Bestenliste & Jahresrückblick

ME-Jahresrückblick 2020: Die 50 besten Alben des Jahres

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Es ist eine eingefleischte Musikexpress-Tradition, jährlich die besten 50 Alben des Jahres auszuwählen. Rein objektiv natürlich. Dafür werden etliche ME-Mitarbeiter*innen am Ende des Jahres nach ihren Top 20 ausgefragt und die Antworten daraufhin streng demokratisch ausgewertet. Das Ergebnis bildet das Highlight der letzten Jahresausgabe des Musikexpress – und was war das nur für ein Jahr! Corona-Verzweiflung und -Lethargie, Homeoffice-Langeweile und Solo-Partys – wir haben dieses Jahr wirklich alles gespürt. Umso schöner, dass so viele brillante Künstler*innen so kreativ geblieben sind. Die Alben, die uns 2020 besonders aufgemuntert, berührt, aufgefangen oder elektrisiert haben, findet Ihr hier.

Welche neuen Alben 2020 außerdem erschienen sind, könnt Ihr hier nachlesen.

Was ferner in diesem Jahr geschah, könnt Ihr in unseren „Jahresrückblick 2020“-Specials, Listen und News nachlesen. Online und im Heft.

50. GRIMES – MISS ANTHROPOCENE

4AD / Beggars / Indigo (VÖ: 21.2.)

Die Kanadierin schafft hier ein äußert anspruchsvolles Hörerlebnis. Schrill, überraschend und doch irgendwie verträumt. Avantgarde-Musik, die mehr ist als experimentell und die sich vor allem durch ihre unschuldige, nahezu engelsgleiche Stimme auszeichnet. Die weiß Grimes ganz gezielt und abwechslungsreich einzusetzen. Sei es mit viel Hall auf flächigen Synthesizern oder unschuldig verspielt, ja fast schon countryesk wie in „Delete Forever“. Lilly Wolter

49. TEYANA TAYLOR – THE ALBUM

Good Music / Def Jam / Universal (VÖ: 19.6.)

Ein ziemlich programmatischer Titel, den die 29-Jährige ihrem dritten Album gegeben hat. Aber gut, was für das „Das Quiz“ mit Jörg Pilawa funktioniert, muss auch der von Kanye West, Timbaland und Ayo produzierten Amerikanerin recht sein. Zumal DAS Album mehr als dreimal so lang ist wie der gefeierte Vorgänger und damit auch genug Platz für alte Heldinnen wie Lauryn Hill und Erykah Badu bietet. Butterweiche Oldskool-R’n’B-Tracks wie „Come Back To Me“ oder „69“ stehen dabei hochmodernen futuristischen Beats wie in „Let’s Build“ oder „Shoot It Up“ gegenüber. Christopher Hunold

48. HANS UNSTERN – DIVEN

Staatsakt / H’Art (VÖ: 24.4.)

Am besten, man erlebt Hans Unstern live auf der Bühne, als genderpolitisch modellierten Körper mit Leopardenleggins und diesem unschlagbar glitzernden Lächeln, aber auf Platte ist er auch gut. Sehr gut im Fall von DIVEN. Hier verbindet er die Schwingungen einer elektroakustischen Harfe und am Computer gebogene Blech-Beats mit dem ihm eigenen „Gedankenblitzgeklimper“. Mit so viel Wonne und so viel Lust am Aus-der-Norm-Springen macht ihm das keiner in diesem Land nach. Schöne Grüße aus der Dada-Traumathek: „Ich spinne Haare zu Gold“. Frank Sawatzki

47. THE STREETS – NONE OF US ARE GETTING OUT OF THIS LIFE ALIVE

Island / Universal (VÖ: 10.7.)

Der Hype ist weg, der Style auf seinem Comeback-Mixtape so da wie eh und je: Der britische Smartphone-Storyteller Mike Skinner hat seinem einflussreichen Grime-, 2-Step- und Pop-Langzeitprojekt The Streets neues Leben und ein 2020er-Update verpasst. Er inszeniert sich als rappender Produzent und damit auf Augenhöhe mit seinen prominenten Feature-Gästen, zum Beispiel mit Kevin Parker, Idles-Sänger Joe Talbot und seinem alten Freund Rob Harvey. Das ist ausnahmslos gut und kommt ohne Hit aus. Fabian Soethof

46. BRIGHT EYES – DOWN IN THE WEEDS, WHERE THE WORLD ONCE WAS

Dead Oceans / Cargo (VÖ: 21.8.)

