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Das Ende von „Game of Thrones“: Von unausgegorenen Charakterentwicklungen und würdigen Toden

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Am 17. April 2011 feierte die erste Folge ihre Premiere und sorgte schnell für Begeisterung. Im Frühjahr 2019 endete „Game of Thrones“ nach acht Staffeln für die meisten Fans jeodch enttäuschend – warum eigentlich? Bevor ein Blick auf die Stärken und Schwächen des Finales geworfen werden kann, ist eine kurze Rekapitulation der Ereignisse der letzten Folge notwendig.

Das passiert in der letzten Folge von „Game of Thrones“

Nachdem Daenerys Targaryen (Emilia Clarke) zuvor auf ihrem feuerspeienden Drachen Drogon über Königsmund hergefallen ist und so tausende Unschuldige tötete, scheint der Eiserne Thron nun endlich ihr zu gehören. Sie fordert ihre Anhängerschaft an Dothraki und Unbefleckten dazu auf, mit ihr auch den Rest der Sieben Königslande zu „befreien“ und lässt Grauer Wurm (Jacob Anderson) Kriegsgefangene ermorden. Indes entdeckt Tyrion die Leichen seiner Geschwister, Jaime (Nikolaj Coster-Waldau) und Cersei Lannister (Lena Heady), unter dem Roten Bergfried.

Geschockt über das Ausmaß der Zerstörung und den plötzlichen Ausbruch der „Mutter der Drachen“, beratschlagen sich ihre Hand Tyrion Lannister (Peter Dinklage) und ihr Geliebter Jon Schnee (Kit Harington) über das weitere Vorgehen. Nach einem letzten Gespräch mit Daenerys ist ihr gefährlicher Größenwahnsinn nicht mehr zu bestreiten, weshalb Jon sie schließlich erdolcht. Drogon zerstört daraufhin den Eisernen Thron und fliegt mit der Leiche davon.

Nach einem Zeitsprung haben sich die Lords und Ladys der wichtigsten Häuser von Westeros versammelt, um über die Zukunft des Kontinents zu entscheiden. Tyrions Vorschlag, „Bran den Gebrochenen“ zum neuen König zu krönen, wird letztlich angenommen, er selbst wird zur neuen alten Hand ernannt. Sansa Stark (Sophie Turner) fordert wiederum erfolgreich die Unabhängigkeit des Nordens unter ihrer Führung. Jon hingegen wird zurück an die Mauer geschickt, um seinen Dienst bei der Nachtwache wiederaufzunehmen.

Später ist zu sehen, wie er mit Tormund (Kristover Hivju) und den Wildlingen jedoch noch weiter in den Norden zieht. Und schließlich setzt Arya Stark (Maisie Williams) die Segel, um die Gebiete westlich der Sieben Königslande zu erforschen.

Die Stärken und Schwächen

Eine Vielzahl der Probleme der letzten „Game of Thrones“-Staffel liegen in ihrer Hastigkeit. Während sich die HBO-Serie von David Benioff und D.B. Weiss, die auf den Büchern George R.R. Martins basiert, bis dahin durch ihre austarierte Erzählweise und kohärente Entwicklungen hervortat, wirkte das Finale des Fantasy-Epos übereilt. Plötzlich wirkte das Handeln mancher Charaktere nicht mehr nachvollziehbar.

Am dramatischsten wurde das an Daenerys Targaryen, ausgerechnet eine der beliebtesten Figuren der Serie, ersichtlich. Auch wegen ihrer Strahlkraft als Befreierin der Unterdrückten und ihrer Mission, das sich immer weiter drehende Rad wechselnder Herrscher, die doch nur auf Macht aus sind, endlich zu brechen, wurde ihr Ende mit großer Spannung erwartet. Zwar deutete sich ihr Größenwahn und ihr Hang zur Brutalität bereits in den vorausgegangenen Staffeln immer wieder an. Doch eine fundierte Entwicklung zu erzählen, die ihren letztlichen Ausbruch, in dem sie schlicht ganz Königsmund dem Feuer opferte, rechtfertigen würde, verpasste die Serie ganz und gar.

Nicht nur, dass ihre sieben Staffeln umspannenden Bemühungen, überhaupt nach Westeros zu gelangen, unbefriedigender Weise schlicht im Sande verliefen oder sie mit der recht lieblos inszenierten Ermordung durch Jon Schnee einen unwürdigen Tod fand. Am meisten enttäuschte schlicht, dass einem solchen Ende vorher kein Weg gebahnt wurde und ihre plötzliche Verrücktheit damit weitgehend aus der Luft gegriffen erschien.

