Popgeschichte

26 Jahre nach „Mädchen“: Was wurde eigentlich aus… Lucilectric?

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Als Luci van Org 1994 zusammen mit dem Produzenten Ralf Goldkind als Lucilectric den Song „Mädchen“ veröffentlichte, war ihr vermutlich noch nicht bewusst, dass es sich dabei nicht nur um ihren bekanntesten Song, sondern auch die Hymne für ein neues Medienphänomen handeln würde. Unter dem Banner des „Girlie“ versammelten sich in den Neunzigern alsbald zahlreiche junge Frauen, die sich in der Regel „mädchenhaft“ in schrillen Farben, Blümchenkleidern, Tiermustern oder auch mal bauchfrei kleideten und ebenso wenig Halt vor Gesichtspiercings wie vor dem berühmt-berüchtigten „Arschgeweih“ machten.


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Was das Girlie aber vor allem auszeichnete, war nicht sein quietschbuntes Styling, sondern vor allem sein kompromissloses Auftreten. Entgegen traditioneller Geschlechter-Konventionen war die rebellische junge Frau der Neunziger nach Außen hin selbstbewusst bis frech und kokettierte mit ihrem provokanten Charme, statt wie ihre feministischen Vorreiterinnen BHs zu verbrennen und sich die Achselhaare lang wachsen zu lassen – eine Art Light-Version des Riot-Grrrls, sozusagen.

Nur ein One-Hit-Wonder?

Während durch Viva und Co. Moderatorinnen wie Heike Makatsch und Charlotte Roche zu den präsentesten Vertreterinnen der Girlie-Bewegung avancierten, war der Trend auch innerhalb der Musikwelt zu beobachten, in der Rave-Szene beispielsweise verkörpert durch DJ-Ikone Marusha und das Happy-Hardcore-Sternchen Blümchen. Und dann waren da eben Lucilectric: Mit ihrem poppigen Ohrwurm „Mädchen“ verbrachten van Org und Goldkind ganze zwölf Wochen in der deutschen Top 10 und schafften es dabei bis auf Platz 2 der Single-Charts. Der Nachfolger „Hey Süßer“ landete sogar auf der Pole-Position der österreichischen Charts, schlug aber sonst leider keine großen Wellen.


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Auch der mittelmäßige Erfolg des 1994 erschienenen Debütalbums MÄDCHEN, das sich zumindest ein paar Wochen in der deutschen Top 20 aufhielt, sowie die noch schlechter abschneidenden Nachfolger SÜSS UND GEMEIN (1996) und TIEFER (1997) konnten dem Duo leider nicht über den Ruf eines One-Hit-Wonders hinweg helfen. Allerdings sollte die Trennung der Band im Jahr 1999 keinesfalls das musikalische Karriere-Aus ihrer beiden Ex-Mitglieder bedeuten.

Was wurde aus Ralf Goldkind?

Multiinstrumentalist Ralf Goldkind, der mit bürgerlichem Name Ralf Droge heißt und bereits im zarten Alter von vier Jahren im Hamburger Jazzclub seiner Eltern am Piano herumklimperte, begann seine musikalische Karriere 1989 bei Hugo Race & The True Spirit. In den Folgejahren machte sich Goldkind dann auch vermehrt als Studiomusiker und Produzent einen Namen. So war er unter anderem für Nina Hagens FREUD EUCH (1995) mitverantwortlich und stand als Keyboarder für den Chart-Hit „MfG“ der Fantastischen Vier (1999) im Studio. 2000 produzierte er mit Jan Plewka von Selig den Soundtrack zur deutschen Teenie-Komödie „Schule“ mit Daniel Brühl und Axel Stein.


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Im September 2012 erschien schließlich Ralf Goldkinds erstes Postpunk-Solo-Album mit dem Titel ALLEIN IM RING via MOM sonic. Neben dem Musiker selbst ist darauf auch Marian Gold von Alphaville zu hören, der den Background-Gesang zum Song „Niemals Widersehen“ beisteuerte.

Auch heute vertreibt sich Goldkind die Zeit mit dem, was ihm am meisten Spaß macht: der Musik. Passend zur anhaltenden Coronavirus-Pandemie teilte der Berliner Produzent kürzlich seinen neuen Wave-Punk-Song „Abstand Halten!“, bei dem er sich eigenen Angaben zufolge von einer Songwriting-Session mit Dee Dee Ramone inspirieren ließ.


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Was wurde aus Luci van Org?

