Popkolumne, Folge 92

Frühjahr oder November 2020: Welcher Lockdown ist der bessere? – Volkmanns Popwoche im Überblick

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LOGBUCH KALENDERWOCHE 47/2020

Keine Ahnung, wie es anderen geht, aber ich muss schon sagen, meine Kreise sind wirklich kleiner geworden diesen Monat. Dabei habe ich nicht die große Koalition gewählt, empfinde Angela Merkel per se nicht als mein weisungsbefugtes Krafttier und besitze nicht den allergrößten Ehrgeiz, „Weihnachten zu retten“. Dennoch halte ich mich an die Isolation und das Aufregendste, das ich diese Woche gemacht habe, ist, ein Kreator-Badge an die Arschtasche von einer meiner Hosen genäht zu haben. Etwas, was ich schon seit zwei Jahren tun wollte, doch irgendwann resigniert dachte, so leer wird mein Leben wohl nicht mehr werden, dass das je noch passieren kann. November 2020 macht’s möglich! (Aber no hard feelings: Sieht geil aus).

THE GREAT BATTLE OF THE LOCKDOWNS

Im April saßen wir alle bereits ziemlich fest daheim – und jetzt im November erneut. Der Quasi-Lockdown kehrt zurück. Also alles einfach auf „Repeat“ gestellt? Oder was unterscheidet LCKDWN I von LCKDWN II? Ich habe das mal versucht an fünf Themen exemplarisch festzuhalten.

01. Hamsterkäufe

  • LCKDWN I
    „Wenn ich noch ein leeres Regal im Supermarkt sehe, muss ich weinen!“
  • LCKDWN II
    „Wenn ich heute ein leeres Regal im Supermarkt sehe, bin ich beruhigt, kann mir ja eh nichts mehr kaufen.“

02. Mindset

  • LCKDWN I
    „Oh Gott, wir werden alle sterben!“
  • LCKDWN II
    „Wenn nicht mindestens mehrere unangenehme Leute aus meinem nahen Umfeld sterben, waren die Maßnahmen der Regierung vielleicht doch ZU effizient!“

03. Selbstberuhigung

  • LCKDWN I
    „Wenigstens kommt bald der Frühling“
  • LCKDWN II
    „Wenigstens beißt gerade Trump vor Wut in die Tischplatte“

04. Ambitionen

  • LCKDWN I
    „Ich lerne eine neue Fremdsprache, schaffe endlich mal die Kritische Werkausgabe von Marx und meine Truffaut-Box und alle Didi-Filme, dazu täglich Yoga und jede Woche ein neues Rezept ausprobieren.“
  • LCKDWN II
    „Nein, einfach nein!“

05. Die Songs über Quarantäne

  • LCKDWN I
    „Verstörend, aber auch aufregend diese Zeit gerade. Auf jeden Fall toll, jetzt daheim aufgenommene Songs von meinen Lieblingskünstlern zu hören. Denen geht’s ja wie mir!“
  • LCKDWN II
    „Wenn noch ein Künstler ein Stück über Klopapier und sein Befinden im Home-Office schreibt, schlag ich ihn tot!“

AUTOR DER WOCHE: FIL


Fil ist irgendwie sein ganz eigenes Universum. Auf der Schnittstelle zu Kabarett, Kleinkunst und Big-Styler-Fame fabuliert er Comic-Beiträge, Musik und nun auch wieder zwei komplett dichte Bücher. Bei „Worte über Orte – Die Reisen des Fils“ (Ullstein, 340 Seiten) handelt es sich nicht wie bei den Büchern davor um eine kurzgeschichtige Roman-Attrappe, sondern gleich um ein wildes Sammelwerk. Anekdoten, Rubriken, verkappte Songtexte, ein paar Zeichnungen… die Materialschlacht wird freundlich zusammengehalten von der Behauptung, es ginge hier um Reisen und Orte.

Ein Künstler so sprudelnd wie Mentos in Cola? Wenn man das schon bei diesem Reise-Buch denkt, was zur Hölle bleibt noch, um „Fil: Always Ultra“ zu beschreiben? Der Comic-Verlag Reprodukt bastelt dem angegeilten und vom Produkt wie immer heillos überforderten Fil-Nerd hier ein Sammelband mit Comics aus den Neunzigern zusammen. Verschachtelte Storys seiner Jetztzeit-Protagonisten „Didi & Stulle“ wirken gegen die Geschehnisse in „Always Ultra“ wie lineares Daumenkino. Toilettenlektüre für Leute ohne Badezimmer. Lieb’s!

ALBUM DER WOCHE: DIE AERONAUTEN

Olifr Maurmann alias GUZ starb in diesem Januar an seiner Herzerkrankung. Er war über Jahrzehnte Sänger der smarten Schweizer Band Die Aeronauten. Posthum erscheint nun deren letztes Album auf Tapete Records. „Neun Extraleben“ heißt es. Teile davon stammen aus letztjährigen Aufnahmen. Noch nicht fertige Schnipsel, Texte, Fragmente wurden nach dem Schock jüngst von der Band zusammengesetzt. Irgendwie bei allem Good Will ein tieftrauriges Werk, das auch an den Stellen, wo es Mut macht, unterschwellig von Verlust erzählt. Warum auch nicht? Diese Aeronauten-Platte ist eben volles Brett Emo – statt Rock-Pop für verarmte Studienräte mit Schweiz-Faible.

