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Die Erben des Grunge: Wie „The Smell“ als kreativer Meltingpot neue Talente hervorbringt

Eine ganze Szene junger Slacker, aufgewachsen unter brennender Sonne und virtueller Dekadenz, wütet heute die amerikanische Westcoast auf und ab. Sie kennen ihre Vergangenheit, den ganzen Katalog: 60s, Surf, Grunge, Sonic Youth, Black Sabbath, Neil Young – alle, die mal laut waren und wild. Auf der Nord-Süd-Achse thront Seattle, man streift San Francisco, zieht durch Los Angeles, bis in San Diego schließlich der Strand am größten scheint. Zentrale Orte, Bars und Clubs, Einflüsse und Vorbilder schaffen einen gemeinsamen Horizont und vernetzen die lokalen Epizentren. Geografische Mitte dieses Kosmos ist „The Smell“ in Downtown Los Angeles. Hier haben sie alle gespielt, sich gegenseitig gesehen, gefeiert.

Eintritt haben selbst Minderjährige, es gibt offiziell keinen Alkohol, keine Drogen. Teenager setzen sich ins Auto, raus aus der engen Vorstadt. No Age, die aus dem Punkrock in drückenden Wellen zu Sonic Youth gleiten, wurden hier groß und erscheinen heute auf dem Nirvana-Label Sub Pop. Neben den verschmiertesten Toiletten und auf einer Bühne, die eigentlich ein Teppich ist, konnte die Band Gowns noch wirkliche Noise-Experimente arrangieren. Und das, bevor sich die allerorts gefeierte Erika M. Anderson alias EMA nach Portland aufmachte, um sich anstelle des Vollbarts Achselhaare wachsen zu lassen. Mika Miko, Silver Daggers, The Mae Shi, Abe Vigoda, eine endlose Liste lokaler Helden.

Als spielten Sonic Youth mit drei Akkorden SMILEY SMILE neu ein

In San Diego befragt man Wavves‚ Wunderkind Nathan Williams nach seinen liebsten Läden und erhält „The Smell“ als Antwort. Sein erstes Album: BLEACH. Was dabei herauskommt, klingt, als spielten Sonic Youth mit drei Akkorden SMILEY SMILE neu ein, nur damit alle Eltern noch einmal spüren, was Zorn bedeutet. Am Strand reitet Williams seine Mustang in Richtung Sonne: Dem „King of the Beach“ werden Drogencocktails gereicht, er beleidigt sein Publikum, um im Hyperspace nur noch mehr verehrt zu werden, wechselt Bandmitglieder wie ausgetretene Chucks. Die beliebte Koinzidenzkette dieses subkulturellen Klimas führt Williams für die Aufnahmen zum letztgenannten Album an die Backingband des 2010 verstorbenen Jay Reatard.

Den jungen Wilden brennt es unter den Fingernägeln

Als dieser mit seinem frühen Tod ein riesiges Loch in die nach Punk und wilder Nähe strebende Szene reißt, kürt man schnell Ty Segall zum notwendigen Nachfolger. Auch er wächst in und mit „The Smell“ auf, verbringt viel Zeit in diesem kreativen Meltingpot zwischen Galerien und Obdachlosenviertel Skid Row. Irgendwann zieht er nach San Francisco und sucht seinen Platz in einer familiär vernetzten Musikszene. Der nach harschen Protesten mittlerweile nur noch online ausstrahlende Radiosender KUSF funktioniert jahrelang als Alternativkanal, lokale Bands und Veranstaltungen abseits des Internets einer unabhängigen Gemeinde vorzustellen. San Francisco ist wesentlich kleiner als L.A. und wird durch Freak-Folk-Künstler wie Joanna Newsom oder Devendra Banhart dominiert. Auf Konzerten wird geflüstert und gesessen, während es den jungen Wilden unter den Nägeln brennt. In reaktionärem Gestus reißen Bands wie Sic Alps, Thee Oh Sees, Sonny Smith die Verstärker bis zum Anschlag auf. Bilden eine neue Szene, veranstalten wieder brennende Konzerte, helfen sich gegenseitig bei Aufnahmen, tauschen Bandmitglieder und experimentieren mit maßlosem Lo-Fi-Krach und alten Achtspurgeräten der Firma Tascam.

Gleichzeitig wird die Nähe zu Seattle immer deutlicher, die Vorbilder treten klar hervor. Mikal Cronin, der mit Segall zwischen unmöglichem Quatsch bis drängendem Frontalangriff schon alles in irgendeinem Keller produziert hat, bereitet schon jetzt auf sein am 20. September als Download oder Import erscheinendes eponymisches Album vor. Die Single „Apathy“ hätte nicht nur des Titels wegen leicht hinter „Drain You“ auf NEVERMIND Platz gefunden – wäre man nicht jahrelang vom großen Bruder mit Blur belästigt worden.

Kassetten aus reiner Protesthaltung

Auch heute geht die Tendenz an der Nordpazifik-Küste hin zum rohen Material. Der Vorwurf, einfaches Songwriting durch Lo-Fi-Charme zu kaschieren, wird durch brachiale Lautstärke an die Wand gedrückt. Es existieren sogar noch Kassetten, die bespielt und weitergereicht werden. Das mag reine Protesthaltung sein, aber immerhin ist es eine Haltung, die auf das physische Erlebnis hinaus will; der Kontrast wäre ein virtuelles. Es soll wieder richtig knallen im Keller. Die Kids gehen surfen, wollen danach einen Verstärker durchbrennen sehen und mit Bierdosen das Feuer löschen.

Dieser Artikel ist unter der Überschrift „Dreckig, laut, lärmig – die Erben des Grunge“  im Musikexpress 10/2011 erschienen.


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