Auch Luci van Org, geboren 1971 in Berlin als Ina Lucia Hildebrand, begann ihre musikalische Karriere in ihren frühen Teenagerjahren. Die erste eigene Band wurde mit 13 Jahren gegründet, mit 15 wurde sie von Falcos ehemaliger Background-Sängerin Anke Wendland bei einem Open-Mic-Auftritt entdeckt, die das junge Mädchen kurzerhand als Background-Sängerin für ihre eigene Soloplatte mit ins Studio nahm. Ihren ersten Plattenvertrag erhielt van Org schon wenig später bei dem Label Hansa Musik Produktion, für das sie nicht nur ihre erste Single einsang, sondern sich auch vorübergehend den Künstlernahmen Eena zulegte.

Weil die ehemalige Punk-Sängerin sich mit der ihr aufgedrückten Disko-Pop-Identität jedoch nur schwer anfreunden konnte, verließ sie Anfang der Neunziger das Label und tat sich mit Ralf Goldkind zusammen, den sie Gerüchten zufolge zufällig in der S-Bahn kennengelernt hatte. Nach der Trennung von Lucilectric 1999 nahm van Org ihre Solosingle „Waterfalls“ sowie ein Duett mit Seligs Jan Plewka auf und schrieb nebenbei immer wieder Songs für deutsche Acts wie Nena, Nina Hagen, Eisblume, Terrorgruppe und Panda.


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Nebenbei machte van Org auch weiter selbst Musik mit ihrer Band Das Haus von Luci, mit der sie zwei Alben veröffentlichte: DER VERBOTENE RAUM (2003) und DER TOD WOHNT NEBENAN (2006). Letzteres erschien als Beilage zum gleichnamigen Kurzgeschichtenband, der vier Jahre nach van Orgs Autorinnen-Debüt in der Anthologie „Taxigeschichten“ veröffentlicht wurde.

Im selben Jahr schrieb sie mit dem Schauspieler Andreas Schmidt das Theaterstück „Die 7 Todsünden oder die Hochzeit der Wetterfee“, das am 26. November 2006 im Theater am Kurfürstendamm in Berlin uraufgeführt wurde. Ihr TV-Debüt als Drehbuchautorin gab das Multitalent 2007 mit der ersten Folge von „Notruf Hafenkante“. Im selben Jahr widmete sich van Org außerdem ihrem Neue-Deutsche-Härte-Projekt Üebermutter, mit dem sie 2008 das Debütalbum UNHEIL! veröffentlichte.


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Einen weiteren Genre-Wechsel vollzog van Org 2010, als sie gemeinsam mit dem Schauspieler und Musiker Roman Shamov (Rummelsnuff, Weird Fishes) das Indie-Elektropop-Duo Meystersinger gründete. Das erste Album TROST erschien 2012 mit finanzieller Crowdfunding-Unterstützung durch ihre Fans. Zwei weitere Studioalben folgten.


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Aktuell ist van Org unter anderem mit dem Pop-Projekt KiNG MAMI beschäftigt, für das sie sich als Produzentin und Songwriterin mit dem Schauspieler, Synchronsprecher und Sänger Daniel Zillmann zusammengetan hat. Der neueste Song des Duos trägt den Titel „Jabba the HOT“ und erschien Ende August samt dazugehörigem Musikvideo. Ein Album soll bereits in Arbeit sein, auf der Fotogena-Tour 2018/2019 durfte Zillmann immerhin schon als Support für Laing seine Bühnenfähigkeiten unter Beweis stellen.


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Zwischen und während ihrer musikalischen Projekte arbeitete van Org immer wieder als Schauspielerin, Moderatorin, Drehbuchautorin und kurzzeitig sogar als Fetischmodel, schrieb unter anderem Kolumnen für die „Berliner Morgenpost“ sowie zahlreiche Romane wie „Frau Hölle“ (2013), „Schneewittchen und die Kunst des Tötens“ (2015) und „Vagina dentata“ (2019).

Der 2011 erschienene Kinofilm „Lollipop Monster“, für den van Org gemeinsam mit Ziska Riemann das Drehbuch schrieb, wurde bei der Berlinale in den Kategorien „Beste Nachwuchsdarstellerin“ und „Beste Bildgestaltung“ ausgezeichnet und erhielt außerdem den „Preis der deutschen Filmkritik“ in der Kategorie „Beste Musik“.


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2019 erschien der zweite Film der beiden Filmemacherinnen. In „Electric Girl“ erhält Protagonistin Mia die Chance, die Synchronisierung einer Anime-Superheldin zu übernehmen, verliert sich dabei jedoch immer mehr in der fiktiven Welt ihrer Rolle und so auch nach und nach die Kontrolle über ihr eigenes Leben.


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Dass van Org trotz ihrer zahlreichen Film- und Musik-Projekte die Ursprünge ihres Erfolgs nicht vergessen hat, stellte sie 2016 unter Beweis: Für das Debütalbum der Metal-Band Sataninchen sang sie ein Cover ihres größten Lucilectric-Hits ein und transportierte „Mädchen“ damit auch ins 21. Jahrhundert.

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