Spezial-Abo

Freudentaumel, Spaßbremsen und Monsterschnauzer: die Alben der Woche

von

Album der Woche – Yeasayer:  Fragrant World

Ist das ein gutes Zeichen? Dass einem das dritte Album von Yeasayer schon beim ersten Ansetzen runter geht wie Öl? Uns wurde früher erzählt, man müsste Öl trinken, damit der so ausgekleidete Verdauungsstrakt weniger Alkohol ins Blut lässt, man also mehr verträgt. Aber wünscht man sich von einem Album der New Yorker aus 1001 Nacht nicht, dass es einen trunken macht, taumeln lässt, den Hörer durchwirbelt? Stattdessen umschmeicheln einen die Popmelodien auf Fragrant World wie (was tun, wenn einem das Klischee direkt vor die Füße springt?) Perserkatzen. „Reagan’s Skeleton“ malt sogar derart eindeutig „ Sweet Harmony“, den Hit der britischen Synthiepop-Gruppe The Beloved nach, dass es nicht übertrieben ist, von einem Rip-off zu sprechen. Irgendwie hat man die Kompositionen von Yeasayer verwunschener, verwegener, vertrackter in Erinnerung. Der Weingeist von Fragrant World steckt eben im Detail. Vor allem im fast vollständig synthetischen Sound oder wie man in diesem Fall wohl korrekter sagt: „Sounddesign“. Abgesehen von den Stimmen Anand Wilders und Chris Keatings, deren schamanenhafte Passion die wichtigste Trademark von Yeasayer bleibt, und den gewohnt vielschichtigen Drumpatterns, scheint alles einem stetigen Morphing unterworfen – die Synthesizer und Drone-Bässe, die verfremdeten elektrischen Gitarren und die noch weiter durch die Maschine gedrehten Chöre. Das Trio will ja nicht von ungefähr „psychedelisch“ genannt werden. Allerdings tropften wohl jedem Künstler, der seit den 60ern so charakterisiert wurde, wenigstens ein paar Farbspritzer daneben. Fragrant World hingegen ist so klar und fast schon schmerzlich deutlich definiert, dass der Begriff Psychedelia durch Yeasayer glatt eine Umdeutung erfährt. Würde Peter Gabriel heute noch unumwundene Popalben wie So aufnehmen, sie könnten klingen wie dieses hier. (Oliver Götz)

B

Bonaparte – Sorry, We’re Open

Bonaparte gehören zu den Erfolgsmodellen des Franchise-Unternehmens, das die mindestens so unhaltbar behauptete wie immer noch in freier Wildbahn real existierende Crazyness Berlins auch an Orten außerhalb der Hauptstadt zur Aufführung bringt. Mehr oder weniger verkrachte Künstler- und Lebenskünstler-Existenzen finden rund um den Direktor Tobias Jundt in diesem Wanderzirkus eine Anstellung und so lange Spaß daran, so lange sie selbst das Tempo hoch halten können. Keine Frage, das gleich hinter der legendären Bar 25 aus dem Ü-Ei geschlüpfte „ Original“ ist dem vorzuziehen, was sich irgendwelche Agenturen in genau diesem Augenblick ausdenken könnten, um noch ein abstruses „ Berlin-Gefühl“ als dünnes Sößchen über ein beliebiges Produkt zu gießen. Doch Spaß- und Pferdebremsen, von denen mindestens eine in der Redaktion dieser Musikzeitschrift sitzt, geben zu bedenken: Ein bisschen Maskerade, eine Konfettikanone, nackter Busen und wildes Gezappel machen noch keine gute Popmusik. Und eine Old-School-Drum-Machine und ein böser Basssynthesizer, neckisch durchs Telefon gesungene Keckheiten und ein bisschen grobe Gitarre, eine Handvoll gebrochener Seefahrer-Romantik-, Fitness-trainer-Animationen und Charleston-Klischees, und Mariachi-Tröten noch kein gutes Album. Es ist unbedingt ratsam, sich ein paar zum amtlichen Exzess neigende Menschen einzuladen, um Sorry, We’re Open so öffentlich wie möglich aufzuführen, soll der Spaß beginnen. Kann aber auch sein, dass die wilden Gäste bald schon nach „Remmidemmi“, „Song 2“ oder „Blister In The Sun“ verlangen. Diese Hits oder wenigstens auch nur etwas halbwegs Vergleichbares haben Bonaparte nämlich vergessen aufzunehmen für dieses Album. (Oliver Götz)

C

Clare, Alex – The Lateness Of The Hour

 

