Lucinda Williams: Lady Boss


Später Triumph für Lucinda Williams - denn endlich erntet die US-Songpoetin den schon lange verdienten Erfolg.

Die Dame hat, wie man so sagt, Eier: „In diesem Job mußt du den Plattenfirmen dauerhaft ‚a pain in the ass‘ sein.“ Und mit Nachdruck in der ebenso rauhen wie markanten Stimme stellt Lucinda Williams (45) klar: „Andernfalls fressen sie dich mit Haut und Haaren.“ Das allerdings hat die zierliche Southern Belle mit den punkig schwarzgefärbten Haaren in ihrer langen Karriere erfolgreich vermeiden können. Vom ersten Album für Folkways, das die damals 22jährige als kompetente Folkblueserin präsentierte, über ihr Outing als eine der besten Songschreiberinnen der US-Szene („Lucinda Williams“, 1989) bis zum in der Fachpresse geradezu ehrfürchtig bestaunten Meisterwerk „Car Wheels On A Gravel Road“ (1998) – die resolute Südstaatlerin ist immer ihren eigenen Weg gegangen. Und der sorgt bis heute für Verwirrung, etwa wenn es darum geht, ihr feines Werk musikalisch zu sortieren. So landet Roots-Rockerin Lucinda immer wieder in der Country-Schublade. Genauso unsinnig wie die Beatles zu Hardrockern zu stempeln, nur weil John Lennon mal eine Fuzz-Box an seine Gitarre angeschlossen hat. Zuletzt rangen die Musikredakteure von „Focus“ um Durchblick in Sachen Lucinda – und krönten die quirlige Roadsong-Poetin prompt zur „Country Queen“.

Dolly Parton würde protestieren. Zu Recht. Denn hätten sich die Kollegen an die so gern propagierten „Fakten“ gehalten, wäre ihnen womöglich aufgegangen, daß Williams‘ straffe Kompositionen, ihr intensiver Vortrag und ihre ebenso einfühlsamen wie effizienten Arrangements in direkter Nachbarschaft zu Leuten wie Steve Earle und Townes Van Zandt angesiedelt sind. Wer bei Williams gelegentlich Dobro- oder Pedal Steel-Licks ortet und sich davon auf die falsche Fährte locken läßt, demonstriert nur heilige Einfalt. Lucinda: „Die Rolling Stones haben sogar stilreine Countrysongs veröffentlicht – deshalb würde wohl niemand auf die Idee kommen, ihre Alben ins Countryregal zu stellen.“ Wohl wahr.

Manch‘ anderer indes schließt aus Lucindas Wohnsitz Nashville, wo sie einen Steinwurf entfernt von Ikonen wie Emmylou Harris und Nanci Griffith residiert, die falschen Schlüsse. Die Tochter des amerikanischen Dichters Miller Williams, die auch optisch zumeist eher an Chrissie Hynde denn an Ixiretta Lynn erinnert, winkt ab: „In Nashville hat sich eine kleine, aber ausgesprochen kreative Szene entwickelt, die mit der etablierten Country-Industrie nicht das geringste zu tun hat. Es ist dort ein bißchen so wie vor zehn Jahren in Austin, Texas.“ Dreh- und Angelpunkt dieser Szene: der berüchtigte „twangtrust“. Dahinter verbergen sich der schon erwähnte Steve Earle sowie Ray Kennedy, die als Produzenten „Car Wheels“ über weite Strecken seiner komplizierten Entstehung betreuten. Hinter den geschlossenen Studiotüren krachte es mitunter gewaltig – denn: the lady is the boss. „Klar, es sind meine Songs, und es ist mein Album. Steve ist ein sehr engagierter Produzent. Und ein verdammter Sturkopf genau wie ich“, lacht Lucinda. Richard „Hombre“ Price, ihr Lebensgefährte und Tour-Bassist, fugt an: „Vergiß nicht, da waren zwei extrem begabte Songschreiber am Werk, also muß es auch mal zu Meinungsverschiedenheiten kommen.“ Zum Wohle des Ganzen, versteht sich. Das Ergebnis spricht für sich: „Car Wheels“ wurde vom US-Magazin „Spin“ zum Album des Jahres gekürt. Ein später Triumph, auf den Lucinda wahrlich lange warten mußte.

Rückblende. 1992 geht Williams‘ Plattenfirma pleite, die frischgebackene Grammy-Gewinnerin heuert bei Rick Rubins „American Recordings“ an. Auch dieses Label segnet prompt das Zeitliche. Lucindas CD liegt erneut auf Eis, obwohl die Aufnahmen längst abgeschlossen sind und Roy Bittan ab Frühling ’97 den letzten Feinschliff erledigt hat. Ein ganzes Jahr später endlich kommt der Deal mit Mercury zustande. „Car Wheels“ erscheint im Sommer ’98, von der Presse einhellig bejubelt. Im Spätherbst tritt Lucinda, die bei Kennern schon lange als bestgehütetes Geheimnis der US-Roots-Szene gilt, erstmals seit 1989 in Europa auf. London, Shepherds Bush Empire. Ein altes Theater mit samtigem Plüsch und viktorianischem Charme. Rund 1.000 Besucher drängen sich hier an einem kalten Novemberabend, um Lucinda und ihre runderneuerte Tourband zu sehen. Lediglich Drummer Donald Lindley ist noch mit dabei, die restliche Truppe frisch zusammengestellt: Neben Gitarrist (im Lauderdale und Mulitiinstrumentalist Kenny Vaughan ist es vor allem der Ex-Dylan-Sideman John Jackson, der die Saiten-Abteilung veredelt. Symbolisch dann Lucindas Auftritt – mit Cowboyhut. Schelmisch grinsend deutet sie an ihren Kopf und erklärt: „I like to confuse people.“ Zwei Stunden später hat auch der Letzte begriffen: Williams‘ Musik atmet den Geist von Robert Johnson, ihre Songs strahlen die Autorität des Erlebten aus. Garth Brooks hat hier nichts verloren. Backstage beglückwünscht Nick Lowe, in Ehren ergrauter königlicher Pubrocker und Herr von Stil und Geschmack, die sichtlich gerührte Lucinda höchstpersönlich. Ein britischer Gentleman huldigt seiner Southern Lady.