Spezial-Abo

Jan Joswig kontrolliert Action Bronson

von


Hey, Mr. Wonderful!
Eigentlich ist er Koch,
darum spielt Essen in den Songs von Action Bronson eine große Rolle.

Dick gleich doof. Im körpernormierten Deutschland gilt diese Gleichung als abgemacht. In den USA steht man ihr ambivalenter gegenüber. Der Normierungsbogen wird mit plastischer Chirurgie, Fitnesswahn und Ganzkörperenthaarung weitaus stärker überspannt als in Europa. Andererseits setzen Bewegungen wie das „Fat Empowerment“ (dick ist dufte) und der „Lookism“ (wider die diskriminierende Beurteilung nach Äußerlichkeiten, „man sieht nur mit dem Herzen gut“, Saint-Exupéry) starke Gegengewichte.

In einem speziellen US-amerikanischen Populärfeld gilt dick nicht nur als dufte, sondern geradezu als sexy. In der afroamerikanischen Unterhaltungsmusik von Boogie Woogie bis HipHop konnte und kann man es auch als Michelinmännchen zum Posterboy bringen. Von Fats Domino (erster Hit: „The Fat Man“, 1950) über Barry White (Spitzname „The Walrus Of Love“) bis Notorious B.I.G. (Typ, leg’ dich nicht mit „Big Poppa“ an, Lady, leg’ dich in sein Bett) inszenieren sich die übergewichtigen Wuchtbrummer ganz ungeniert als Erotikbolzen. Sie können mit Selbstironie auf sich blicken, aber das sabotiert nicht ihre sexuelle Ausstrahlung.

In Deutschland bleibt dem dicken weißen Musiker nur die Rolle des sich selbst veralbernden, entsexualisierten Clowns. Guildo Horn, zieh noch mal dein Polyesterhemd aus, darunter schwabbelt’s so schön käsig hervor. Dem entwürdigenden Blick von außen kommt man durch Selbstentwürdigung zuvor. In den USA kann sich der dicke weiße Musiker eine Scheibe vom Image des dicken afroamerikanischen Musikers abschneiden. Der hellhäutige New Yorker Schwergewichts-Rapper Action Bronson behauptet sich mit fetten Skills im HipHop – und strahlt statt Lächerlichkeit Big-Poppa-Verführungskraft aus.

Die Körperlichkeit im HipHop ist das eine Bein, auf dem Action Bronsons würdige Sexiness steht, das andere ist Rocky. Wie Sylvester Stallone in seiner Rolle als Boxer trägt er statt bunter Polyesterhemden schlichtgraue Sportklamotten, das proletarische Pendant zum gedeckten Business-Anzug: Wer was draufhat (Boxen oder Rappen), muss keine Effekthascherei per Klamotten betreiben. Ob der Oberarmumfang von Muskeln oder von Fett bestimmt wird, spielt dabei eine untergeordnete Rolle.

Diese Kolumne ist in der Mai-Ausgabe 2014 des Musikexpress erschienen.



TV-Tipp: Was Ihr über die „Suicide Squad“-Mitglieder (nicht) wissen müsst
Weiterlesen