Popkolumne, Folge 80

K-Pop, Nura, Helge Schneider und Knorr – Was will uns die neue Popwoche damit sagen?

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LOGBUCH: KALENDERWOCHE 35/2020

Beim Interview für die Print-Ausgabe des Musikexpress verlässt Helge Schneider kurz seinen Gartenstuhl, holt Kaffee. Das Gespräch findet statt hinterm Haus, am Rande von Mülheim und fast direkt schon in der Ruhr statt. Den freigewordenen Stuhl besetzt schnell Schneiders zehnjähriger Sohn Charly. Als Vater zurückkehrt, setzt er sich kurzerhand auf das Kind, als habe er es nicht gesehen. Eine lustige Situation, meine Begleitung macht ein Foto davon. Natürlich nicht ohne danach zu versichern, es selbstverständlich nicht einfach zu veröffentlichen. Helge Schneider allerdings winkt ab, sein Sohn würde jetzt auch live mal bei ihm Schlagzeug spielen – und wäre damit ohnehin nicht mehr anonym, sondern Teil der offiziellen Besetzung. Und tatsächlich… Ein paar Wochen später steht der mit Abstand größte Corona-Gig von Vater (knapp 1.000 Menschen im Kölner Tanzbrunnen) zur diese Woche erscheinenden Platte „Mama“ (Roof Music) an – doch wer heimst den größten Szenenapplaus ein? Unser Charly, dem Helge Schneider zusätzlich den Namen „The Flash“ verpasst und der genauso kongenial wie unorthodox Schneider und dessen Gitarristen am Schlagzeug begleitet. Kindheit mal anders – aber es passt natürlich zur Familie.

Foto: Katharina Schmidt

GEDICHT DER WOCHE: KNORR TRENNT SICH VON „ZIGEUNER-SOßE“

Nur er, der „herrlich unkorrekte“ Galgenhumor,
hilft aufrechten Sprachwahrern noch in der Causa Knorr
Also heißt das ab jetzt „Gesindel-Soße“, oder was?
Boah, nicht aufregen, Snowflakes, versteht halt mal Spaß!

Adieu „Zigeunersoße“, mit dir versiegt der letzte Sinn
Ohne die „Mohrenkopfstraße“ weiß ich nicht, wo ich bin
Und verschwindet‘s heil’ge „N-Wort“, so geh bald auch ich!
Ey, nicht lustig, wenn ihr fragt: „Ja, wann denn endlich?“

BUCH DER WOCHE: NURA

„Weißt du, was ich meine?“ (Ullstein) heißt das Buch von Nura Habib Omer, und falls das nicht der Fall sein sollte, also das mit dem Wissen, gibt der Untertitel wenig subtil die Richtung vor: „Vom Asylheim in die Charts“. Doch falsch ist es ja nicht. Nura tritt heute als Solo-Künstlerin in Erscheinung, begonnen hat ihre musikalische Karriere bei The Toten Crackhuren im Kofferraum und später war sie Teil des Duos SXTN. Ihre Lebensgeschichte beginnt als Tochter einer eritreischen Mutter in Kuweit, der Golfkrieg zwischen Saddam Husseins Irak und Kuweit macht die Familie zu Flüchtlingen, sie kommen nach Deutschland.

Nura erzählt (zusammen mit dem Autoren Jan Wehn) auf 200 Seiten viele Lebensstationen nach. Unaufgeregt, ohne literarische Ambition, dafür sehr nah dran. Wenn sie beispielsweise beschreibt, wie sich der erste Urlaub in der noch nie betretenen Heimat Eritrea anfühlt: Das überraschende Gefühl, zum ersten Mal mit der eigenen Hautfarbe keine Minderheit mehr darzustellen.

Im umgangssprachlichen Plauderton des Buchs erfährt man über das Leben in der Fremde und der Suche nach Zugehörigkeit. Es geht ums Zurechtkommen genauso wie ums Abgelehntwerden. Da ich mich persönlich immer für The THICK und SXTN interessiert habe, bringt mir „Weißt du, was ich meine?“ auch musikalisch noch einiges. Was könnte man noch mehr verlangen? Ich empfehle dieses Buch – vollkommen zurecht.

