Interview

Gaspar Noé im Interview zu „Climax“: „Das Berghain war eine Inspiration, auch wenn ich rausgeflogen bin“

Gaspar Noé macht faszinierende Filme, vor denen man allerdings Angst hat. Spätestens seit er in „Irreversibel“ eine grausame Vergewaltigung zeigte und in der Nahaufnahme einen Kopf mit einem Feuerlöscher zertrümmern ließ, blickt man mit Vorsicht auf die Leinwand, sobald der in Frankreich lebende Argentinier wieder einen Film ins Kino bringt.

In „Climax“ schlägt er wieder besonders kraftvoll in die Magengrube, indem er seine Zuschauer erst für 45 Minuten ein wahnsinnig dynamisches Electro-Musical schauen, bevor er ein eingeschneites Schulgebäude zur Hölle werden lässt. Die Gefangenen, eine Tanzgruppe, werden unwillentlich unter den Einfluss von LSD gestellt, verlieren die Kontrolle über sich selbst und die Nacht, die Noé nun dem Publikum zumutet. Aus dem Musical wird ein meisterhafter Horrorfilm, ganz normale Menschen werden zur größten Gefahr und Techno-Clubs – die Schule sieht irgendwann aus wie einer – sind kein Ort für Eskapismus mehr. Sondern eine physische und psychische Falle.

Musikexpress: In den nächsten Tagen wollte ich eigentlich feiern gehen, aber dank „Climax“ habe ich jetzt Angst davor. Danke dafür.

Gaspar Noé: Der Film basiert lose auf echten Geschichten von verschiedenen Personen. Dazu hatte ich tatsächlich auch das Berghain als Inspiration im Kopf, „Climax“ könnte genauso gut dort spielen. Aus dem Berghain bin ich übrigens mal rausgeflogen.

Eigentlich ist reinkommen der schwere Teil. Wie hast du das denn geschafft?

Ist halt passiert, die genauen Hintergründe sage ich lieber nicht. Aber es hat mich eben inspiriert. Dieser Moment, wenn man diesen einen Drink zu viel hat oder eine falsche Line nimmt und sich alles verschiebt. In Anlehnung an Berlin habe ich Psycho, die eigentlich aus Dänemark kommt, auch zu einer Deutschen gemacht.

Hast Du selbst mal LSD genommen?

Nicht zu oft. Aber ja, als ich noch jünger war. Du kannst halt ganz plötzlich von einer Phase in die nächste wechseln. Den Trip genießen oder eben nicht, das ist bei Marihuana ja ähnlich. Als Teenager hatte ich Situationen, die ich lieber nicht wiederholen möchte. Wenn dein Gehirn vom Himmel in die Hölle kommt.

Wie bringt man Schauspieler die Imitation von LSD-Trips bei?

Das Komische an den Tänzern ist, dass sie zwar verrückt aussehen, aber sehr gesund leben. Zum Beispiel im Vergleich mit den Leuten aus der Mode-Branche. Oder aus der Film- oder Musikindustrie. Hätte ich den Tänzern zwei Gläser Wodka gegeben, dann hätten sie wohl kaum mehr laufen können.

Der Dreh war also clean?

Auf jeden Fall. Wir haben vor dem Film viel im Internet recherchiert und die besten Videos von Leuten gesucht, die auf Raves die Kontrolle verlieren. Material von Leuten auf Ecstasy oder aus der Hippie-Zeit. Wir zeigen den Tänzern auch Aufnahmen mit medizinischem Kontext oder Konsumenten auf dieser komischen Droge Flakka, die Menschen richtig irre macht. Diese Szenen haben wir dann vorgeführt, damit die Schauspieler und Tänzer in der zweiten Hälfte des Films durchdrehen können. Sie sollten sich dann aber weitestgehend selbst aussuchen, wie sie den Wahnsinn porträtieren.

Zu Beginn von „Climax“ gibt es eine Schrifttafel: „Dieser Film ist französisch und stolz darauf“. Obendrein ist die französische Flagge auch sehr präsent. Warum war das wichtig?

Der Film spielt in Frankreich, die meisten Tänzer sind französisch, das Geld auch. Ich bin mir sicher, in Deutschland würde man das auch so machen, dazu eine hübsche deutsche Flagge…

Glaub mir, in Deutschland würden wir das lieber lassen.

Kurios beim Film ist übrigens die Zusammenstellung der Gruppe. Ich habe sie nicht nach Geschlecht, sexueller Präferenz oder der ursprünglichen Herkunft ihrer Familien ausgesucht. Ich wollte die charismatischsten und besten Tänzer haben. Nach unserem Dreh hat Frankreich dann mit einem gut durchmischten Team die Weltmeisterschaft gewonnen und die Leute haben wieder die Flagge geschwenkt. Es gab also eine gewisse Synchronizität zwischen der WM und dem Film. Außerdem haben ich den Spruch hingeschrieben, weil man diesen Film in den USA nicht drehen könnte – oder mit amerikanischem Geld. Frankreich ist ein guter Ort, um Filme zu drehen.

Zu welchem Zeitpunkt wurde die Musik des Films ausgewählt?

Zu einem sehr frühen Zeitpunkt, obwohl unsere gesamte Vorproduktion sehr schnell ging – die Tänzer mussten ja zu den Songs üben. Einige amerikanische Songs haben wir aber nicht bekommen.

Zu teuer?

Nein, wegen moralischer Fragen. Der Film behandelt ja Drogen und nicht jeder möchte seine Musik damit assoziiert wissen. Bis auf zwei Szenen war die Musik aber bereits beim Dreh sicher. In der allerletzten Szene, in der ja nicht mehr getanzt wird, wollte ich „Angie“ von den Rolling Stones, und zwar in einer Instrumentalversion, die ich mal auf YouTube gefunden habe. Wir erhielten aber lange Zeit keine Antwort vom Management. Erst eine Woche vorm Cannes-Festival und der Premiere erhielten wir die Erlaubnis für ein Cover.

Vielen Dank für das Gespräch. 

„Climax“ startet am 6. Dezember in den deutschen Kinos. 

 


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