Kalifornien-Reportage

Auf „New Age“-Spurensuche: Ist die Säuselmusik besser als ihr Ruf?


Inmitten einer Lebenskrise findet unser absolut geschmackssicherer Autor über Umwege zur wohl uncoolsten aller Musikrichtungen: New Age. Getrieben von Abscheu und Faszination macht er sich auf die Suche nach dem Kern dieses Genres und fliegt nach Kalifornien. Dort trifft er Genies und Wahnsinnige, vor allem aber findet er zwischen Heilung und Humbug zu sich selbst.

Hier, in ihrem einstigen Epizentrum, hat New-Age-Musik in den letzten fünf Jahren auch eine Renaissance erlebt. Labels wie Leaving Records und Sammler wie Douglas McGowan haben versucht, das Genre salonfähig zu machen, indem sie auf die Qualität früher MC-Veröffentlichungen hinwiesen. McGowan, der für das Reissue-Label Light In The Attic die vielbeachtete Compilation I AM THE CENTER kuratierte, spricht im Zusammenhang von New Age gar von „American Folklore“, die man nicht ignorieren dürfe, wenn man die Popkultur des 20. Jahrhunderts verstehen will. Pionieren wie Iasos, Laraaji oder Suzanne Ciani wurden Reissues und Dokus gewidmet. Gleichzeitig begannen junge Künstler:innen wie Green-House oder Kaitlyn Aurelia Smith dem Genre ein produktionstechnisches Update zu verleihen. Die Pandemie gab der New-Age-Welle weiteren Auftrieb. Um Depressions-und Angstzustände zu lindern und die Lücke fehlender Therapieplätze zu füllen, haben sich Mindfulness-App-Anbieter neben geführten Meditationen und Einschlafgeschichten auch auf beruhigende Musik spezialisiert. Bei den größten, Calm und Headspace, reicht das Budget, um bekannte Künstler wie Arcade Fire für exklusive Ambient-Tracks zu verpflichten. Moby und Alanis Morissette veröffentlichen gleich ganze Alben über Calm, das auch über ein eigenes „New-Age“-Menü verfügt. Spotify, Apple Music und andere Streamingdienste bieten ebenfalls ständig aktualisierte „Ambient Relaxation“-Playlists an, in denen New Age, Solo-Piano und Hollywood-Soundscapes harmonisch koexistieren.

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Der erste Musiker, den ich in Kalifornien besuche, war ebenfalls aufgrund von psychischen Problemen bei New Age gelandet. Chuck Wild, der unter dem Namen Liquid Mind Beruhigungsmusik produziert, empfängt mich in seiner Villa in Long Beach. Die Räumlichkeiten des 75-Jährigen wirken wie eine Zeitkapsel aus den frühen 90er-Jahren. Der Boden ist mit beigem Teppich bedeckt, der jeden Schritt verschluckt.

Die elektronischen Geräte, darunter ein Faxgerät, haben die Farbe vergilbter Eierschalen. Wild selbst wirkt wie eine Mischung aus Andy Warhol und William Tanner, dem Vater aus der Fernsehserie „Alf“: schlaksiger Körper, dünnes Brillengestell und eine Stimme, so harmlos, dass sich meine Anspannung sofort in Luft auflöst. Geradeheraus frage ich ihn nach den Panikattacken, die ihn laut seiner Webseite zum Komponieren seiner sanften Musik inspiriert haben. „Es war schrecklicher als alles, was ich je erlebt hatte. Ich konnte das Haus für Wochen nicht verlassen“, erinnert sich Wild. Bis Mitte der 80er-Jahre war der ausgebildete Pianist ein gefragter Pop-Keyboarder gewesen. Seine Band Missing Persons – vier New-Wave-Hipster mit auftoupierten Frisuren – gehörte zu den ersten Gruppen, die der damals neue Musiksender MTV auf Heavy Rotation spielte. Ihr Song „Walking In LA“ machte sie zumindest an der Westküste so bekannt, dass Chuck Wild für einige Jahre auf der Überholspur leben konnte. „Jeder wollte mit mir arbeiten. Das Telefon stand nie still.“

