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Nachbericht

5 Erkenntnisse, die wir beim Eurosonic 2019 in Groningen gewonnen haben

Es ist nicht nur das erste Festival des noch jungen Popjahres, sondern auch das größte europäische Showcase-Festival seiner Art: das Eurosonic Festival in Groningen. An vier Tagen traf sich in der holländischen Universitätsstadt das Who-is-Who der Musikindustrie, um sich 350 NewcomerInnen aus ganz Europa an 40 verschiedenen Spielorten in der ganzen Stadt anzuschauen. Das hier sind unsere zentralen Erkenntnisse:

1. Man muss sich nicht anbiedern, um erfolgreich zu werden

Die österreichische Trap-Pop-Sängerin Mavi Phoenix galt als eine der spannendsten Newcomerinnen des Festivals. Trotzdem ließ sie es sich nicht nehmen, von der Bühne des Grande Theatres herunter einen kleinen Diss in Richtung Publikum zu schießen. Dieses bestand nämlich, wie immer auf Festivals dieser Art, hauptsächlich aus Menschen, die in der Musikindustrie arbeiten, also: vielen Männer über 40. Dass diese Mavis Lobeshymne auf ihre Lieblingsband Coldplay zum Auftakt ihres Songs „Yellow“ eher mit einem Naserümpfen goutierten und sich vom Autotune-Sound der 23-Jährigen nicht gerade mitreißen ließen, kommentierte sie mit einem süffisanten Lächeln: „Oh yeah right, this is a showcase festival“ – was im Subtext wohl sowas wie „Ihr seid nicht meine Fans, ihr seht nur mein Potenzial“ heißen sollte. Ziemlich lässige Ansage, die uns die Sängerin nur noch sympathischer macht.

2. Pornhub hat ein Problem mit Regelblut

Das isländische Rap-Kollektiv Reykjavíkurdætur hat ein Musikvideo gedreht, das sowohl von YouTube, Vimeo und letzten Endes sogar von Pornhub zensiert wurde. Der Grund? Darin wurde Regelblut thematisiert. Das erzählen die zehn Frauen am Donnerstagabend auf der Hauptbühne und zeigen damit, wie dringend ihr feministischer Rap gebraucht wird. In glitzernden Paillettentops sagen sie dem Patriarchat so eindrucksvoll den Kampf an, dass man sich wünscht, man hätte lieber Isländisch in der Schule gelernt als Latein.

Kooperation

3. Aphex Twin kommt vielleicht doch aus Wien

Beim Versuch Dorian Concepts Fingern zu folgen, konnte einem echt schwindelig werden: Blitzschnell improvisierte der Wiener auf seinem Micro Korg, die polyrhythmischen Pattern irgendwo zwischen Flying Lotus und Aphex Twin ließen noch mal ganz neu über die Verbindung von Techno und Jazz nachdenken. Gleichzeitig bewies Dorian Concept, dass man auch mit einem reduzierten Setup großartige und hochkomplexe Musik machen kann.

4. Duran Duran lebt!

Diese Behauptung tippte zumindest ein begeisterter Fan auf dem Konzert von Crimer in seine Insta-Story. Tatsächlich hätte sich der Schweizer ohne Probleme sowohl optisch als auch musikalisch in jede Synth-Pop-Band der 80er einschleichen können. Man mag das retro finden. Vor allem hat das Konzert aber ganz schön viel Spaß gemacht.

5. Die Posaune ist ein unterschätztes Instrument

Wenn man beim Eurosonic irgendwann den Punkt erreicht hat, an dem man seine strikten Timetable-Verpflichtungen endlich über Bord wirft, ist man bereit die wahren Schätze zu entdecken. Zum Beispiel die beiden Isländer Hugar, die nachts in einer Kirche den schönsten sphärischen Sigur-Ròs-Sound gespielt haben – auf Piano und Posaune. Wir finden: ein Instrument, das in der Popmusik gerne mehr zu Einsatz kommen darf.


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