Mother’s Finest


"Niggiz Can't Sing Rock'n'Roll" persiflieren Mother's Finest ihre Situation in einem Song. Anders als hier in Europa, wo man ihre Rock-Funk-Fusion eher als erfrischend empfindet, scheinen sich die Staaten mit einem gemischtrassigen Unternehmen dieser Art äußerst schwer zu tun. Industrielle Intrigen um das große Entweder-Oder-Tauziehen kosteten zwar Kraft, scheinen für's erste jedoch überstanden. Mother's Finest haben sich durchgesetzt: "Wir sind schwarz UND weiß!"

Mit welcher Unbedarftheit und Naivität ein deutsches Publikum manchmal einer Band gegenübertritt, zeigte das letzte Rockpalast-Festival wieder einmal in aller Deutlichkeit. Klar, das Publikum, das zu solchen Anlassen in die Essener Grugahalle pilgert, ist sicherlich in mancher Hinsicht noch untypischer als jene Konzertbesucher, die während des „normalen Tourneebetriebs“ die Gigs „ihrer“ Bands besuchen. Dem Rockpalast-Publikum ist es zunächst einmal scheißegal, welche Acts eigentlich auftreten, geschweige denn, was zum Teufel die einzelnen Künstler möglicherweise mitzuteilen haben.

Bei Black Uhuru geriet die von der Band erhoffte Interaktion zur Farce, als die gutgemeinten „Red-“ und „Dread“-Dialogangebote von Leadsänger Michael

Rose mehrtausendfach aus angefeuchteten Kehlen mit dem Police-Stereotyp „I-ey-yo“ beantwortet wurden. Und nur Jah und Ulli Güldner wissen, ob Roses letztliche Übernahme des „Schlachtrufes“ für die anschließende Deutschlandtournee als Akzeptieren einer von ihm unterstellten babylonischen Tradition oder nur als pure Resignation zu werten ist. Des einen Leid, des anderen Freud. Mothers Finest, dem Großteil des deutschen Publikums ebenfalls durch eine Rockpalastnacht (im Frühjahr 1978) bekannt, kommen eben aus diesem Grund gern nach Europa, nach Deutschland. Seitdem sie mit ihrem ersten Auftritt hierzulande auf einen festen Fanstamm zählen können, akzeptiert man ihre Rock-Funk-Fusion genauso selbstverständlich wie die Tatsache, daß es sich bei Mothers Finest um eine gemischtrassige Band handelt. Sängerin „Baby Jean“: „Das ist wirklich kein Witz: Der einzige Ort, wo man unsere FusionMusic ohne Vorbehalte annimmt und nicht versucht, diese Einheit auseinanderzudividieren, ist Europa.“

Das Tauziehen, das um die Gruppe in ihrer amerikanischen Heimat veranstaltet wurde, äußerte sich auf mehreren Ebenen, beim Publikum gleichermaßen wie bei der Plattenfirma, bis hinauf in die Chefetagen. Jeder Mensch, der in irgendeiner Form mit Mothers Finest in Berührung kam, hatte (dabei beharrlich die Standpunkte und Ideen der Gruppe ignorierend) seine eigenen Vorstellungen, wie eine solche Band aus weißen und schwarzen Musikern zu klingen habe. „Baby Jean“: „Das Problem ist, daß Fusionsgroups noch lange nichts Alltägliches sind in Amerika. Die Leute da drüben sind so unglaublich fixiert. Du mußt einfach in irgendeine Schublade passen. Mit jedem unserer Alben passiert das gleiche. Wir, als Gruppe, fühlten uns jedesmal regelrecht auseinandergerissen in unserer Einheit. Die Einen wollten uns als reine Rock’n’Roll-Band, andere wiederum meinten, wir müßten doch unbedingt R&B spielen, da wir doch zum größten Teil eine schwarze Band seien.“

Das Spielchen ging soweit, daß versucht wurde, Schwarz gegen Weiß innerhalb der Gruppe gegeneinander auszuspielen, man intrigierte, die Schwarzen doch durch Weiße bzw. umgekehrt zu ersetzen. Die Musiker selbst fanden sich eins ums andere Mal in der Situation wieder, beharrlich ihren Standort vertreten zu müssen: „Wir sind schwarz UND Weiß!“

Mit ihrem Song „Niggiz Can’t Sing Rock’n’Roll“ hatte man dem, in Form einer Persiflage, schon früh entgegenwirken und Vorurteile im Keim ersticken wollen. Aber gerade aus der Entstehungszeit dieser Nummer ist eine bezeichnende Anekdote überliefert, als die Gruppe nämlich mit „Niggiz …“ bei ihrer Plattenfirma vorstellig wurde. Moses Mo: „Die wollten das Lied nicht! ‚Ihr könnt doch sowas unmöglich ernst meinen‘, war die Reaktion bei der Company.“

Glenn Murdock ergänzt: „Das war wirklich ein Schock für uns! Wir fragten ganz ungläubig, ihr meint, wir könnten nicht?!?? Als Neger Rock’n ‚Roll spielen? Und was ist mit Fats Domino? Little Richard? Was haben die denn gemacht?!??“

