Spezial-Abo

Literatur, die zu Musik wird: Diese Songs wurden von berühmten Büchern inspiriert

von

1. Wuthering Heights (1978) – Kate Bush

1978 als Debütsingle veröffentlicht, katapultierte sich Kate Bush mit „Wuthering Heights“ sofort auf Platz 1 der UK-Charts. Ein doppelter Erfolg, da sie die erste Frau war, der dies mit einer Eigenkomposition gelang. Inspiriert wurde der Song vom viktorianischen Romanklassiker Emily Brontës, der 1847 unter dem männlichen Pseudonym Ellis Bell veröffentlicht wurde. In diesem verliebt sich das arme Findelkind Heathcliff in seine Ziehschwester Cathy, die ihn zwar ebenfalls liebt, jedoch aus gesellschaftlichen Gründen den Gutsbesitzer Edgar Linton heiratet. Als Heathcliff davon erfährt, verlässt er den Hof, um Jahre später als reicher Mann zurückzukehren. Aus Zorn und Rachsucht heiratet er Lintons Schwester und terrorisiert beide Familien. Kate Bushs Song setzt bei der Szene ein, in der Cathys Geist Heathcliff auffordert, sie durch das Fenster hineinzulassen, damit sie seine Seele zu sich holen kann: „Heathcliff, it’s me, Cathy, I’ve come home. I’m so cold, let me in through your window.“ Sie hat erkannt, das Heathcliff ihre wahre Liebe war. Fun Fact: Kate Bush und Emily Brontë teilen denselben Geburtstag. Schicksal?

2. Venus In Furs (1967) – The Velvet Underground

Wechselbäder der Gefühle: „Venus in Furs“ erschien 1967 auf dem von Andy Warhol produzierten Debütalbum THE VELVET UNDERGROUND & NICO. Der Track basiert auf der 1870 erschienenen Novelle „Venus im Pelz“ von Leopold von Sacher-Masoch. Diese erzählt die Geschichte von Kusiemski, der sich in die Witwe Wanda von Dunajew verliebt und ihr einen Heiratsantrag macht, den sie jedoch ablehnt. Stattdessen soll er sich für sie physisch und psychisch versklaven. Er nimmt das ungewöhnliche Angebot an, da sie in ihrer feminin-dominanten Rolle für ihn der griechischen Venus gleicht, von der er seit seiner Kindheit fasziniert ist. Er lotet seine körperlichen und seelischen Grenzen aus und wird letztendlich dennoch von ihr verlassen.

3. 1984 (1974) – David Bowie

Gesellschaftskritisch: „1984“ ist einer von mehreren Tracks auf David Bowies Album DIAMOND DOGS, die explizit auf George Orwells gleichnamige Dystopie aus dem Jahr 1974 verweisen. In dieser hinterfragt Winston Smith, obwohl Mitglied einer diktatorisch herrschenden Staatspartei, die vorherrschenden Machtverhältnisse, totalitären Überwachungssysteme und politische Propaganda. Seine rebellischen Unternehmungen scheitern, er wird einer Gehirnwäsche unterzogen, wird zum Niemand. Ursprünglich hatte Bowie sogar ein auf dem Roman basierendes Musical- bzw. Filmprojekt geplant, die Witwe Orwells erteilte jedoch nicht ihre dafür erforderliche Genehmigung.

4. Charlotte Sometimes (1981) – The Cure

Reisen zu sich selbst: Als Vorlage für The Cures Song diente das im Jahr 1969 veröffentlichte Kinderbuch „Charlotte Sometimes“ von Penelope Farmer. Daraus entnahm Robert Smith ganze Zeilen, unter anderem: „By bedtime all the faces, the voices had blurred for Charlotte to one face, one voice…. The light seemed too bright for them, glaring on white walls“. Der Song ist nicht sein einziger, der von Charlotte Sometimes inspiriert wurde. Auch die B-Side „Splintered in Her Head“ und „The Empty World“ basieren auf der Geschichte. Diese behandelt die Zeitreisen der dreizehnjährigen Charlotte Makepeace, die in ihrer ersten Nacht im Internat in der Zeit des Zweiten Weltkriegs aufwacht. Sie findet heraus, dass sie ihr Leben jede Nacht mit dem Mädchen Clare aus dem Jahr 1918 tauscht. Die beiden Mädchen kommunizieren durch Tagebucheinträge. Eines nachts bleibt Charlotte in der Vergangenheit stecken, und versucht in die ihre Zeit zurück zu finden.

5. The Ghost of Tom Joad (1995) – Bruce Springsteen

Ein amerikanischer (Alp-)Traum: Der 1995 veröffentlichte Song basiert auf John Steinbecks Roman „Früchte des Zorns“, für das er 1940 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde. Hauptprotagonist ist Tom Joad, ein verschuldeter Farmer, der in Zeiten der Wirtschaftskrise in den 1930er-Jahren sein Land an Großgrundbesitzer verliert. Wie unzählige Leidensgenossen zieht er in der Hoffnung auf ein besseres Leben mit seiner Familie über die Route 66 nach Kalifornien. Dort trifft er auf desaströse soziale Verhältnisse, Anfeindungen, Ungerechtigkeiten und wirtschaftliche Ausbeutung. Bruce Springsteen selbst sagt, dass ihn die gleichnamige mit einem Oscar prämierte Verfilmung aus dem Jahr 1940 von Kultregisseur John Ford zu Album und Song inspiriert hat.

