Compact Discs


Die Flut von Neu- und insbesondere Wiederveröffentlichungen auf CD hält unvermindert an, seit die Herstellerpreise in den letzten Monaten fast ins Bodenlose stürzten. Franz Schaler hatte die Qual der Wahl.

Der niedrigste Lohnfertigungspreis für die .nackte“ CD liegt jetzt bei 1,50 US-Dollar. Und nachdem bis Ende ’87 noch einige Dutzend neuer Fabriken den Betrieb aufgenommen haben werden, ist hinter den Kulissen der Kampf um Lohnkunden voll entbrannt. Unsere Prognose vom Anfang des Jahres in dieser ME-Kolumne muß also nicht korrigiert werden: CD-Fans können auf deutlich sinkende Preise hoffen — mit Ausnahme bei den Japan-Importen.

Da kommt zum Discount-Preis ein englischer [ndependent-Sampler wie ZARAH LEANDER’S GREATEST HITS mit gut einer Stunde Spielzeit (Rouska/Concord 18CD), während man für den japanischen Oldie-Import von PEGGY LEES BEST 22 SONGS (MCA 35XD-510) gut das Doppelte berappen darf. Fans der Sängerin werden es verschmerzen: Dafür enthält die Japan CD ihre seit Ewigkeiten vergriffene Version des Songs „Johnny Guitar“ aus Nicholas Rays gleichnamigem Western-Klassiker!

Apropos Klassiker: An denen herrschte in den letzten Wochen kein Mangel. Endlich auf Digitalplatte erhältlich sind jetzt VAN MORRI-SONS HIS BAND AND THE STREET CHOIR (Warner Bros. 927188-2), das stark vom R&B geprägte Nachfolge-Werk zu MOONDANCE, das der Meister ebenfalls 1970 publizierte und das ihm endlich einmal Hits wie „Domino“ und .Blue Money“ bescherte; das im selben Jahr erschienene letzte Studio-Album LOADED der VELVET UNDERGROUND (Warner Special Products 927 613-2, bislang nur als US-Import); das Debüt MUSIC FROM BIG PINK, mit dem die BAND aus dem Schatten von Bob Dylan trat, auch wenn drei Songs und das berühmte „naive“ Album-Cover von diesem Herrn stammten; und schließlich SGT. PEP-PER’S LONELY HEARTS CLUB BAND (Parlophone CDP 746442-2), das pünktlich zum 20. Jahrestag des Erscheinens auf CD zu haben war.

Vielleicht wollte man mit der ungewöhnlich aufwendigen Verpackung all jene BEATLES-Fans entschädigen, die sich über die — milde ausgedrückt — wenig sorgfältige Edition der ersten CDs der Fab Four rechtens gegrämt hatten. Die „liner notes“ über die Entstehung der Produktion und des bald darauf von Frank Zappa parodierten Covers sind ein hübscher Bonus. Für die CD wurde unkorrigiert das Original-Zweispur-Band mit seinen teilweise aberwitzigen Pegelverhältnissen übernommen. Und nachdem es auf CD — anders als bei analoger Scheibe — nun mal keine konzentrisch auslaufende Endlos-Rille gibt, die der Laser abtasten könnte, wurde dieser bei SGT. PEP-PER benutzte Gag (der übrigens auf der analogen Nobel-Pressung von MFSL fehlt) dergestalt reproduziert, daß man diese Endlos-Schleife für CD immerhin ein dutzendmal überspielte: von einer deutlich rauschenden Plattenpressung. Ob da wohl kein Band mehr existierte?

Ohne Änderung übernommen wurde auch das Bandoriginal von LOADED mit den Verzerrungen gleich zu Beginn von „Who Loves The Sun“, während die genannte VAN MORRISON-Produktion in den Höhen — wie sofort am Impulsreichtum des Schlagzeugs zu hören — doch einiges mehr zu bieten hat als auch die amerikanische Original-Anpressung, die bislang nach meiner Erfahrung die beste Umschnitt-Qualität aufwies. Vergleichsweise erstaunlich gut klingt sogar MUSIC FROM BIG PINK — wesentlich besser jedenfalls als die LPs, die Capitol/EMI und später nach monatelangen Probeschnitten die kalifornische Firma Mobile Fidelity geliefert hatten.

