Kalifornien-Reportage

Auf „New Age“-Spurensuche: Ist die Säuselmusik besser als ihr Ruf?


Inmitten einer Lebenskrise findet unser absolut geschmackssicherer Autor über Umwege zur wohl uncoolsten aller Musikrichtungen: New Age. Getrieben von Abscheu und Faszination macht er sich auf die Suche nach dem Kern dieses Genres und fliegt nach Kalifornien. Dort trifft er Genies und Wahnsinnige, vor allem aber findet er zwischen Heilung und Humbug zu sich selbst.

Mit gestraffter Brust und apartem Lächeln führt Aeoliah mich in sein Studio, das er sich neben seinem Schlafzimmer eingerichtet hat. Die Einrichtung ist bis auf die obligatorischen Kristalle, Heiligenbilder und Engelsfigürchen spartanisch. Ein Kronos-Keyboard und ein in die Jahre gekommener PC sind die einzigen Instrumente. Er zeigt mir sein neuestes Stück, das er mit Logic arrangiert hat, „an angelic piece, sehr ambient, sehr dreamy“. Was einfach klingt, ist aus rund 30 Spuren komplex zusammengefügt. Fünf bis sechs Stunden arbeite er hier pro Tag, sagt Aeoliah. An der Studiowand hängt das Gemälde, das ihn einst zum Musikmachen inspirierte. Es zeigt eine göttlich angestrahlte Harfe, die ein regenbogenfarbenes Universum ausbalanciert. Aeoliah hat ihm den Titel „Music Of The Spheres“ gegeben. Schon im 6. Jahrhundert vor Christus hatte Pythagoras von einer für das menschliche Ohr unhörbaren Sphärenharmonie gesprochen, die bei den Drehbewegungen der Himmelskörper entsteht – kosmische Klangschalen, wenn man so will.

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Neuere wissenschaftliche Untersuchungen bestätigen, dass das All nicht wie angenommen der Inbegriff des Schweigens ist, sondern von Gravitationswellen durchdrungen, die sich mit hochverfeinerter Technologie akustisch übersetzen lassen. Man brauche jedoch keine Apparaturen, um sich für die Klänge des Kosmos zu öffnen, sagt Aeoliah. „Musik ist wie eine Stimmgabel, die eine universale Frequenz in dir zum Schwingen bringt.“ Was der Musiker aus diesen Schwingungen macht, sei eine Frage der Intention. „Machst du Musik für Geld, oder weil du einem bestimmten Spirit folgst? Die Intention von John Lennon und Yoko Ono war, Frieden in die Welt zu bringen. Für mich liegt die Intention in Liebe, Heilung und Harmonie.“

Über die „New-Age-Box“ sei er dabei längst hinausgewachsen. Gerade konzentriere er sich auf „World Fusion“, tanzbare elektronische Musik mit „orientalischen und asiatischen“ Elementen. Außerdem hat er ein Trance-Album im Stil von DJ Tiësto aufgenommen. Auch eine eigene Linie von „Duftelixiren“ gibt es mittlerweile von ihm, die jeweils mit einem passenden Kristall ausgeliefert wird. Zum Abschied schenkt mir Aeoliah noch einen Stapel CDs und sagt: „Ich würde gerne ein Konzert in Dubai spielen, mit großer Light Show. Wouldn’t that be hot?“ Im Auto auf dem Weg zum Motel höre ich sein Techno-Album ENTRANCED und drücke unweigerlich das Gaspedal durch.

Klangsession bis zur Resignation

Am nächsten Tag habe ich mich für eine Sound-Heilung im Sedona Creative Life Center angemeldet, einem New-Age-Kulturzentrum aus den 80er-Jahren, das den Charme eines aufgegebenen Sektensitzes verströmt. Die Klang-Session mit dem Titel „Fresh Ears“ wird von Dr. Ishtaya geleitet, einem langhaarigen, fusselbärtigen Musikwissenschaftler um die 40, der mich im Schneidersitz im weitläufigen Kaktusgarten empfängt. Außer mir sind noch fünf weitere Teilnehmer gekommen. Wie zum spirituellen Appell stehen wir da, bis Ishtaya die Teilnahmegebühr von jeweils 25 Dollar eingesammelt hat. Dann möchte er, dass wir im Kreis laufen, und „ganz bewusst auf unsere Schritte achten“. Wenn es „sich richtig anfühlt“, sollen wir stehenbleiben und uns einen Partner für die erste Soundübung suchen. Mein Gegenüber nennt sich Kumara, nach einem Seher aus der indischen Mythologie. Sie ist um die 70, trägt Blumenkleid und platinblond gefärbte Hollywood-Diva-Frisur. Zu Beginn hatte sie sich als Sängerin und Klangheilerin vorgestellt. Auf der im Tarot-Stil designten Visitenkarte, die sie Ishtaya übergeben hatte, war sie als Prophetin mit Hirtenstab abgebildet. Der Doktor sagt, wir sollen uns gegenseitig in die Augen blicken und das erstbeste Geräusch machen, das uns einfällt. Der andere solle dann auf der gleichen „Vibration“ einsteigen, sprich: das Geräusch nachahmen. Kumara beginnt mit Kopfstimme einen hohen Ton anzustimmen, den ich unmöglich nachmachen kann. Im Bee-Gees-Register geht meine Stimme in ein Krächzen über. Sie lächelt. Als ich an der Reihe bin mache ich ein Geräusch, das auf einem vibrierenden R heranrollt. Zu meiner Überraschung meistert Kumara den urdeutschen Ton mit Elan und Kraft. Ungefähr zehn Minuten spielen wir uns gegenseitig die Bälle zu: WOOOOSH! AAAAH! PARFFF! RAAAAAA!! Gerade als uns die Ideen ausgehen, fordert Ishtaya, uns nun gegenseitig „irgendetwas“ übereinander zu erzählen, und darauf zu achten, ob sich unsere „Energiefrequenz“ schon angeglichen habe.

