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Marina im Interview: „Ich hatte mit meiner Musikkarriere schon abgeschlossen“

Die offensichtlichste Frage nimmt einem bereits die „Artist Bio“ ab, die man wenige Tage vor dem Interview erhält, ab. Darin erklärt Marina Diamandis, die 2010 als Marina + The Diamonds mit ihrem Debütalbum THE FAMILY JEWELS auf der Pop-Leinwand erschien, warum sie sich ab sofort nur noch beim Vornamen rufen lasse. Die Namensänderung fühle sich natürlich an, wird die heute 33-Jährige zitiert, und sprenge die Grenze zwischen der Künstlerin und der Privatperson, wodurch sie sich leichter und authentischer selbst repräsentieren könne.

„Aha“, denkt man sich da beim Lesen, während LOVE+FEAR, Marinas erstes Album seit vier Jahren, durch die Kopfhörer strömt. Die aus zwei jeweils acht Stücken umfassenden Teilen bestehende Platte erhält alleine schon durch diese eigentlich kleine und doch plakative Namensentscheidung einen persönlichen Überbau, den man – trotz großer und wichtiger Adjektive im Pressetext – zunächst vergeblich in den Songs sucht. Titel wie „Superstar“ und „Baby“ klingen nicht nach Pamphleten über die eigene Stimmungswelt oder die globale Großwetterlage. Sie klingen vor allem: nach Pop. Auch dem Soundkonzept des Doppel-Konzeptalbums scheint ein richtiger roter Faden zu fehlen. Wo „Superstar“ noch mit wavigen Kate-Bush-Pomp-Momenten zu punkten weiß, springt „Baby“ mit klischeeisierten Salsa-Klängen in die Global-Pop-Falle.

Marina hört sich die Kritik an der fehlenden Homogenität ihrer neuen Platte neugierig und aufmerksam an. Die Musikerin sitzt auf der Couch einer Berliner Nobelhotel-Suite, am Vortag war sie noch für einen Videodreh in Mexiko. Trotz Jetlags wirkt sie ausgesprochen wach. Ihre Liz-Taylor-Föhnfrisur springt auf und ab, während sie jeden Satz ihres Gegenübers abnickt und zu ihrer Antwort ansetzt:

Kooperation

„Ich schätze es sehr, wenn Künstler ein konsistentes Soundkonzept haben. Die Art, wie ich Musik schreibe, ist jedoch sehr facettenreich. Ich hatte nie ein durchgängiges Soundkonzept. Meine rote Linie ist meine Stimme. Bei der Entstehung des neuen Albums gab es dennoch Dinge, die sich durch die Songs ziehen sollten, etwa, dass sie Weite ausstrahlen und ihre Beats nach HipHop klingen sollten. Dadurch wollte ich einen Gegensatz zum süßlichen Gesang herstellen, der die Platte beherrscht.“

Marina über ihr Bauchgefühl, „Me Too“ und ein Karriereende

Natürlich ist es ihre Stimme, die LOVE+FEAR trägt. Trotz aller Big-Pop-Beats – ob diese nun tatsächlich auch nur im Entferntesten an HipHop erinnern, sei dahingestellt –, ist es ihr dunkles, chorales Timbre, das sich in den Liedern entfaltet und den Hörer zum Bleiben einlädt. Diese Stimme wollte Marina diesmal auch nutzen, um ihren Beitrag zum gesellschaftlichen Diskurs beizutragen. Die Songs von LOVE+FEAR behandeln immer wieder in dezenter, diskreter Art große Themen wie Machtmissbrauch und Misogynie. Nur in „To Be Human“ wird Marina wirklich konkret mit ihren Vorwürfen und Beschwerden. Sie adressiert ein Bauchgefühl, dass die Welt „in eine falsche Richtung abdriftet.“

„Es ist kein Zufall, dass Trump, der Brexit und die Krise in Venezuela zeitgleich auftreten. Wir bewegen uns derzeit rückwärts – und darum geht es in ‚To Be Human‘. Ich will die Welt nicht so sehen, ich will, dass die Welt miteinander verbunden und vernetzt bleibt“, sagt sie.

Unter dem Strich fehlt es Marinas sanfter Kritik an den Zuständen bloß an Ausdrucksstärke – und damit an Relevanz. Weder auf klanglicher noch auf textlicher Ebene kann sie so dem Prototyp des neuen emanzipiert-feministischen weiblichen Popstars, der Norwegerin Sigrid, das Wasser reichen.

Ihre vorsichtige Auseinandersetzung mit den angesprochenen Themen wirft die Frage auf, inwiefern sie die Größe dieser Dinge beim Schreiben paralysiert.

Marina Diamandis: „Das ist eine wirklich interessante Frage. Darf ich dir dazu eine Frage stellen?“

Musikexpress.de: Natürlich.

