Kritik

„Fargo“ (Staffel 4) auf Joyn: „The Sopranos“-Momente und verpasste Chancen

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Eigentlich, und hierauf muss ein leider folgen, eigentlich passt „Fargo“ in dieses Jahr. Nicht nur George Floyd in den USA oder rechtsextreme Netzwerke hierzulande bei Polizei und Bundeswehr beweisen, dass Rassismus strukturell herrscht, und bei Weitem nicht besiegt ist. Die neue Staffel der beliebten Serie „Fargo“ zeigt viel von dem rassistischen USA in Minnesota 1950. Aber überzeugt sie damit?

In Kansas City, so der Plot, herrschen Clans über die Stadt. Das waren 1900 Juden, worauf erst Iren und dann Italiener folgten, nun sind die Schwarzen an der Reihe. Damit beide Seiten den Frieden wahren, tauscht man jeweils einen Sohn, der bei der Gegenseite lebt. Doch schon nach kurzer Zeit wird klar: Die Gang rund um Loy Cannon (Chris Rock) will mehr.

Sie kämpfen dabei im USA von 1950 mit einer durchweg rassistischen Gesellschaft. In Schulen gibt es noch Segregation, weiße Polizeioffiziere lassen Willkür walten, und eine Bank lehnt Cannons Crew zu Unrecht ab. Praktisch jeder nicht-Schwarze Charakter in „Fargo“ handelt xenophob, was ein akkurates Bild der damaligen Zeit darstellen dürfte.

Die amerikanische Seele

Überhaupt versucht sich Creator Noah Hawley hier an einer großen Charakterstudie der USA. Wieso scheitert der American Dream, das Gesundheitswesen, woher rührt Diskriminierung? Hawley wirft vor allem Fragen auf, lässt nahezu alle Figuren von Rassismus sprechen, er scheitert aber daran, ihn zu charakterisieren. Symptomatisch: Eine Schwarze Figur spricht von der spirituellen Seite, die bei ihren Leuten besonders ausgeprägt sei, womit Hawley nur reproduziert.

Es mag nobel sein, sich auf Lynchmobs oder auf das Massaker 1921 in Tulsa zu beziehen, bei dem bis zu 300 Schwarze in Oklahoma bei Unruhen starben. Doch „Fargo“ vermag nicht in die Tiefe zu gehen. Man sieht Chris Rock als Anführer gern, wie er andere ausspielt, sich versucht, ins weiße Establishment festzusetzen, doch erfährt gleichzeitig wenig über die Figur Loy Cannon.

Immerhin verharrt die Serie visuell auf hohem Niveau, die Hosenanzüge und Mäntel der Nachkriegszeit erfreuen, Hawley bleibt bei seiner Liebe zu Splitscreens, teilt den Bildschirm auch bei Verfolgungsjagden, zeigt Jäger und Gejagte. Auch den Hang zum Exzess aus den vorherigen Staffeln kennzeichnet Staffel 4. Insbesondere die Krankenschwester Oraetta Mayflower (Jessie Buckley) sticht heraus, schon in den ersten Folgen kokst sie und tötet Patient*innen im eigenen Krankenhaus. Gleichzeitig verführt sie einen der Mafiosi.

Starker Cast ohne prägende Figur

Diese sind in Kansas trotz Deal mit Cannon noch an der Macht, wähnen sich als Erben des Römischen Reichs, während Cannons Leute angeblich noch „in Hütten“ lebten. Wenn sich die Mafiosi streiten, der starke Cast (etwa auch mit 007-„Q“ Ben Wishaw) seine Muskeln zeigt, der junge Sohn aus Europa (Salvatore Esposito) den Konflikt eskalieren will, in diesen Momenten schwingt immer auch etwas „The Sopranos“ mit.

Exzentrische Momente, plötzliche Gewalt, wie ein Shotgun-Einbruch bei Geldzählern: „Fargo“-Typisches kommt durchaus vor. Die Serie allein an den Schauwerten zu messen, gewissermaßen am Unterhaltungswert, wird ihr nicht gerecht. Dennoch fehlt auch bei dieser Betrachtung ein Antagonist, wie in Staffel 1 Lorne Malvo als unheimliche Präsenz. In der zweiten Staffel legte die Gerhardt-Operation die Natur und Gewalt des Kapitalismus dar. Doch das neue „Fargo“ verwehrt Antworten, wenn es sie denn gibt, oder zumindest echte Erklärungen. Dass Charaktere nur allzu explizit Reden über die amerikanische Seele schwingen, zum Teil mehrfach in derselben Episode, zählt sicher nicht dazu. „Fargo“ hallt wenig nach, gerade weil es der Serie selten gelingt, Rassismus mehr als nur abzubilden.

„Fargo“, Staffel 4, seit 10. Dezember 2020 auf Joyn PLUS+ im Stream zu sehen, 11 Folgen à 55-60 Minuten


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