Reportage

Backstage mit Leyya aus Wien: „Touren ist ein ewiges Auf und Ab“

Die Kantine am Berghain ist ein unscheinbarer Flachbau im Schatten der neoklassizistischen Techno-Kathedrale. Im Inneren der Konzertlocation hängt der Putz bedrohlich tief von der Decke, das Licht ist schummrig-gelb. Dennoch hat die Mensa des ehemaligen Heizkraftwerks ihre ganz eigene Anziehungskraft, nicht umsonst spielen hier hoffnungsvolle Newcomer sowie alte, wiederentdeckte Indie-Helden.

Leyya aus Wien sind dem Newcomer-, aber noch längst nicht dem Geheimtipp-Status entwachsen. Das österreichische Duo bereiste mit der schwelgerischen Elektronika ihres Debütalbums SPANISH DISCO die Welt, spielte in den USA, Island und auf dem renommierten Primavera Sound in Barcelona. In diesem Jahr gewannen sie mit dem Amadeus Award Österreichs wichtigsten Musikpreis und BBC-Radio-1-Moderator Huw Stephens outete sich als Fan und spielte viele ihrer Songs.

Sitzt man mit Sophie und Marco, den beiden Köpfen Leyyas, im winzigen Backstage der Kantine am Berghain, spürt man jedoch, dass das Kritikerlob noch längst nicht für riesige Konzerte sorgt. Zwar war der Wien-Auftritt Leyyas mit über 800 Besuchern ausverkauft, doch Stimmungskiller lauern an jeder Ecke. „Touren ist ein ewiges Auf und Ab“, versichert Marco unterm bröselnden Putz der Kantine sitzend und berichtet vom vergangenen Abend in Frankfurt: „12 Karten im Vorverkauf, 18 an der Abendkasse. Klar, Frankfurt ist als Konzertstadt immer etwas schwierig, aber das war echt ein ganz schöner Downer.“

Eine Erklärung für den unsteten Besucherandrang könnte auch sein, dass diese Herbsttour anders geplant war. Denn eigentlich sollte das neue Album, das den Titel SAUNA tragen wird, im Oktober erscheinen. „Naja, eigentlich ja im April schon – und davor bereits im Januar“, grätscht Sophie dazwischen und lacht über die ganze Aufschieberei. „Wir waren einfach sehr lange nicht zufrieden, wir haben ständig Songs gelöscht, bis uns irgendwann Leute gefragt haben, ob wir deppert seien. Wir fingen an, die besten Songs in Frage zu stellen.“

Das mag auch daran liegen, da Leyya sich für SAUNA ein klares Konzept zurechtgelegt haben: die Vision eines lebensfrohen, völlig unironischen Sommeralbums. „Bilderbuch in allen Ehren, aber dieser Ansatz aus Metaebenen und ironischem Witz war nicht das, was wir wollten,“ sagt Marco. Dass Leyya ihrer Vision sehr nahe gekommen sind, liegt vor allem daran, dass sie den Funk für sich entdeckt haben. Wo auf SPANISH DISCO im Zweifelsfall noch auf (selbst produzierte) Samples zurückgegriffen wurde, spielen Leyya auf den neuen Songs als kompakte, groovende Band auf. Marco sagt dazu: „Wenn man die ganze Zeit nur Salziges isst, will man auch mal etwas süßes.“ Heißt übersetzt: Leyya sind den melodramatischen Moll-Akkorden überdrüssig, sie haben Bock auf süße Melodien.

Die Stimmung im etwa 10 qm großen Backstage-Kabuff ist gelöst, was nicht nur daran liegt, dass das Album seit vergangener Woche gemastert im Presswerk liegt. Sondern auch daran, dass Bassist Tobi Geburtstag hat. Es wird mit Bier und Ingwerstücken angestoßen, an die gemeinsamen Reisen erinnert und nebenbei für den Auftritt aufgewärmt. Die Kantine hat sich in der Zwischenzeit bis in die hinterste Ecke gefüllt, die Vorband sich von der Bühne verabschiedet. Sophie, Marco, Tobi und sein Bruder, Drummer David, wünschen sich mit ihrem rituellen Abklatschen viel Glück: Flache Hand in flache Hand, in die Knie, Hüfte an Hüfte. Es sieht tatsächlich graziler aus, als diese sehr rudimentäre Beschreibung es einfangen könnte.

Das anschließende Konzert wirkt trotz der vielen neuen Songs und Arrangement routiniert, die vier Musiker eingespielt. Die Songs von SPANISH DISCO kommen druckvoller und pointierter aus den Boxen und die neuen Lieder werden enthusiastisch von den Besuchern angenommen. Insbesondere „Drumsolo“ und „Heat“, zwei der neuen Tracks vom im Januar erscheinenden SAUNA, bergen enormes Hitpotenzial.

Während „Drumsolo“ durch seinen namensgebenden Schlagzeug-Einschub sonderbar entrückt und doch rhythmisch wirkt, ist „Heat“ ein klassischer Sommerhit: eingängige Melodie, klarer Refrain und kein belastender Schnickschnack. Sophie freut die Einschätzung: „Gut, dass wir diese beiden Songs als die nächsten Singles auskoppeln werden. Wir haben ihr Potenzial sehr spät erkannt und wollten sie nicht mit aufs Album nehmen, bis wir merkten, wie viele Menschen aus unserem Umfeld positiv auf sie reagierten.“

Die Erleichterung ist nun mit Händen zu greifen. Berlin war der Tourabschluss für dieses Jahr. „Morgen heißt es 13 Stunden zurück nach Wien und dann beginnt die Promo-Arbeit für das neue Album“, erklärt Marco während er seine Gitarre und den Verstärker im Bandbus einlädt. Im nächsten Jahr geht das Auf und Ab des Tourens dann weiter – mit neuer Platte und hoffentlich etwas größeren Backstage-Räumen.

Max Hartmann Musikexpress
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