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Im Gespräch mit Marco Wanda: Ein Narr vermisst das Narrativ


Wir führen ein Interview mit Marco Wanda, Sänger der Band Wanda, die seit drei Jahren wie ein Flächenbrand lodert und mit NIENTE jetzt ihre erste „düstere“ Platte veröffentlicht. Prima, denn über düstere Platten lässt sich viel besser reden. Zum Beispiel über philosophische Fragen wie: Bringt den Menschen eher Schmerz oder Lebensfreude weiter? So etwas treibt Marco Wanda um.

Im vergangenen Jahr hat deine Mutter ein Interview gegeben. Es war so ehrlich und freimütig, dass selbst der Boulevard es kaum missbrauchen konnte …

Meine Mama ist eine Humanistin und deshalb hatte ich auch keine Bedenken. Sie ist eine Frau, die in einer sehr harten Wirklichkeit lebt und die Dinge sehr realistisch sieht, aber eine unglaubliche Feinfühligkeit hat für die Wirren anderer. Und das wollte ich der Öffentlichkeit nicht vorenthalten.

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Deine Mutter erkennt unter anderem an, dass es jungen Leuten heute schwerer fällt, Freiheit zu empfinden – anders als sie in ihrer Jugend in den 70er-Jahren. Du scheinst auf der Bühne jedoch genau so ein Freiheitsversprechen wie damals zu geben. Hat deine Mutter diesen Freiheitsbegriff gewissermaßen auf dich übertragen?

Ihr Erziehungsmodell sah nicht vor, dass ich alles durfte. Im Gegenteil, ich durfte sehr wenig. Aber ich durfte immer alles sagen und wurde immer sehr ernst genommen in dem, was ich sage. Und ich weiß nicht, wie sehr das in dieser Welt noch wertgeschätzt wird, wie sehr das Wort heute noch eine Rolle spielt … Die weitere Antwort wird schwierig, weil es den Anschein haben könnte, ich würde mich als jemand sehen, der mit einer Mission unterwegs ist. Irgendeinen Auftrag würde ich gerne erfüllen. Das hat aber auch einen egoistischen Zweck: Ich fühle mich dadurch wertvoll. Mein halbes Leben hatte ich das Gefühl, nicht nützlich für diese Gesellschaft zu sein, dabei sind mir diese Dinge, die Gesellschaft, der Staat, heilig. Und ich würde gerne etwas dazu beitragen, dass es schöne Momente gibt, und wahrhaftige Momente.

Deine Mutter hilft als Musiktherapeutin Menschen in Eins-zu-eins-Situationen, und du stehst auf der Bühne.

Ich habe manchmal das Gefühl, ich bin ein Musiktherapeut. Nur eben für viel mehr Menschen auf einmal. Gleichzeitig ist es auch anmaßend, zu glauben, sie bräuchten Therapie oder sie bräuchten sogar mich oder uns … das glaube ich aber nicht.

„Ich habe manchmal das Gefühl, ich bin ein Musiktherapeut.“ – Marco Wanda

Es fällt auf, dass du, in Lyrics wie Interviews, nur dieses eine Wort benutzt, um schöne Dinge zu beschreiben: „schön“. Und auf dem düsteren NIENTE findet es sich kaum seltener als auf den ersten beiden Alben …

Es gilt, mit allen Mitteln Dunkelheit mit Helligkeit zu bekämpfen. Das ist das Allerwichtigste im Leben.

Und du kennst auch keinen, sagen wir handwerklichen Stolz, um andere Formulierungen hierfür zu finden?

Ich lebe in einer vulgären, harten Wirklichkeit und meine Sprache gleicht sich diesem Lebensgefühl an. Ich bin kein Träumer. Auf Lebensfreude stoße ich, aber ich kann sie nicht heraufbeschwören. Vielleicht bin ich ein begnadeter Depressionist, der einfach nur wundervoll mit seiner Depression umgehen kann … In solchen Momenten bestellt man eigentlich noch ein Bier. (Ruft nach der Kellnerin:) Entschuldigung! …

Aber können Wanda nicht Lebensfreude heraufbeschwören, indem ihr eine Bühne betretet?