Zusammen mit seinen alten Freunden Mike Mogis und Nate Walcott (und ein paar Gästen, etwa Flea und Zack de la Rocha) sucht Conor Oberst weniger das Brüchige als das Süffige: Auf dem ersten Bright-Eyes-Album seit neun Jahren schichtet das Trio aus Omaha Streicher, Bläser, Chöre, Keyboards; leuchten die Mitglieder in die verschiedensten Winkel ihrer musikalischen Welten. Den Songs haftet bisweilen eine gewisse Jahrmarkthaftigkeit an, die übernimmt jedoch nie das Kommando. Das liegt nach wie vor bei Oberst, der in Songs wie „Hot Car In The Sun“ aus dem ganzen Lärm hinaustritt und dann dasteht wie nackt. Schön. Jochen Overbeck

45. YAEJI – WHAT WE DREW

XL / Beggars / Indigo (VÖ: 2.4.)

Mitten im ersten Lockdown, als man Freunde nur noch im Bildschirm sah, besuchte uns auf einmal diese koreanisch-US-amerikanische Produzentin durch die Boxen in unseren Wohnzimmern, lümmelte sich auf der Couch, ließ uns in genuscheltem Koreanisch und Englisch an ihrem Leben teilhaben, pumpte unseres mit stampfenden Housebeats wieder mit Positivität auf und nahm uns mit auf Traumreisen, wenn die Realität mal wieder zu viel war. Bis heute ist sie geblieben, hängt mal im Plattenregal, dann wieder auf der Festplatte ab, stets bereit, uns wieder aus dem Alltag zu schubsen. Stephan Rehm Rozanes

44. GIL SCOTT-HERON – WE’RE NEW AGAIN – A REIMAGINING BY MAKAYA MCCRAVEN

XL / Beggars / Indigo (VÖ: 7.2.)

Und natürlich gehört ein Album des 2011 verstorbenen Gil Scott-Heron in die Top 50 von 2020. Dasselbe gilt für den sehr lebendigen Jazz-Drummer Makaya McCraven. Auf dieser Platte treffen sie sich gewissermaßen, der Poet eines afroamerikanischen Soul-Narrativs, das zuletzt unter dem Eindruck von Black Lives Matter erinnert werden durfte, und der geniale Übersetzer aus dem Reich der Improvisation. McCraven mixt das Spätwerk Scott-Herons in den Rang eines hochaktuellen Gebets, in dem sich gesampelte Stimmen aus der Beatmeisterei in Chicago melden. Frank Sawatzki

43. AGNES OBEL – MYOPIA

Deutsche Grammophon / Universal (VÖ: 21.2.)

Schon der Titel setzt das ambivalente Setting: MYOPIA könnte für „meine Utopie“ oder eben „meine Dystopie“ stehen. Eindeutige Antworten gab die dänische Wahlberlinerin Agnes Obel noch nie, aber ihr so bedrückender wie entrückter Kammerpop Noir spricht auf ihrem vierten Album besonders für sich. Heruntergepitchte Violinen, filzgedämmte Pianosaiten, ihr Mezzosopran und Stücke namens „Broken Sleep“ und „Island Of Doom“ bestimmen diesen Soundtrack zur Selbstisolation. Kein Wunder, dass selbst David Lynch Fan von dieser Meisterin des Unheimlichen ist. Fabian Soethof

42. SOCCER MOMMY – COLOR THEORY

Caroline / Universal (VÖ: 28.2.)

Wer eine „Color Theory“ vorlegt, nimmt es zwangsläufig mit Goethe auf, der seine Farbenlehre bekanntlich für seine größte Lebensleistung hielt. Wie Goethe interessiert sich auch die bisexuelle Songwriterin auf ihrem zweiten Album, einer College-Pop-„Color Theory“, für die Augenfarbe von Frauen. Oder vielmehr einer ganz bestimmten Frau, in „Yellow Is The Color Of Her Eyes“. Gelb. Oha. Die starken Melodien haben was von Pionierin Aimee Mann, auch wenn Soccer Mommy eine halbe Oktave heller singt und sich in deutlich verhalltere, synthetischere Gefilde vorwagt. Stefan Hochgesand

41. HAFTBEFEHL – DAS WEISSE ALBUM

Universal (VÖ: 5.6.)

Auch wenn es die Beatles-Referenz im Titel nicht vermuten ließ: Mit dem WEISSEN ALBUM lieferte Haftbefehl dann doch noch den lang erwarteten Nachfolger zu seinem Klassiker RUSSISCH ROULETTE. Die Folterkeller-Beats aus dem Maschinenraum von Bazzazian scheppern noch immer ordentlich, Haftis dichte Erzählungen von der Offenbacher Großstadttristesse packen auch in ihrer Fortsetzung. Da verwundert es fast, dass das Album trotz Promo-Spektakel im Nachhinein etwas verpuffte. Aber beweisen muss sich Hafti 2020 sowieso niemandem mehr. Friedrich Steffes-lay



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