Vermutlich wurde hier auch nur unkorrigiert der letztlich freigegebene Stereo-Mix benutzt. Darauf deuten jedenfalls viele CD-Veröffentlichungen der EMI hin, die in den letzten zwei Monaten in Europa, USA und Japan auf den Markt kamen. Ohne klangtechnische Nachbearbeitung erschienen Novitäten wie CROWDED HOUSE (Capitol CDP 746693-2) oder FLASHBACK – THE BEST OF THE J. GEILS BAND (EMI CDP 746551-2) nicht anders als Oldies wie DREAMBOAT ANNIE von HEART (Capitol CDP 746491-2), DON McLEANS AMERICAN PIE (EMI America CDP 746 555-2) und die beiden über den ASD-Import der Electrola lieferbaren CDs von Pink Floyd-Mitbegründer SYD BARRETT, nämlich THE MADCAP LAUGHS und BARRETT (EMI CDP 746607 bzw. 606-2). Sammlerstücke wie die beiden letztgenannten CDs werden derzeit in relativ geringen Auflagen importiert, weil die Titelflut den Geldbeutel auch der begeistertsten Sammler langsam überzustrapazieren droht.

Trotzdem scheint man sich gerade beim EMI-Konzern, wo man zunächst nur zögerlich an den Erfolg von CD glauben mochte, zu einer gewissen Aufholjagd geblasen zu haben. So beginnt man jetzt auch damit, die Solo-LPs von JOHN LENNON auf Digitalplatte herauszubringen. Von der Disco Box importiert, sind inzwischen IMAGINE (EMI CDP 746 641-2), ROCK ‚N‘ ROLL (Parlophone CDP 746 707-2) und der LENNON/ PLASTIC ONO BAND-Sampler SHAVED FISH (EMI 746642-2) zu haben. Die LP-Pressung des letzteren Verschnitts war vorher nur in berüchtigter „K-Tel-Preßqualität“ zu haben. Allerdings sollte man sich von der CD auch keine klanglichen Wunderdinge erwarten. Die Stücke aus den Jahren 1969 bis 1974 waren eh von höchst unterschiedlicher Aufnahmequalität, und nachbearbeitet wurde auch hier nicht.

Um den Kaufanreiz zu steigern, legt man jetzt CDs bisweilen sogar dort die Songtexte bei, wo sie bei den LPs seinerzeit fehlten — etwa im Fall von VAN MORRISONS HIS BAND AND THE STREET CHOIR. Die Japaner befleißigen sich dieser Praxis — ähnlich den notorischen Anbietern von Raub-Ware in Südostasien! — schon seit langem und mit Akribie. Nur übernehmen sie offenbar nicht immer die vom autorisierten Musikverlag verfügbaren Originaltexte, sondern versuchen die des Songs zu transkribieren. Was je nach Sprachkenntnis des zuständigen Japaners in höchstem Maße komische Resultate zeitigen kann. Ein lustiges Beispiel dafür ist die jetzt auch bei uns als Import erhältliche Japan-CD von LINDA RONSTADTS HEART LIKE A WHEEL (EMI/Toshiba CD 32-5068/ASD Import).

Mrs. Ronstadt sang auf dieser Platte unter anderem Lowell Georges Trucker-Hymne „Willin“‚, in deren Refrain der Little Feat-Chef anfangs erzählt, durch welch hinterwäldlerische Gegenden der Staaten er mit seinem Laster kommt und auf der Debüt-LP sang: ./ been from Tucson to Tucumcari/Tehachapi to Tonapah/Driven every kind of rig that’s ever been made/And l’ve driven the backroads so I wouldn ‚t get weighed …“

Die Namen der indianischen Ortschaften in Arizona hat der japanische .Übersetzer“ genauso wenig kapiert wie die Tatsache, daß Lowell G. überall dort Seitenstraßen benutzt, wo er befürchten muß, wegen zuviel geladener Fracht von Polizeikontrollen aufgegriffen und zu Strafen verdonnert zu werden. Also transkribierte er vom Song weg die folgenden Nonsens-Verse: .And l’ve been run/He saw the two-comecarry/The hatchel that hadn’t been a toller one/Driven every kind of rig that’s ever been made/Driven the backroads so I wouldn ‚t get wet …“ Folgt man den eigenartigen Wetter-Kenntnissen des freien Text-Erfinders aus Nippon, so wird man als Lkw-Fahrer in Japan weniger naß, wenn man Seitenstraßen benutzt.

Das Soul-Revival der letzten Monate hatte eine erfreuliche Begleiterscheinung: Immer mehr Oldies dieser Gattung kommen etzt auch auf CD, darunter die GREATEST HITS von WILSON PICKETT (Atlantic 781 737-2/US-lmport) und ALL THEIR GREATEST HITS von HAROLD MELVIN & THE BLUE NOTES (Philadelphia International ZK 34232, auch US-Import) und GREATEST HITS der O’JAYS (PIR ZK 39251). Vorsicht ist, wie an dieser Stelle schon häufiger als Warnung ausgesprochen, immer dort geboten, wo obskure Firmen in meist fürchterlicher Ktangqualität die legendären Hits von analogen Scheiben transferierten und darauf hoffen, daß sich der Käufer bei so betagten Aufnahmen ohnehin nicht über die Wiedergabequalität beschwert. Kaufen sollte man nur die CDs der Original-Firmen!