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Er komponierte Hits wie das in Deutschland zur Nummer eins gewordene „You’re My One And Only“ von Jennifer Rush und viele Soundtracks, etwa für den Cyberpunk-Klassiker „Max Headroom“. Irgendwann sei er so beschäftigt gewesen, dass sein Geist und Körper nicht mehr auf die Tragödien in seinem Leben reagieren konnten. Auf dem Höhepunkt der Aids-Krise hatte Wild 60 seiner engsten Freunde und Liebhaber an die Krankheit verloren. „60!“, wiederholt er, und seine Stimme klingt zum ersten Mal nicht mehr gelöst, sondern vehement. „Statt zu trauern, arbeitete ich bis zu 20 Stunden pro Tag und schüttete jede halbe Stunde einen doppelten Cappuccino in mich hinein.“ Eines Tages, in einer Morgenkonferenz, bekam Wild heftiges Herzrasen. „Ich verstand nicht, was mit mir passierte. Ich hatte als junger Mann in Vietnam gedient, aber so eine Angst hatte ich vorher nie gefühlt.“ Ein Kollege, der sich sicher war, es mit einem Herzinfarkt zu tun zu haben, bretterte Wild in die Notaufnahme. Doch weder EKG noch Ultraschall konnten den Verdacht bestätigten. „Der Doktor sagte: Sie sind körperlich gesund. Was Sie haben, sind Angstzustände.“ Am nächsten Tag fing Wild an zu meditieren. „Und das mache ich bis heute.“

Fabian Peltsch trifft Chuck Wild

Auf die Idee, selbst meditative Klänge zu machen, hatte ihn seine Therapeutin gebracht. „Sie sagte: Komponieren Sie Musik, die sich anhört, wie Sie sich gerne fühlen würden“, erinnert sich Wild. „Ich mochte MUSIC FOR AIRPORTS von Brian Eno. Das war aber immer noch zu busy.“ Wild wollte Enos Ambient noch „langsamer, beruhigender, langweiliger“ machen. „Dabei brach ich mit allen Regeln, die ich als Pianist gelernt hatte, besonders mit der Idee, dass die Stille zwischen den Noten Gold ist.“ Die Synthflächen von Liquid Mind gehen tatsächlich ununterbrochen ineinander über. „Auch wenn es beim ersten Hören unglaublich still klingt, will ich beim Komponieren die Stille unbedingt vermeiden.“

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Wilds Ausführungen klingen geerdet, bescheiden, pragmatisch. So spricht kein Mystiker, kein Esoteriker. Vor seiner Karriere als Musiker hat er Wirtschaftswissenschaft studiert. Wenn er morgens aufsteht, setzt er sich nicht auf ein Meditationskissen, sondern an den Computer, um als Day-Trader mit Aktien zu jonglieren. Was die heilenden Kräfte seiner Musik angeht, beruft er sich lieber auf wissenschaftliche Studien statt auf höhere Mächte. „Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass Kinder im Mutterleib keine hohen Frequenzen hören können, sondern nur die unteren Tonskalen. Außerdem spielt das Tempo eine große Rolle. Meine Melodien entwickeln sich so langsam, dass man runterfahren muss, um sie wahrzunehmen.“ Vor dem Computer hat Wild einen Fleck freigeräumt, wo er seinen Kopf betten kann, wenn ihn die eigene Musik zu schläfrig macht. Länger als 40 Minuten am Stück könne er nicht daran arbeiten, sagt er. Ob er seine Kunst als spirituell bezeichnen würde, frage ich, ein letzter Versuch, ihm ein Geheimnis zu entlocken. „Ja, auf jeden Fall“, antwortet Wild. „Spiritualität bedeutet für mich, möglichst viel Positivität in mein Leben zu bringen. Und meine Musik kann helfen, negative Gedanken – ich nenne es das „stinking thinking“ – zur Ruhe zu bringen.“

Zu Besuch bei Aeoliah in Sedona

Wo fängt die heilende Wirkung an und wo wird beliebiger Esoterik-Quatsch daraus? Wieso hatte mich New Age mehr getröstet als die klanglich ähnlichen Ambient-Entwürfe von Brian Eno oder Harold Budd? Braucht diese Musik eine mystische Aura, um ihre volle Wirkung zu entfalten? Während meiner Depression war Aeoliah, der Musiker mit der kitschigsten Ästhetik, seltsamerweise jener, der mich am meisten berührte. Ay-oh-lee-ya, so die Aussprache seines Namens, ist pures New-Age-Destillat. Seine selbst gemalten Artworks zeigen pastellfarbene Wolkenparadiese, von Aureolen umflorte Buddhas und Delfine, die Harfe spielenden Engeln entgegenspringen. Diese Musik zu hören, hatte zunächst Scham in mir ausgelöst – als würde ich bei etwas Verbotenem ertappt.

Bastian Zimmermann