6. Narnia (1978) – Steve Hackett

Spirituell: Der Song „Narnia“ erschien auf PLEASE DON’T TOUCH! (1978), dem zweiten Soloalbum des Genesis-Gitarristen Steve Hackett. Er verwendet Bilder, die in den sechs Fantasy-Werken von C. S. Lewis zu finden sind, insbesondere in dem Roman „Der König von Narnia“. Darin geraten die vier Geschwister Peter, Susan, Edmund und Lucy durch einen magischen Kleiderschrank in die Welt von Narnia, die von der Weißen Hexe Jadis terrorisiert wird: „Girls and boys who shout come out to play, with a queen cold as ice“. Sie hat mit ihrem Zauber das Land in Winter gehüllt und ihre Gegner in Stein verwandelt: „She could turn you to stone“. Fürchten muss Jadis nur die Ankunft von zwei Söhnen Adams und zwei Töchtern Evas, die einer alten Prophezeiung zufolge ihre Herrschaft beenden sollen. Nur eine von vielen Metaphern und direkten Symbolen, die auf die christliche Mythologie anspielen. Der Löwe Aslan erinnert an Jesus Christus, Edmund, der sich zunächst auf die Seite von Satan in Person der Hexe Jadis schlägt, an den Verräter, der von seiner Sünde erlöst wird. Selbst der Weihnachtsmann wird im Liedtext aufgegriffen.

7. The River (1998) – PJ Harvey

Erlösung in Gott? Auf PJ Harveys viertem Studioalbum 1998 veröffentlicht, bezieht sich „The River“ auf die gleichnamige Kurzgeschichte der amerikanischen Schriftstellerin Flannery O’Connor. Diese erzählt die makabre Geschichte des jungen Harry, der sich, in der Hoffnung auf Anerkennung durch seine ihm gegenüber gleichgültigen Eltern, von einem Priester in einem Fluss taufen lässt. Als sich daraufhin an seiner häuslichen Situation nichts ändert, geht er zurück in den Fluss um sich dort von Gott umarmen zu lassen und ertrinkt. Obwohl Harvey die Charaktere nicht explizit erwähnt, greift sie auf das generelle Setting zurück: „The white sun scattered in the river“, oder der Refrain „Throw your pain in the river, leave your pain in the river to be washed away slow.“

8. Scentless Apprentice (1993) – Nirvana

Wann ist ein Mensch ein Mensch? Auf ihrem dritten und letzten Studioalbum IN UTERO (1993) veröffentlichten Nirvana mit „Scentless Apprentice“ eine lyrische Vertonung des 1985 veröffentlichten und 2006 verfilmten Romans „Das Parfum“ von Patrick Süskind. Darin beginnt der Waisenjunge Jean-Baptiste Grenouille, der von Geburt an über keinen Körpergeruch, jedoch einen ausgeprägten Geruchssinn verfügt, im 18. Jahrhundert eine Ausbildung zum Parfümeur. Durch seine Geruchlosigkeit empfinden ihn seine Mitmenschen als abartig, monströs oder auch unsichtbar. Angesichts dessen begeht er zahlreiche Morde an Frauen, um aus deren Duft ein Parfüm zu kreieren, das ihn positiv wahrnehmbar macht. Kurt Cobain behauptete in einem Interview, sich mit Grenouille identifizieren zu können, seiner Fremdheit und dem Fehlen der Menschlichkeit. Geschrieben wurde der Song allerdings von allen drei Bandmitgliedern, Cobain, Dave Grohl und Krist Novoselic.

9. Sigh No More (2009) – Mumford and Sons

Macht Literaturklassiker den Zuhörer*innen zugänglich: „Sigh no more“ erschien 2009 auf dem gleichnamigen Debütalbum der Londoner Band Mumford & Sons. In Shakespeares Literaturvorlage „Much Ado About Nothing“ haben sich die Charakter Beatrice and Benedick von Liebe und Ehe losgesagt, in der Überzeugung, davon lediglich versklavt oder betrogen zu werden. Am Ende finden sie jedoch heraus, dass Liebe sogar das Gegenteil bewirkt: Sie kehrt das Beste in Jedem hervor. So auch die Lyrics des Songs: „Love it will not betray you, dismay or enslave you / It will set you free / Be more like the man you were made to be.“

10. White Rabbit (1967) – Jefferson Airplane

Vom Kinderbuch zum Psychedelic-Klassiker: „White Rabbit“ erschien erstmals auf dem Jefferson-Airplane-Album SURREALISTIC PILLOW (1967) und wurde von Grace Slick geschrieben, als sie noch für die Band The Great Society sang. Als Inspirationsquelle gilt Lewis Carrolls Buch „Alice im Wunderland“ aus dem Jahr 1865: ein weißes Kaninchen, der Sturz ins Bodenlose, das Ändern der Körpergröße, lebendige Schach- und Kartenfiguren. Mit diesen expliziten Anspielungen auf halluzinatorische Wirkungen psychedelischer Drogen richtete sich Slick gegen Eltern, die ihren Kindern derartige Romane vorlesen und sich anschließend fragen, warum diese später Drogen konsumieren: „In all those children’s stories, you take some kind of chemical and have a great adventure. Alice In Wonderland is blatant. Eat me! She gets literally high, too big for the room. Drink me! The caterpillar is sitting on a psychedelic mushroom smoking opium!“ Der Song wurde zur Hymne des Summer of Love, nicht nur durch die latente Assoziation zum Drogenkonsum, sondern ebenfalls durch die Aufforderung, seiner kindlichen Neugier zu folgen.


Nach „Enemy“ weiterschauen: Diese 5 Filme solltet Ihr auch sehen
Weiterlesen