Das klingt sehr programmatisch … Aber irgendwas muss es ja geben, wofür es sich zu leben lohnt. Allerdings funktioniert das nur, weil hier ein Gefühl teilbar ist. Wir brauchen den Kontakt mit vielen Menschen, sonst funktioniert das Ganze nicht, sonst rostet das. Die Menschen sind wie Öl.

„Ich habe mir erlaubt, auch ein paar Lieder zu verwerfen, die nach meiner Einschätzung Hits geworden wären.“ – Marco Wanda

Marco Wanda
Auch ohne Lederjacke macht er eine gute Figur, der Marco

Hat dein Output als Songwriter unter eurem Erfolg und den damit einhergehenden Verpflichtungen gelitten?

Im Gegenteil, ich habe als Liederschreiber eher noch mehr zu mir gefunden. Ich habe mir erlaubt, auch ein paar Lieder zu verwerfen, die nach meiner Einschätzung Hits geworden wären. Aber das hat mich irgendwie gar nicht mehr interessiert. Ich habe die ersten Demos zum neuen Album regelmäßig dem Christian Hummer vorgespielt, übers Telefon meistens, und in diesen Telefongesprächen ist viel passiert. Und ich habe das Gefühl, mich dabei von einigen Kunstgriffen befreit zu haben.

Geht es darum, einen immer direkteren Weg zum Song zu finden? … Hm, jetzt rede ich wieder übers Songschreiben, obwohl du nicht möchtest …

Ich kann nicht. Ich würde gerne. Ich finde es auch ärgerlich, wenn so was Basales, Menschliches, so was Profanes wie Liederschreiben auf so einen Sockel gestellt wird. Das sind alles Fertigkeiten, mit denen jeder Mensch geboren wird. Ich habe mich nur mehr beschäftigt damit.

Du hast einmal gesagt, dass du keine Angst vor irgendwelchen Schaffensblockaden hast.

Grundsätzlich habe ich vor allem Angst, was es gibt. (lacht) Aber davor nicht, nein.

„Wenn ich keine Musik mehr schreiben kann, dann erschieß’ ich mich einfach.“ – Marco Wanda

Aber wie kannst du wissen, dass du nicht doch eines Tages nichts mehr zu schreiben weißt?

Also mein Todestrieb äußert sich anders als in solchen Horrorszenarien. Hemingway hat sich absolut folgerichtig erschossen, als er nicht mehr schreiben konnte. Wenn ich keine Musik mehr schreiben kann, dann erschieß’ ich mich einfach.

Angeblich hast du vor Beginn deiner Karriere einige Musiker-Biografien gelesen, um dich vorzubereiten … 

Ich wollte schon wissen, worauf ich mich da einlasse. Zum Beispiel habe ich gelernt, dass man nicht erwarten kann, dass sich mit dem Erfolg alle Probleme in Wohlgefallen auflösen. Schon mit zwölf wusste ich, dass ich ein Star werde. Mit 20 wusste ich, wie gefährlich das sein kann. Und mit 27, als es passierte, war ich vorbereitet. Ich glaube, dass dich dieses Geschäft nur dann anzieht, wenn du eine gewisse Todessehnsucht in dir hast und eine Sehnsucht, dieses Auf-und-Abstiegs-Narrativ zu erleben. Und ich habe mir diesen Beruf sicher auch deshalb ausgesucht, weil ich mich lebendig fühlen wollte.

Dazu muss man die Gefahr spüren?

Ein extremer Mensch wie ich … vielleicht.

Stell dir vor, es gäbe keinen Himmel …

Da erklingen die zweitbekanntesten Klavierakkorde der Welt; leise, aber klar vernehmbar, vermutlich kredenzt sie uns ein sagenhaft teures Soundsystem. John Lennon singt „Imagine theres no heaven …“

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Stefan Armbruster