So bietet etwa die Phonogram jetzt auf CD die von den Original-Tapes überspielten Specialty-Aufnahmen von LITTLE RICHARDS 22 GREATEST HITS an (Mercury 830834-2), die klanglich mit den von Ace und Rhino Records erhältlichen CD-Importen identisch sind. Unbedingt empfehlenswert ist auch THE BEST OF EDDIE COCHRAN (über den Electrola ASD lieferbar als EMI CDP 746580-2), wo bis auf das stereophon aufgenommene »Three Steps To Heaven“ die Aufnahmen des Rockabilly-Genies in Original-Mono und nicht schrecklichem Pseudo-Stereo zu hören sind.

Zu den besseren CD-Novitäten der letzten Wochen gehören SLY & ROBBIES RHYTHM KILLERS (Island 258318) und JOHN HIATTS BRING THE FAMILY (A&M 395158-2) mit hochkarätiger Begleitmannschaft (Ry Cooder, Nick Löwe, Jim Keltner) und Live-im-Studio-Atmosphäre. Durchaus nicht zu verachten auch: „l’m Alright“ von LOUDON WAIN-WRIGHT (Rounder CD 3096/Teldec Import Service) und PAUL SIMONS Filmmusik zu ONE-TRICK PONY (Warner Bros. 256846) sowie DE-SPERADO von den EAGLES (Asylum 253008), mit der das komplette Werk der kalifornischen Country-Rocker jetzt auf CD vorliegt.

Blues-Liebhaber dürften an zwei MUDDY WATERS-CDs besonderen Gefallen finden: das 1977 aufgenommene HARD AGAIN (Blue Sky CDSKY 81853) zeigte den Altmeister nochmals in Top-Form und ist jetzt als reguläre deutsche Veröffentlichung preiswert erhältlich. Mindestens so nachdrücklich zu empfehlen ist die in der „Two-On-One“-Serie erschienene CD, auf der in vorzüglicher Qualität die beiden Original-LPs MUDDY WATERS SINGS BIG BILL BROONZY und die phantastische MUDDY WATERS FOLK SIN-GER ungekürzt zusammengefaßt wurden (MCA/Chess CHD-5907/US-Impori). Einschließlich der originalen Jiner notes“ und lesenswerten Anmerkungen von Bob Schnieders. Wenn Digital-Wiederveröffentlichungen ihr Geld wert sind, dann solche Editionen.

AUSSERDEM AB SOFORT AUF CD ERHÄLTLICH:

CBS: Alle frühen Alben von JOURNEY, EARTH, WIND & Fl-RE, JAMES TAYLOR, KANSAS, CHICAGO, BLOOD, SWEAT & TEARS sowie BOB DYLANs Live-Dokumente „At Budokan“ und „Before The Flood“. Dazu MARVIN GAYEs „Midnight Love“, LOVER-BOYs Debüt „Loverboy“, THE JACKSONS (.Live“), .Greatest Hits“-Kompilationen von PAUL SI-MON, MOTT THE HOOPLE und DAN FOGELBERG und ARETHA FRANKLINS „Aretha Sings The Blues“.

WEA: VELVET UNDERGROUND („Velvet Underground“), BLUES BROTHERS (.Soundtrack“), JONI MITCHELL („Wild Things Run Free“), FLEETWOOD MAC .Tusk“, MARK KNOPFLER (.Soundtrack From Princess Bridge“), IDEAL (.Ideal“) und eine sieben CDs umfassende JOHN COLTRANE-Serie.

DGG: JAMES BROWN (.Live At The Apollo, Part 2″), RAINBOW (.Long Live Rock V Roll“) und VEL-VET UNDERGROUND (.VU“).

LINE. WALTER BECKER/DO-NALD FAGEN („The Early Years“), ELVIS COSTELLO (.Blood & Chocolote“), THE SMITHS („Sheila Take A Bow“) und MARK & ALMOND („The Last & Live“).

PHONOGRAM: Alle frühen Alben von KISS.

VIRGIN: STEVE HILLAGE („L“ und „Fish Rising“), BRIAN ENO („Here Comes The Warm Jets“, .Taking Tiger Mountain“, und .Music For Films“) und die ersten drei titellosen Alben von PETER GABRIEL.