Apropos Jon Schnee: Während viele Fans sich daran störten, dass seine Abstammung immer wieder umfassend thematisiert, letztlich aber nahezu egal war (ähnlich wie die Bedrohung durch die Weißen Wanderer), gehörte sein Verbleib dennoch zu den gelungeneren. Wäre er es gewesen, der letztlich auf dem Eisernen Thron Platz genommen hätte, wäre die Entscheidung am Ende auf die wohl abgeschmackteste Option von allen gefallen: Ein Auserwählter, an dem von der ersten Folge an ein „Good-Guy-Image“ klebte, hätte obsiegt und „Game of Thrones“, das sich bis dato durch seine Ambivalenzen auszeichnete, wäre zu einer Art Märchen verkommen.

Zu den Schwächen zählt wiederum, dass es mit Bran Stark dennoch zu einem anscheinend vom Schicksal bestimmten, neuen Herrscher kam. Seine übernatürlichen Fähigkeiten und metaphysischen Kräfte begleiteten ihn auf seiner vorgezeichneten Reise. Die letzte Zeile des „Lied von Eis und Feuer“, die neu geschaffene Ordnung, ist damit nicht menschengemacht. Die Bemühungen verschiedenster Parteien, die mindestens seit Robert Baratheons Tod andauernden Unruhen zum eigenen Vorteil zu nutzen oder aber einem allgemein befriedigenden Ergebnis zu führen, wirkten vor diesem Hintergrund völlig redundant. Ohnehin alles Bestimmung.

Wo der Serie die Drachenkönigin entglitt, gelang es ihr, die Geschichte der regierenden Königin tatsächlich zu einem stimmigen Ende zu führen. Cersei Lannister blieb ihren Motiven ebenso treu wie ihr Bruder Jaime. Ihre starrköpfige Kompromisslosigkeit war es, die sie in den Tod führte und seine absolute Hingabe wiederum, die bewirkte, dass er mit ihr starb. Damit hat „Game of Thrones“ ausgerechnet seinen unbeliebteren bis allgemein verhassten Charakteren ein würdiges Ende zugestanden. So ist sich die Serie hier in ihrer elaborierten Figurenzeichnung jenseits schwarz-weißer Kategorien von „gut“ und „böse“, was oftmals einen entsprechend uninspirierten Ausgang nach sich zieht, treu geblieben. Auch damit zusammenhängende Feinheiten, wie eine Brienne of Tarth, die Jaimes Eintrag im Buch der Brüder positiv vervollständigt, zählen zu den Stärken der letzten Episode.

Standen die Lannisters für Narzissmus und ethische Verwerflichkeit, repräsentierten die Starks moralische Überlegenheit. Auch wenn ihr Haus über die acht Staffeln hinweg sehr zu leiden hatte, verkörperten sie stets eine gewisse sittliche Autorität. Dass diese Tendenz nicht überstilisiert wurde, zeigte sich vor allem in der teils zweifelhaften Entwicklung Arya und Sansa Starks.

Während Erstere lernte, sich selbst zu verteidigen und dabei zusehends skrupelloser in ihrem Rachefeldzug agierte – immerhin serviert sie Walder Frey seine Söhne als Pasteten – ging Letztere bei Kleinfinger (Aidan Gillen) in die Lehre und wurde bald selbst zur gewieften Taktiererin. Enttäuschend ist dabei allerdings, dass beide gänzlich unbeschädigt als vernünftige, ehrbare Persönlichkeiten enden – während offenbar weit weniger gereicht hat, um Daenerys dem Wahnsinn preiszugeben und in Ungnade fallen zu lassen.

Letztlich rührt die Enttäuschung über das Finale des Epos wahrscheinlich auch daher, dass es in keinem großen Wurf, etwa der Einführung einer Demokratie, wie sie etwa Samwell Tarly (John Bradley-West) an einer Stelle vorschlägt, mündete. Ausgerechnet das Auf-der-Stelle-Treten, der ganz allmählich einsetzende Denkprozess und langsame menschliche Fortschritt, rückt die Fantasy jedoch ganz nah an die Realität. Und für ihr Talent zu (zwischen-) menschlicher Authentizität schätzte man die Serie ja ohnehin – auch wenn Drachen darin vorkamen.

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