DOKU DER WOCHE: „Asi mit Niwoh“

In Köln habe ich lange Zeit neben dem Uni-Center gewohnt. Eins der höchsten Häuser Kölns und vor allem eins der hässlichsten in ganz Deutschland. Oben im Penthouse wohne der aggressive wie legendäre Kölschrocker Zeltinger in einer ungeahnten Dekadenz, das raunte man sich beim Bäcker am Fuße des Ungetüms zu. Ich glaubte es gern. Was man nun aber über Zeltingers Zeit über den Dächern Kölns in der Doku von Oliver Schwabe erfährt, übersteigt allerdings jegliche Fantasie. De Plaat, wie Zeltinger ob der kargen Frisur stets genannt wurde, schoss beispielsweise gern mal mit einer Pistole in die eigene Zimmerdecke bei besonders schönen Abenden.

Weggefährten wie Heiner Lauterbach, Wolfgang Niedecken oder auch Christian Kahrmann (Benny Beimer aus der „Lindenstraße“) erinnern sich in dieser Doku gemeinsam mit dem mittlerweile ziemlich immobilen Urgestein an alles Mögliche aus den Achtzigern und darüber hinaus. Musikalisch klingt das oft fragwürdig, storymäßig ist es top.

 

ALBUM DER WOCHE: WHOLE NEW MESS von Angel Olsen

Das ging schnell, Angel Olsen, die Institution der New School des Indiepops veröffentlicht ein neues Album. Diese Woche erscheint WHOLE NEW MESS (Jagjaguwar), eine übertrieben melancholische Songsammlung – zum Heulen und/oder Wohlfühlen. Ich bin zwar ohnehin sehr labil, aber so viel wie hier habe ich sonst nur bei frühen Bonnie-„Prince“-Billy-Platten gefühlt.

 

VIDEO DER WOCHE: BTS

Ein paar junge Männer in Pastellfarben, die wollige Kurzhaar-Frisuren tragen wie meine Mutter in den 80er-Jahren, toben motiviert durch eine Ikea-Kulisse in edel. Da ich bereits 100 Jahre die Jugendkultur begleite (vom FLAK-Helfer zu Autotune) weiß ich, dass es sich hier nicht um vorgeschaltete Werbung handelt, sondern der globale Popsong der Stunde sieht halt einfach so aus. Es ist „Dynamite“ von der südkoreanischen Boyband BTS. Erstmalig eine Single auf Englisch – und nach wenigen Tagen oder Stunden wieder ein neuer Weltrekord. Nicht an Casting-Pop-Plattitüden im Songwriting (obwohl man auch dort weit vorne liegt), sondern natürlich an Klicks pro Sekunde. Das hier ist der Sound der Mittelstufe, das hier ist die Alternative zu Kollegah auf dem Pausenhof.

Hört rein, dann könnt ihr auch mitreden:

MEME DER WOCHE:

GUILTY OR PLEASURE (90S-EDITION, PT.13): The Bates

FOLGE 13:

The Bates

HERKUNFT: Eschwege (Nordhessen)

DISKOGRAPHIE: Zwölf Alben und drei Live-Platten

ERFOLGE: Die Band schaffte es mit immerhin sieben ihrer Alben in die Charts. Ihr größter Erfolg ist die Single „Billie Jean“, deren höchste Platzierung sie 21 darstellte und genauso viele Woche unter den Top 100 geführt wurde.

TRIVIA: The Bates spielten Coversongs bekannter Popstücke in gemäßigten Punkversionen, dazu aufwändige Videoclips für VIVA. Sänger Zimbl verstarb 2006 an den Folgen seiner Alkoholsucht.

PRO
Die Punk-Posterboy-Band der 90er, sie waren die deutschen Green Day, wobei Sänger Zimbl mit seinem androgynen Kajal-Style eher den hiesigen Brian Molko darstellte als Billie Joe Armstrong.

CONTRA
Traurige Provinz-Handlampen, die von ihrer Plattenfirma mit Hochglanz-Videos, albernem Poprock und bekannten Melodien ins VIVA-Game reingekauft wurden. Da besaß ja noch jede nachgebaute Boyband dieser Zeit mehr Eigenleistung an ihrer Bubblegum-Karriere als The Bates.

Was bisher geschah? Hier alle Popkolumnentexte im Überblick.

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