„Niggiz…“, wie inzwischen bekannt, erschien letztlich doch auf Platte, was jedoch nichts an der Tatsache änderte, daß die Gruppe im Laufe der Jahre immer unsicherer wurde. „Baby Jean“: „Wir haben uns wieder und wieder die Frage gestellt: Hey, wir haben etwas anzubieten, als Einheit. Warum steht uns keine dieser verdammten Türen offen?“

Nach der erfolgreichen Tournee im Sommer 1979 herrschte plötzlich Funkstille. Viele hielten MOTHERS FINEST LIVE bereits für einen Nachruf. Bis plötzlich, nach gut zwei Jahren, im Frühjahr dieses Jahres mit IRON AGE ein neues Album auf den Markt kam und Mothers Finest die Möglichkeit bekamen, sich im Vorprogramm von Ted Nugent zurückzumelden und damit für ihre eigene Tournee zu werben, die im Oktober und November trotz eines umfangreichen Konzertangebotes allerorts volle Hallen brachte.

Die Diskussion, die IRON AGE auslöste, ob die „Muzzers“ in der aktuellen Besetzung mit Glenn Murdock (Gitarre/Gesang), Joyce „Baby Jean“ Kennedy (Gesang), Moses Mo (Leadgitarre), Wizzard (Bass) und dessen Bruder Harold Seay am Schlagzeug trendgerecht auf den (längst wieder abgefahrenen?) Heavy-Metal-Zug aufgesprungen sind, ist zunächst einmal ausgesetzt. „Die Platte ist keineswegs repräsentativ für uns“, bemerkt Moses und verweist auf die lange Wartezeit bis zu den Aufnahmen von IRON AGE, bedingt durch das Aushandeln eines neuen Vertrages mit einer anderen Plattenfirma, die damit verbundene Frustration, die die aggressiveren Töne der LP verursachten. IRON AGE, mehr eine Verzweiflungstat, von der man sich zwar nicht distanziert, die man als Ergebnis dieses Zeitpunktes akzeptiert, und die man dennoch als Fehler wertet. Glenn: “ Was wir nicht bedacht haben ist, wenn du dich in den Staaten mit Heavy Metal beschäftigst, mußt du berücksichtigen, daß du es mit einer Religion zu tun hast.“

Und so sehr die Mothers musikalisch auch powern mochten, die Begleiterscheinungen, wie auch die Haltung der Fans, war ihnen fremd und unheimlich. „Unsere Musik hat doch sehr viel mit Gefühlen zu tun“, betont Murdock. “ Wir schreiben über Liebe, nicht über Drogen, behandeln Frauen nicht als Objekte. Wir schreiben über positive Dinge. Plötzlich waren wir in den Konzerten allabendlich mit Kämpfen und Gewalt konfrontiert. Wir dachten bei uns: Das hat nichts mit Musik zu tun. Dabei kann man doch keinen Spaß haben.“

Mehr denn aus Platten, der Arbeit im Studio, der notwendigen Zusammenarbeit, der Auseinandersetzung mit Businessleuten jedweder Funktion, beziehen die Musiker ihre Kicks aus dem gemeinsamen Spiel auf der Bühne.

„Das hat uns auch über die Jahre zusammengehalten“, laßt Wizzard keinen Zweifel über den Stellenwert der Konzerte im Konzept von Mothers Finest. Jedes Mal, wenn wir aufder Bühne stehen, uns gegenseitig ansehen, ist aller Ärger verflogen. Eine klare, eine reine Situation. Dann zählt auch nur das Publikum.“

Mo fällt ein: „Niemand sonst, außerdem Publikum und uns, ist dann in diesem Moment miteinbezogen. Platten sind doch nur Reflektionen dessen, woran man gerade arbeitet. Außerdem fließen zu viele andere Überlegungen, die mit der Musik als solcher nichts zu tun haben, mit ein. „

Und sieht man die Mothers auf der Bühne, dann erlebt man deren eigentliche Lebensfreude hautnah. Ihre Power, die Kraft, ist keine rein physische. Sie ist gleichermaßen eine psychische, eine Geisteshaltung. „It has to be a way of life“, bestärkt Murdock.

Mothers Finest haben dazugelernt. „WIR erkennen unsere Fortschritte selbst. Und wir werden von Tag zu Tag besser“, lassen sie niemanden mehr von außen Panik machen. “ Und wir haben auch lernen müssen ‚No‘ und ‚Fuck you‘ zu sagen“ grinst Wizard und provoziert einen Beifallssturm der fröhlichen Runde, die sich Tommy’s Käseauflauf schmecken läßt. Und „Baby Jean“ bemüht zum Abschluß der Diskussion ihr Kurzzeitgedächtnis und rezitiert einen Text, den Moses für das neue Album, das im April erscheinen soll, geschrieben hat: „You cannot buy success /and that’s a pain / You’re forced to use your talent / and your brain / And you’d better are with nothing / than with something you don’t want /Go to LA…“