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Popgeschichte

23 Jahre nach „Barbie Girl“: Was wurde eigentlich aus… Aqua?

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An der dänischen Europop-Band Aqua scheiden sich selbst 23 Jahre nach dem Release ihres Megahits „Barbie Girl“ nach wie vor die Geister. Beweis gefällig? Während ME-Autor Linus Volkmann das Quartett in Folge 59 seiner Popkolumne zuletzt als „eine verhaltensauffällige Band aus dem Trash-Kanon der 90er“ bezeichnete, urteilte Kollegin Julia Lorenz: „Fuck Inhalt, wenn die Form so prächtig unterhält!“, sodass selbst Linus schließlich zugeben musste, dass „Barbie Girl“ strenggenommen „die hedonistische Essenz von Feelgood-Plastik-Pop“ und damit „einfach ein Monolith“ ist.

Ähnlich erging es dem Song schon 1997, dem Jahr, in dem sich Lene Nystrøm, René Dif, Søren Rasted, und Claus Norreen mit ihrer unüberhörbar sexuellen Ode an die Mattel-Plastikpuppe selbst in den widerspenstigsten Ohrmuscheln einnisteten. Ganze acht Millionen Mal verkaufte sich „Barbie Girl“ weltweit und landete in 14 Ländern auf der Pole-Position der Single-Charts – so auch in Deutschland.

Erfolglose Anfänge als Joyspeed

Tatsächlich kam der Erfolg für Aqua relativ spät: Bevor die Band 1989 als Joyspeed gegründet wurde, arbeitete Sänger Réne Dif als DJ in den Niederlanden, während Rasted und Norreen ihr Glück als Produzenten-Duo versuchten. Weil die beiden einen Wettbewerb gewonnen hatten, in dessen Zuge sie einen Soundtrack für den dänischen Kinderfilm „Der Bund der furchtlosen Spione“ produzieren durften, holten sich Rasted und Norren ihren zukünftigen Bandkollegen Dif an Bord. Leadsängerin Lene stieß schließlich 1994 zur Band, nachdem Dif sie auf der M/S Peter Wessel, einer zwischen Norwegen und Dänemark verkehrenden Fähre, beim Singen entdeckt hatte.

Schon kurz nach Nystrøms Beitritt erhielten Aqua ihren ersten Plattenvertrag bei einem kleinen schwedischen Label, mit dem sie ihre erste Single „Itzy Bitzy Spider“ aufnahmen – leider jedoch ohne den gewünschten Erfolg erzielen zu können. Besser sollte es schließlich bei Universal Music laufen, bei denen Aqua 1996 einen Vertrag unterzeichneten und mit „Roses Are Red“ einen ersten Vorgeschmack auf jenen Bubblegum-Sound veröffentlichten, für den sie schließlich bekannt werden sollten. Der Song hielt sich nicht nur zwei Monate in den dänischen Charts und brachte der Band Platinstatus ein, sondern bescherte Nystrøm und Co. außerdem eine DMA-Nominierung als „Bester dänischer Dance-Act“.

In Rekordzeit zum Goldstatus

Der Nachfolger „My Oh My“ stellte dann sogar einen Rekord auf: So dauerte es nur sechs Tage, bis der Song Goldstatus eingespielt hatte. Beide Singles waren auch auf Aquas Debütalbum AQUARIUM zu hören, das 1996 erschien. Im Folgejahr gelang dem dänischen Export mit „Barbie Girl“ schließlich auch der internationale Durchbruch.

Aqua befanden sich plötzlich auf einer scheinbar unaufhaltbaren Erfolgswelle: „Doctor Jones“ landete erneut in mehreren Ländern auf Platz 1 und „Lollipop (Candyman)“ schaffte es als zweiter Song der Band in die US-„Top 40“, wo er bis auf Platz 23 hochkletterte. Mit „Turn Back Time“ schlug die Band schließlich einen überraschend nachdenklichen Ton an und verhalf dem Song damit nicht nur zu einer konstanten Radio-Rotation, sondern auch zu einem Platz auf dem Soundtrack zu „Sie liebt ihn – sie liebt ihn nicht“ mit Gwyneth Paltrow.

Das Ende des „Aquarium Age“ & eine Klage von Mattel

1998 neigte sich das sogenannte „Aquarium Age“ langsam dem Ende zu und die Band konzentrierte sich auf die Produktion ihres zweiten Albums. Von den rund 30 Songs, die für die neue Platte aufgenommen wurden, schafften es schließlich zwölf auf das fertige und im Vergleich zu seinem Vorgänger musikalisch vielfältigere AQUARIUS (2000).

