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Augenzeugenbericht aus London: Krawalle in Hackney

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Nach vier Tagen Krawallen in London ist es dort zwar etwas ruhiger geworden, aber die Aufstände haben sich in andere Städte verlagert, wie Manchester.

Unser Korrespondent Chris Watkeys berichtet, was ihm im Londoner Stadteil Hackney widerfuhr.

Der Tag, an dem meine Liebe zur Musik mich verließ, ist erst zwei Tage her.

Zum ersten Mal hörte ich von den Krawallen in Hackney durch die Nachricht eines Freundes. Ich wollte gerade auf mein Motorrad steigen, war auf dem Weg nach Hause, als mich sein Text erreichte: “Es gibt da einen Aufstand in Hackney, sei also bitte vorsichtig auf dem Weg”, hieß es da.

Es war immer noch helllichter Tag, die Sonne schien. Ich fühlte mich unwohl, hatte aber nicht wirklich Angst. Ich stieg auf mein Motorrad und fuhr die kurze Strecke zurück nach Hackney Central. Blieb stehen am Bahnhof, dort versammelten sich 50 bis 60 junge Leute – und Kinder. Sie standen zwei Reihen Polizisten gegenüber, postiert direkt auf der Brücke. Ich saß auf meinem Bike und beobachtete die Szenerie.

Die Atmosphäre war ruhig – bis drei Einsatzwagen der Polizei auftauchten, alle in einer Linie, gleich hinter den Einsatzkräften. Langsam bahnten sie sich ihren Weg.

Es fühlte sich an wie eine perverse Parodie der Geschehnisse am Tiananmen-Platz von Peking 1989, als sich ein Mann den chinesischen Panzern entgegen stellte . Denn zwei der Jugendlichen blieben einfach stehen, obwohl die Wagen unaufhörlich auf sie zurollten. Und stellten sich ihnen wieder in den Weg, als die Wagen um sie herumfuhren. Irgendwann gingen die Jugendlichen den Autos aus dem Weg, schlugen aber auf ihre Türen ein und bespuckten sie.

Ich umfuhr Polizei und Protestanten, bis an den Rand der Menge. Dort standen Streifenpolizisten. Sie sammelten Flaschen mit Benzin ein, vielleicht Randalierern abgenommen, die es auf Brandstiftung abgesehen hatten.

Zurück in meiner Wohnung ließ ich die Musik aus, ich schaltete sofort den Fernseher ein. In den Nachrichten war mein eigenes Wohnviertel zu sehen, aufgenommen von Hubschraubern. Jetzt fühlte ich mich unwohl, alleine in meiner Wohnung, war voller Adrenalin. Schaltete von Fernsehkanal zu Fernsehkanal, beantwortete die SMS besorgter Freunde und blickte aus dem Fenster. Über mich kreisten zwei Hubschrauber in kleiner Höhe.

Wenig später, es wurde schon dunkel, sah ich wieder aus dem Fenster. Ein junges Paar lief über die Straße, in Eile luden sie einen Kindersitz, Babykleidung und Flaschen in ihr Auto. Die junge Frau holte ihr Kind; der Mann schaute kurz auf, er sah mich, lächelte kurz. Dann stieg er in sein Auto und fuhr mit seiner Familie davon. Weg von den Krawallen.

Ich ging also wieder auf die Straße, musste sehen, was sich da zusammenbraut. Schon kam mir eine Teenager-Gang entgegen, Gesichter vermummt. Sie gingen an mir vorbei, direkt in Richtung Pembury Testate. In ihren Augen stand Aufregung. Unter ihnen war auch ein Kind, es dürfte nicht älter gewesen sein als zehn bis zwölf Jahre. Auf dem Weg zurück in meine Wohnung kamen mir immer mehr Leute entgegen, hektisch, sie trugen Koffer bei sich und eilten in Richtung des einzigen Bahnhofs, der noch offen war.

Ich telefonierte mit meiner Freundin, beschrieb ihr, was passierte, beruhigte sie. Dann ging ich an einer Bushaltestelle vorbei. Jugendliche riefen mir etwas zu. Sie drohten mir mein Handy wegzunehmen und lachten. Die letzten hundert Meter rannte ich zurück in meine Wohnung.

Zeit verstrich. Die Spannung stieg, dann legte sie sich, in Wellen, wie die Helikopter, die kamen und gingen; doch später kamen die Helikopter zurück – und blieben. Sie kreisten über den Häusern. Es war dunkel draussen, die Scheinwerfer durchleuchteten die Straßen. Freunde riefen an, boten mir an zu kommen. Ein sicherer Hafen. Ich zweifelte: bleiben oder gehen? Mein erster Gedanke war zu gehen. Aber dann hätte ich meinen Nachbarn zurück lassen müssen, einen alten Serbokroaten, der unter mir wohnt, schutzlos (und wahrscheinlich mehr als nur ängstlich). Ich rief ihn an; das Licht brannte bei ihm, aber er ging nicht ans Telefon. Ich bekam ein schlechtes Gefühl, und traf die Entscheidung aus Hackney zu verschwinden, zum Haus eines Freundes, weg von all dem Ärger.

Ich schäme mich ein bisschen dafür das zuzugeben, aber ich verließ Hackney noch bevor ich meinen Nachbarn erreichte. Ich verschloss die Tür und Fenster, schwang mich aufs Rad und fuhr davon. Da wurde mir auch klar, dass ich mich zu sehr habe anstecken lassen von der Angst, wie sie in den Fernsehnachrichten verbreitet wurde; meine Sinne waren getrübt. Als ich mit dem Rad durch Hackney fuhr wurde mir klar: Die Atmosphäre war ruhiger als ich dachte. Die Einsatzwagen jedoch fuhren immer noch umher; später erfuhr ich, dass Leute in den nahe gelegenen London Fields von ihren Rädern gezogen und ausgeraubt wurden.

Gestern wurde bekannt, dass eine Lagerhalle in Einfield durch ein Feuer zerstört wurde, das Randalierer gelegt hatten. Die Halle gehörte Sony Music, darin lagen aber auch viele CDs und Platten von Independent-Labels wie “Domino” und “XL”. Der Verlust an Tonträgern wurde von vielen Labels als “ruinös” bezeichnet. Es ist offensichtlich, dass die Musikindustrie nicht immun sein würde gegen die Aufstände. Deshalb gibt es jetzt auch eine Kampagne unter den Labels und ihren Fans, sie zu unterstützen. Hörer sollen ermutigt werden Downloads zu kaufen.

Zwei Tage später, wenn ich auf die Ereignisse des Montags zurück blicke, bleibt eines besonders an mir hängen. Ich glaube, es war das erste Mal in meinem Leben, dass mich die Liebe zur Musik verließ. Normalerweise wende ich mich der Musik zu, wenn es mir schlecht geht, wenn ich verzweifelt bin, in Zeiten der Einsamkeit; und auf der anderen Seite ist es auch die Musik, die durch mich fließt in Zeiten der Freude, Zeiten der Aufmerksamkeit, und in Zeiten der Katharsis. Die jetzige Situation war anders. Es ging um Angst – echte, unmittelbare Angst. Musik war das letzte, woran ich denken wollte. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll.

Der alte Mann unter mir schrieb mir noch am Montag Abend. Ich saß zu diesem Zeitpunkt im Haus meiner Freunde, und in Frieden. Er sagte, es gehe ihm gut, und dass ich dort bleiben soll, wo ich bin. Erleichterung durchfuhr mich, so wie es Musik normalerweise bei mir auslöst. Es fühlte sich gut an. 

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