Schriftsteller James T. Farrel, 1904 im proletarischen Teil Chikagos geboren, stieg hier ab. Ebenso Eugene O’Neill. Arthur Miller (Der Tod des Handlungsreisenden) schaut gelegentlich rein. Prominenz verheißen auch Namen wie Peter Brooke, Arthur Davies, John Sloane und Milos Forman.

Aber zurück zum Rock: Bob Dylan kritzelte im Chelsea seine „Sad-Eyed Lady Of The Lowlands“ nieder. Daran erinnert er sich im Song „Sara“; doch bezüglich der dort erwähnten Methodistenglocken irrte er.

Leonhard Cohen, lyrischer Sänger aus Kanada, auf der griechischen Insel Hydra hausend, liebt Hotels, in die er „morgens um vier einen Zwerg, einen Bären und vier Frauen mit aufs Zimmer nehmen kann“. Und dieser Leonhard Cohen sinnierte in einer seiner Balladen wehmütig über das Chelsea Hotel. Janis Joplin lachte, litt und lebte den Blues im Chelsea 1970. Jefferson Airplane und Greatful Dead schliefen hier.

Taxifahrern muß man selten erklären, wo das Hotel liegt. An der 23. Staße West, Nummer 222, zwischen 7. und 8. Avenue, mit zwei Subwaystationen jeweils einen Katzensprung weit und leichtem Fußweg runter zum Village (siehe Reisemagazin, ME 5/79). Links nebenan ist ein Spezialist für Second-Hand-Records und seltene Noten, rechts ein Hökerladen für Comics und alte Magazine, daneben ein Musikalienhändler, noch weiter rechts die Emmamath-Israel-Synagoge, gegenüber ein YMCA-Haus.

In die Hotelhalle hinein wuchtet ein massiver Kamin. An den Wänden hängen ein Dutzend richtiger Kunstwerke von unter anderem Victor Vaserely. Die Zimmer sind ausnehmend geräumig. Große Fenster lassen Licht herein, was paradoxerweise nicht selbstverständlich ist in New York. Angenehm ruhig sind die Räume: „Gebaut wie eine Festung“, rühmt der Manager Stanley Bard. Viele Zimmer haben Küche und noch intakte Kamine. Mit dem linken Seineufer hat ein französischer Poet die Patina des 96 Jahre alten Backsteingebäudes verglichen.

Im Chelsea kann es schon mal vorkommen, daß eine tote Maus drei Tage lang im fünften Stock im Flur vergammelt. Auch daß das Zimmermädchen sich am Whisky eines Gastes labt. Nie aber ist mir hier Geld verschwunden. Und noch eins: Toleranz wird im Chelsea nicht nur groß geschrieben, sondern gelebt.