Die Singles „Cartoon Heroes“, „Bumble Bees“ und „Around The World“ kamen beim internationalen Publikum verhältnismäßig gut an, konnten jedoch nicht an die Erfolge der zuvor veröffentlichten Singles anknüpfen. Neben nachlassenden Verkaufszahlen und Chart-Platzierungen sahen sich Dif und Co. außerdem mit einem weiteren Rückschlag konfrontiert: einer Klage von Mattel. Der US-amerikanische Spielzeugkonzern fühlte sich durch „Barbie Girl“ in seinen Urheberrechten verletzt und behauptete außerdem, die unsittlichen Anspielungen im Song („Touch me here, touch me there, hanky panky“/ „You can brush my hair, undress me everywhere“) suggerierten zu Unrecht (haha), dass es sich bei der kurvigen Plastikpuppe um ein Sexsymbol handle. Die Klage wurde schließlich von allen zuständigen Instanzen abgewiesen, mit der erstaunlich direkten Aufforderung: „Den involvierten Parteien wird empfohlen, sich zu entspannen.“

„F*** Off, Ken“

Trotz des Eklats wurden Aqua 2001 zusammen mit Safri Duo als Pausenact zum Eurovision Song Contest eingeladen; ein Auftritt, der wegen einer unziemlichen Geste in Kombination mit dem F-Wort erneut für kontroverse Diskussionen sorgte.

Noch im selben Jahr kam es dann überraschend zur Trennung von Aqua. In einem offiziellen Statement zur traurigen Neuigkeit hieß es: „Wir haben einander direkt in die Augen geschaut und sind zu dem Schluss gekommen, dass uns aktuell der Funke fehlt.“ Ganz so diplomatisch soll die Auflösung der Band dann aber doch nicht vonstatten gegangen sein. So wurde im Nachhinein darüber gemunkelt, dass die Dreiecksbeziehung zwischen Nystrøm, Dif und Rasted die weitere Zusammenarbeit unmöglich gemacht habe. Ganze drei Jahre lang soll die Sängerin mit Dif zusammen gewesen sein, bevor sie sich in den Keyboarder der Band verliebte, den sie noch vor der offiziellen Auflösung unter Ausschluss der Öffentlichkeit in Las Vegas heiratete.

Solokarrieren

Nystrøm versuchte sich nach der Trennung der Band an einer Solokarriere und veröffentlichte 2003 ihr Debütalbum PLAY WITH ME. 2004 brachte sie gemeinsam mit Ehemann und Ex-Bandkollege Søren Rasted ihre Tochter India zur Welt, 2006 folgte die Geburt ihres Sohnes Billy.

Währenddessen betätige sich Nystrøm als Songschreiberin für andere Musiker*innen, so zum Beispiel die britische Pop-Band Girls Aloud, zu deren Erfolgsalbum SOUND OF THE UNDERGROUND die Sängerin die Songs „No Good Advice“ und „You Freak Me Out “ beisteuerte. 2005 knackte die Musikerin mit ihrer Single „Tsunami-singlen“ noch einmal erfolgreich die dänischen Charts, zog sich aber direkt danach fürs Erste aus der Öffentlichkeit zurück.

Auch Sänger/Rapper René Dif veröffentlichte schon kurz nach der Trennung seine erste Solosingle „Let It All Out“, ein Cover des Salt-N-Pepa-Hits „Push It“ (1987). 2002 erschien außerdem seine Biografie „Popdreng – Ud af skabet“ und auch schauspielerisch betätigte sich Dif: So zum Beispiel in Lasse Spang Olsens Gangster-Komödie „The Good Cop“ (2004) und dessen Action-Streifen „The Collector“ (2004). Nebenbei führte der ehemalige DJ eine kurzlebige Bar in der Innenstadt von Kopenhagen.

Rasted veröffentlichte 2004 unter dem Künstlernamen Lazyboy gleich zwei Alben, LAZYBOY TV und PENGUIN ROCK, und gründete zusammen mit seinem Neffen Nicolaj Rasted die Europop-Band Hej Matematik, während Norreen sich auf sein Familienleben und die Remix-Produktion von Songs anderer Künstler*innen konzentrierte.

Aquas große Reunion

Ganz ohneeinander hielten es die ehemaligen Freund*innen dann aber anscheinend doch nicht aus. 2007 gaben Aqua kurzerhand ihre Reunion bekannt, zu der sowohl eine gemeinsame Tour als  auch die Veröffentlichung eines Compilation-Albums gehörte. Die „Greatest Hits“-Platte inklusive des frischen Nummer-1-Hits „Back to the 80s“ erschien 2009 und erreichte erneut Platinstatus. Zwei Jahre darauf folgte mit MEGALOMANIA das dritte und bis dato letzte Studioalbum der Band.

In den Folgejahren begaben sich die vier Musiker*innen wiederholt gemeinsam auf Tour, bis Norreen 2016 schließlich seinen Abschied verkündete, weil sich im Laufe der Jahre sein „musikalischer Fokus verändert“ habe. Ihre neue Single „Rookie“ veröffentlichten die verbliebenen Aqua-Mitglieder 2018 also erstmals ohne ihren ehemaligen Gitarristen, dafür aber mit dessen Nachfolger Steffen Drak.

Und auch Rasteds und Nystrøms Scheidung im Jahr 2017 konnte der Harmonie der Band augenscheinlich keinen Abbruch tun. Neben ihren Solounternehmungen als Schauspieler*in (Nystrøm & Dif), Autor (Dif) und Labelbesitzer (Rasted) stehen Aqua in reduzierter Version bis heute immer wieder gemeinsam auf der Bühne – wenn inzwischen auch eher im kleineren Rahmen.

https://www.instagram.com/p/CEeEEoqJ6KW/

 


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