D

Darkness, The – Hot Cakes

Der zweitgrößte Reiz an The Darkness war ihr Spiel mit Widersprüchen. Meinen die das ernst?! Doch was sie anderen Meistern der Verwirrung wie Rammstein und Steel Panther stets voraushatten, war ihr größter Reiz: ihre Songs. The Darkness waren eben nie „ Spinal Tap in echt“ . Vor allen Catsuits, vor all den B-Movie-Monstern in den Videos und vor den fliegenden Kunststoffbrüsten stand bei ihnen immer die Musik. Und so ist es auch die Musik, die das Quartett aus Lowestoft zur Rückkehr berechtigt. Gerade in durchironisierten Zeiten wie diesen braucht es schon mehr als den längst auch breitenmäßig an-, ver- und wiedergekommenen Monsterschnauzer von Urbassist Frankie Poullain und den neuen Musketierlook von Sänger Justin Hawkins, um wieder in alle Munde zu kommen. In die Münder gehören die Songs! Denn aus ihnen wollen sie gesungen werden. Also auf zur Musik: Der Opener „ Every Inch Of You“ fungiert als Scharnier zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Justin Hawkins fasst darin seinen bisherigen Werdegang zusammen („I wanted to be a doctor, I wanted to be a vet. Until I heard ‚Communication Breakdown‘ on a TDK C 90 cassette“). Das folgende „Nothing’s Gonna Stop Us“ zeigt programmatisch den Weg in die Zukunft: ein hymnischer Stampfer mit den vertraut warmen Brian-May-Licks und den sehnsuchtsvollen Thin-Lizzy-Melodien. Klar, die Vorbilder. Diese Band wäre nichts ohne ihre Vorbilder. Aber welche wäre das nicht? Solange das Ergebnis solchen Spaß macht wie der Wirbelwind „She’s Just A Girl, Eddie“, von dem man sich die Kleider vom Leib reißen lassen und sich volltrunken in aller Öffentlichkeit blamieren möchte. Die Leadsingle mit dem stumpfen Titel „Everybody Have A Good Time“ eröffnet mit einem passend stumpfen AC/DC-Riff, „Street Spirit“ ist gar ein komplettes Cover – des wohl niedergeschmettertsten aller Songs von Radiohead, nach Jahren des Daseins als Live-Clownerie jetzt endlich als Studioversion veröffentlicht. Der, selbstverständlich komplett überdrehten, Cover¬version kommt die Funktion eines Manifests von The Darkness zu. Zeigt es doch, wie sehr man Musik gleichzeitig lieben und es lieben kann, sich über sie lustig zu machen. Überträgt man diese Formel auf das ganze Leben, kommt man selbst mit einem One Way Ticket To Hell wieder zurück. Man muss eben seinem Herzen folgen. The Darkness still believe in a thing called love. Und dann heißt der letzte Song hier „Love Is Not The Answer“. Da wären wir wieder beim charakteristischen Widerspruch. Der Kreis schließt sich wie die Lücke, die diese Band hinterlassen hat. Willkommen zurück, so was von willkommen zurück! (Stephan Rehm)

E

Evening Hymns – Spectral Dusk

 

L

Lynyrd Skynyrd – Last Day Of A Dyin‘ Breed

 

M

Madsen – Wo es beginnt

Vielleicht funktioniert Punkrock tatsächlich immer noch so. Man möchte ja dran glauben. Man kann es zumindest noch mal probieren, haben sich wohl Madsen gedacht. Haben für ihr auch schon fünftes Album, Wo es beginnt, noch mal die E-Gitarren eingestöpselt und den Verzerrer auf Anschlag gedreht. Haben die Schlagzeugfelle extra hart gespannt und die Stimmbänder von Sebastian Madsen kräftig angeraut, damit er besonders eindrucksvoll davon singen, oder besser: schreien kann, wie man den inneren Rebellen entdeckt. Wie es ist, sich um ein Mädchen zu schlagen. Wie es ist, keine Zukunft zu haben, zu leben als Mitglied einer „Generation im Arsch“ . Oder er brüllt einfach: „ Wir haben nicht ewig Zeit.“ Die Gitarren klingen dabei manchmal wie von Metallica, als die noch richtig böse waren, manchmal wie von Tocotronic, als die noch was wollten. Nein, Wo es beginnt klingt nicht wie ein fünftes Album, sondern so aufgebracht und drängend, so angefressen und angekotzt wie ein Debüt. Wo es beginnt ist eine große Wutplatte, die nur die notwendigsten nachdenklichen Momente besitzt und einige unglaublich eingängige Melodien. Eine Platte, die doch tatsächlich so gut in diese Zeit passt wie lange keine mehr. (Thomas Winkler)

P

Plan B – ill Manors

 

Poisel Philipp – Projekt Seerosenteich

 

S

Sherwood, Adrian – Survival & Resistance

Der britische Dub-Produzent will den Kampf mit der Moderne aufnehmen, wählt aber viel zu harmlose Waffen. Gemessen an seinem Status, hat sich Adrian Sherwood in der Vergangenheit viel zu sehr zurückgehalten, was Veröffentlichungen unter eigenem Namen angeht. Schlappe zwei Alben für das Label Real World stehen zu Buche. Das letzte davon hieß Becoming A Cliché und hatte mehr zu bieten, als der Titel vermuten lässt. Lee „Scratch“ Perry ahmte Tiergeräusche nach, Roots-Reggae-Feeling mischte sich mit Breakbeats, New-Asian-Flavour kam hinzu, einen schönen Track mit französischen Vocals gab es auch. Von diesem Facettenreichtum kann man dieses Mal nur träumen. Sherwood hat sich einen schlagkräftigen Titel ausgedacht, doch von der Energie, die man beim Überlebens- und Widerstandskampf braucht, ist gar nichts zu erkennen. Der Rhythmus kommt nur gemächlich voran, die Grundstimmung ist introvertiert und alle Tracks sind so spartanisch arrangiert, dass man im Ergebnis nur von Schlafwagen-Dub sprechen kann. Keine Ahnung, was in den Mann gefahren ist. Sicher wird man mit der Zeit ruhiger, aber das fällt Sherwood verdammt spät ein. Er muss ja kein großes Statement abliefern und den Dub-Reggae neu erklären. Ein gutes Album im typischen Style hätte es schon getan. Nur in „ Starship Bahia“ hat dieser sonst so tadellose Tüftler etwas mehr Farbe ins Spiel gebracht. So originell ist das aber auch wieder nicht. Latin-flavoured Dub ist vom Gotan Project schon zur Genüge vorexerziert worden. (Thomas Weiland)

 

Sturm, Nicolas – Nicolas Sturm

 

Strong Arm Steady & Static Selektah – Stereotype

 

W

Wiz Khalifa

 



Diese Musiker haben die meisten Instagram-Follower
Weiterlesen