 

DAS KLEINSTE INTERVIEW DER WELT: KATJA ALEKSEEV

Die Partei DIE PARTEI ist berüchtigt für offensive Plakate. Damit haben sie bereits vor über zehn Jahren das heutige Meme-Phänomen in analoger Form vorweg genommen. Auf einem Plakat steht „Auch Hot Wheel fickt gut“ – davor sieht man Katja Alekseev aus Köln. Sie sitzt wegen einer Muskelerkrankung im Rollstuhl. Typisch PARTEI, möchte man denken, doch die Bloggerin gehört heute nicht mehr zum Verein, sie trat dieses Jahr von ihrer Bürgermeisterinnen-Kandidatur zurück und gleich ganz aus – nicht ohne dabei einiges an Staub aufzuwirbeln.

Für unsere kleine Kolumne hier hat sie uns drei Fragen beantwortet:

Katja, Lockdown Nummer zwei, Du bist natürlich weiter im Zentrum der Risikogruppe – aber unterscheiden sich diese Wochen gerade für Dich von denen im Frühjahr? Ist es relaxter oder fieser?

KATJA ALEKSEEV: In meinem Alltag hat sich nicht viel geändert. Ich habe weiterhin kaum persönlichen Kontakt zu anderen Menschen, außer meinen Assistenten. Der Virus rückt jedoch immer näher, weil sich mehr Menschen aus dem Bekanntenkreis mit dem Virus angesteckt haben. Ein sehr mulmiges Gefühl!

Wenn alles nur ein bisschen anders gelaufen wäre, wärst Du jetzt Bürgermeisterin von Köln. Was hättest Du in Deiner Amtszeit als erstes angeschoben?

KATJA ALEKSEEV: Unter dem Deckmantel der Partei Die PARTEI hätte ich wahrscheinlich viel Schabernack getrieben, aber mein größtes Anliegen wäre, mich für mehr Barrierefreiheit in Köln einzusetzen. Der Südbahnhof und der Friesenplatz benötigen beispielsweise dringend einen Aufzug. Mehr Aufzüge für Köln, insbesondere funktionierende!

Als Bloggerin gibst Du auch intime Einblicke in Deinen Love-Alltag. Wie selbstverständlich (oder auch nicht) ist in der Gesellschaft eine Liebesbeziehung zwischen Behinderten und Nicht-Behinderten, wie Du sie lebst? Was kannst Du da den Leuten mitgeben?

KATJA ALEKSEEV: Von Selbstverständlichkeit kann man leider nicht sprechen. Menschen hinterfragen oft, weshalb mein Freund mit mir zusammen ist. Und zwar nicht, weil ich als Person beispielsweise merkwürdig bin (glaube ich zumindest), sondern weil sie sich eine Beziehung mit einem Menschen, der eine Behinderung hat, sehr kompliziert vorstellen. Ich würde den Menschen mitgeben wollen, dass sie diverse Liebeskonstellationen einfach hinnehmen. Man muss sich das nicht für sich vorstellen können, aber man kann lernen zu akzeptieren und anderen ihr Glück gönnen. Liebt, wen ihr wollt!

Besucht Katja auf Instagram: https://www.instagram.com/einfachkatja_blog/

Und wenn ihr die ganze Geschichte zum Austritt aus DIE PARTEI hören wollt – und noch einiges mehr… hier findet ihr unser Gespräch als Podcast: 

MEME DER WOCHE

Instagram: Bandmemes666

GUILTY OR PLEASURE (90s Edition, PT 19.): BABYLON ZOO

Die Sache ist ganz einfach: Ein verhaltensauffälliger Act aus dem Kanon der 90er wird noch mal abgecheckt. Geil or fail? Urteilt selbst!

FOLGE 19: Babylon Zoo

HERKUNFT: Wolverhampton
AKTIV: 1992 – 2000
GENRE: Rock
DISKOGRAPHIE:
2 Studio-Alben
ERFOLGE: 1996 mehrere Wochen Platz Eins im United Kingdom für die Single „Spaceman“ sowie Platin-Status am Ende des Jahres – außerdem grüßt das Stück in 15 anderen vornehmlich europäischen Ländern ebenfalls von der Spitzenposition.

PRO
Persönlich habe ich dieses One-Hit-Wonder nicht mit besonders intensiven Erinnerungen aufgeladen. Im Power-Podcast „Never Forget“ von Fabian Soethof und Stephan Rehm Rozanes proklamiert letzterer das Stück „Spaceman“ allerdings als besten Song des Jahrzehnts… Wow. Er wird sich was dabei gedacht haben, im Gegensatz zu mir scheint er wirklich Ahnung von Pop zu besitzen. So weiß er im Podcast zum Beispiel, dass „Spaceman“ vor allem auch einen eher zeituntypischen Appell gegen Homophobie enthält und sich textlich überhaupt weit weg von Bubblegum-Pop verortet sieht. Gleich noch mal nachhören und staunen.

CONTRA
Eine chartstaugliche Schwundstufe von Placebo meets David Bowie mit der Substanz einer Eintagsfliege im Kamin. Babylon Zoo haben ihre Songwriterkunst so unglückselig mit Marketing, Image und Trash zugestellt, dass einfach nichts gesehen werden konnte außer dem (schon während des Strahlens bereits verpuffenden) Hype eines Sommers.

Was bisher geschah? Hier alle Popkolumnentexte im Überblick.

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