In Downtown L.A. offenbart sich dem Autor die dunkle Seite des meditativen New-Age-Genres.

Kumara berichtet mir, dass sie abends an einem Fluss in der Nähe ihres Hauses mit den Ahnen der Ureinwohner in Kontakt tritt. „Ich bitte sie, mir ihre Lieder beizubringen, damit wir sie gemeinsam als Dank an Mutter Erde singen.“ „Erlauben sie das?“, frage ich. Kumaras leicht wässrige, blaue Augen fixieren mich. „Ja, in der Regel tun sie das. Und dann kommt es über mich und ich singe in einer Sprache, die ich nie gelernt habe.“

Der Rest der Klangsession besteht aus einer von Dr. Ishtaya geführten Meditation: „Erlaube dir, meine Stimme von der Bedeutung meiner Worte abzukoppeln und nur den Klang wahrzunehmen … Lass es einfach geschehen.“ Mein kritischer Verstand meldet sich hämisch: Wie kann ich einerseits Ishtayas Anweisungen folgen und seine Stimme gleichzeitig als reinen Klang wahrnehmen? Bei der Nachbesprechung berichtet eine Frau, „ganz in der Gegenwart angekommen zu sein“. Eine andere erklärt, sich in endlos wiederholenden Mustern verloren zu haben. „Waren es Fraktale?“, fragt Ishtaya. Die Frau überlegt verunsichert: „Eher so wie die DNA. Mit Schlaufen.“ Kumara erklärt, sie habe während der Soundübung meine „animalische Seite“ wahrgenommen. „Er hat ausgesehen wie ein kleines Tier, aber ich komme gerade nicht darauf, welches.“ Ich habe vor allem eines gefühlt: Resignation. Jeder kocht hier seine eigene Suppe in der Hoffnung, dass etwas Heiliges herauskommt. Und Ishtaya geht auf alle gleichermaßen ein. Nichts ist falsch hier, aber auch nichts eindeutig oder gar ewig gültig. „Wir sind heute in neue Bereiche des Bewusstseins vorgedrungen und haben unsere Energie miteinander geteilt“, sagt Ishtaya mit sanfter Stimme. „We are so blessed – jeder auf seine Weise.“ Ich fühle mich nicht blessed. Ich bin verärgert, traurig, in mich gekehrt. Ishtaya sieht meinen abwesenden Blick und fragt, wie es mir ergangen ist, dem „music journalist from Germany“. Ich antworte: „Als wir mit geschlossenen Augen meditiert haben, überkam mich ein starkes Gefühl: Ich hatte das Bedürfnis, ein für allemal aufzugeben.“ Aufgeben – „to surrender“: Wieder so ein New-Age-Begriff, der alles und nichts bedeuten kann. Ishtaya lächelt wissend. „Das Herz ist ein Instrument, you know… Echte Musik passiert, wenn das Ego aus dem Weg geht.“

Hohepriester Matthew David McQueen kehrt New Age den Rücken zu

Am nächsten Tag fahre ich zurück nach Los Angeles. Ich habe nur noch einen Interviewtermin vor meinem Rückflug vor mir. Es wird das erste Gespräch mit einem Gleichaltrigen sein: Matthew David McQueen (aka Matthewdavid), Musiker und Gründer des Indie-Labels Leaving Records, hat seit 2016 den Weg für eine neue New-Age-Szene in Los Angeles geebnet. In Online-Artikeln hatte er euphorisch erklärt, das Genre neu definieren zu wollen. Er sprach davon, dass New Age etwas „Uraltes“ in ihm erwecke, ihn direkt „zurück zur Quelle“ führe. Auf den beigefügten Fotos spielte er in Sandalen und blumenbesticktem Kaftan auf einer Anhöhe Flöte. Aus irgendeinem schwer greifbaren Grund wirkte er trotz salbungsvoller Hippie-Aura nicht albern, sondern hip: Ein popkultureller Hohepriester, der das Geheimnis gelüftet hatte, wie man das verunglimpfte New-Age-Genre wieder cool macht.

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Als ich McQueen abends vor einem seiner Gigs im heruntergekommenen Downtown-Distrikt treffe, erkenne ich ihn zunächst nicht wieder. Die Haare sind kurz und streng gescheitelt, die Streichholzbeine stecken in Skinny Jeans. Er beendet gerade eine Riesenportion Sushi, als ich mich zu ihm an einen thekenhohen Tisch vor dem Club setze. Bei näherem Hinsehen ist er trotz fehlender New-Age-Insignien noch immer eine ätherische Erscheinung. Alles an ihm wirkt feingliedrig, fast zerbrechlich, von den Fingern bis zur Brille. Gleichzeitig spricht er selbstbewusst und schnell. Nur den Augenkontakt vermeidet er, so gut es geht. „Ich habe ein kompliziertes Verhältnis zu New Age“, sagt er gleich zu Beginn. „Um ehrlich zu sein, bin ich gerade auf dem Weg raus aus dieser Welt. Es gibt noch nicht viele, die davon wissen. Aber vielleicht ist es Zeit, das offener zu kommunizieren.“

Bastian Zimmermann