„Haben dir das andere Künstler in vorherigen Interviews so berichtet?“

Es gab diese Diskussion vor knapp einem halben Jahr in Deutschland, um eine sehr erfolgreiche Sängerin namens Helene Fischer. Sie hat lange Zeit zum Rechtsruck in Deutschland geschwiegen, auch weil viele Beobachter sagten, sie würde damit sicherlich auch eine bestimmte Anzahl ihrer eigenen Fans attackieren. Irgendwann äußerte sie sich dennoch zu diesem politischen Thema und erhielt dafür auch viel negative Resonanz. Viele Kommentare befanden, sie solle bei der Musik bleiben und sich nicht mit Politik auseinandersetzen. Auf der anderen Seite hast du jedoch kleinere Acts, wie etwa die Briten Idles, deren Sänger mir im Interview sagte, es sei seine Pflicht, diese Themen anzusprechen, jetzt, da er ein Publikum und Reichweite hat. Du hast also auf der einen Seite das Pop-Establishment, das es sich mit niemanden verscherzen möchte, und auf der anderen Seite Indie- und Punkbands, die vor solchen Reaktionen keine Angst haben.

„Mein Gott, das ist wirklich unglaublich interessant. Ich finde, jeder sollte seine Meinung haben und auch vertreten dürfen. Daher halte ich diesen Kommentar, man solle bei der Musik bleiben und auf politische Äußerungen verzichten, für redundant. Ich stelle es mir dennoch sehr schwierig vor, wenn du als Künstler, dessen Existenzgrundlage ausschließlich der nationale Markt ist, dich positionieren möchtest. Das gibt mir jetzt wirklich zu denken… Dennoch bin ich der Meinung, dass, wenn dich dein Schweigen von innen auffrisst, du es wagen und den Mund aufmachen solltest. Dieses Wagnis, als das du es im ersten Moment siehst, kann sich nämlich später als große Bereicherung herausstellen. Ich habe mich glücklicherweise nie in einer solchen beängstigenden Situation befunden, in der ich hinterfragen musste, ob und was ich sage. Mir kommt dabei zugute, dass ich zwar Teil des Pop-Business bin, aber auf vielen Ebenen noch wie ein Indie-Artist agiere. Ich bin nicht superberühmt und konnte deshalb immer meine Gedanken ungefiltert bei Twitter teilen. Die waren zwar auch ganz sicher nicht immer richtig, aber ich war stets mit ihnen im Reinen.“

Auch zur Me-Too-Bewegung teilte Marina ihre Gedanken in den sozialen Netzwerken. Sie sprach der Popsängerin Kesha ihre Unterstützung zu, nachdem sie den Musikproduzenten Dr. Luke des sexuellen Missbrauchs bezichtigte. Auch Marina arbeitete für ihr Nummer-Eins-Album ELECTRA HEART mit eben jenem Dr. Luke zusammen und sagt heute, sie habe glücklicherweise zu keinem Zeitpunkt negative Erfahrungen mit dem US-Amerikaner gemacht. Das sei, so stellt Marina klar, jedoch kein Grund Kesha nicht zu glauben.

Die Me-Too-Bewegung habe ihr sehr zu denken gegeben, sagt Marina. Etwa zur selben Zeit habe sie begonnen ihre Musikkarriere gänzlich in Frage zu stellen: „Eigentlich hatte ich sogar schon mit meiner Musikkarriere abgeschlossen. Ich hatte angefangen Psychologie zu studieren und machte einen Malkurs, ich hatte einfach keinen Grund mehr Musik zu machen. Doch dann habe ich auch in diesem Thema den Grund gefunden, mich wieder hinzusetzen und zu schreiben.“

Marina merkte, dass sie noch nicht abgeschlossen hatte mit der Musik, der Branche und den Menschen darin. Mit zu vielen Leuten wollte sie noch zusammenarbeiten – was dazu führte, dass LOVE+FEAR schlussendlich mit einer Handvoll Produzenten auf zwei verschiedenen Kontinenten entstand. „Mein Plan war eigentlich, mich mit einer Band einzuschließen und in zwei Wochen meine Songs aufzunehmen“, sagt Marina, doch dann habe ein Prozess aus Songwriting- und Aufnahme-Sessions mit den angesprochenen vielen Leuten begonnen, an dessen Ende sie nicht nur viele neue Beziehungen aufgebaut habe, sondern auch das fertige Album entstanden sei.

„Dadurch, dass ich nicht mehr nur den größtmöglichen Erfolg, sondern in erster Linie ein Album haben wollte, das sich für mich gut anfühlt, konnte ich endlich die Frage beantworten, die mich fast zwei Jahre beschäftigte: Will ich überhaupt noch eine Künstlerin sein?“

Und, konnte das neue Album diese Frage für Dich vollends beantworten?

„Ja, die Antwort lautet: Ja, ich will nichts anderes als Songs schreiben und singen.“


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