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Von Ponys und Dollars

Ein Dokumentarfilm über das Spannungsfeld zwischen kulturellem Anspruch und Wirtschaftlichkeit in der Festivalindustrie

ME-Helden: The Velvet Underground

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Erschienen im März 1967, schaffte es THE VELVET UNDERGROUND & NICO mit Ach und Krach auf Platz 171 der US-Charts. Was rückblickend umso verwunderlicher ist, als nicht einmal der Name der Band auf dem Cover prangte – sondern der ihres Mentors, Produzenten und Managers, des wichtigsten Künstlers der Moderne: Andy Warhol. Die Wurzeln von Velvet Underground reichen allerdings zurück bis in die Mitte der Sechzigerjahre, ihr Kern ist die unwahrscheinliche Freundschaft zweier komplett entgegengesetzter Charaktere: Lou Reed und John Cale.

Reed war ein verstörter junger Mann aus guter jüdischer Familie, die ihn zur „Behandlung“ seiner Bisexualität im Alter von 17 Jahren einer Elektroschock-Therapie unterziehen ließ – ein Trauma, von dem sich der Künstler wohl nie ganz erholen konnte. 1964 arbeitete er, der sich das Gitarrespielen vor dem Radio selbst beigebracht hat, als Sessionmusiker für Pickwick Records, ein Label für Tanzmusik. Aus Überdruss an diesem Job komponierte er eines Tages die Single „The Ostrich“, eine Parodie auf die Songs, bei denen er normalerweise nur im Hintergrund mitwirkte: „Yeah, you take a step forward, you step on your head / Now, do the ostrich“. Seine Arbeitgeber sahen in dem Stück ein gewisses Hitpotenzial, und schnell war eine Band gegründet: The Primitives.

Zu der gesellte sich der Waliser John Cale, ein Mitbewohner von Lou Reed, der ebenfalls sein Bündel zu schleppen hatte: In seiner Kindheit wurde er unter anderem von einem Priester missbraucht. Als Wunderkind an der Viola studierte Cale am renommierten Goldsmiths College in London, wo er schnell mit der Avantgarde in Kontakt kam. Als Kunststudent schloss Cale sich begeistert der Fluxus-Bewegung an – nach dem Dadaismus der zweite Großangriff auf das etablierte Kunstverständnis, das als bürgerliche Marotte abgetan und durch den Gedanken ersetzt wurde, dass die Idee wichtiger sei als das Werk selbst. Ihre Anhänger stellten sich radikale Fragen, wie: „Hat der Künstler tatsächlich spezielle Begabungen, die ihn von anderen Menschen unterscheiden?“, oder: „Muss ein Kunstwerk von einem Künstler sein?“ Nein, nein, nein. Fluxus konnte demnach alles Mögliche sein, von Gedichten über Bilder oder Skulpturen bis zu Lichtinstallationen und Tanz, wurde aber meist im Paket als choreografierter Handlungsablauf dargeboten. Man konnte auch „ Konzert“ dazu sagen.

Künstler wie Walter de Maria und vor allem La Monte Young übersetzten die Idee des Fluxus in die Welt der Musik. Konkret bedeutete das extremen Minimalismus, hypnotische Wiederholungen und vor allem einen Sound, der als „Drone“ oder „Bordun“ bis heute eine wichtige Rolle in der experimentellen Musik spielt: ein tiefer Brummton, der ursprünglich nur als Begleitung für eine Melodie gedacht war. Simple Mehrstimmigkeit, Klangknoten sozusagen, die einen ganz eigenen Reiz entwickeln. Was heute in so unterschiedlichen Genres wie Ambient oder Doom Metal nachzuweisen ist, war damals der letzte Schrei in der ernsten Neuen Musik. Um diesen Sound zu ergründen, baute La Monte Young sich ein Vehikel namens „Theater Of Eternal Music“, eine Gruppe aus Poeten, Mathematikern, Malern, Tänzern – und talentierten Musikern wie John Cale, der unter anderem auch mit Größen wie John Cage zusammenarbeitete. Dessen berühmtestes Stück, „4’33’’“, besteht aus vier Minuten und 33 Sekunden reiner Stille, mehr Statement also als Musik. Seine Interpretation von Eric Saties „Vexations“ wiederum war mehr Musik, als irgendeinem Hörer lieb sein kann – die Aufführung dauerte 18 Stunden; u.a. am Piano: John Cale…

In unserer Serie ME-Helden porträtieren wir Bands, die unser Leben beeinflusst haben. Den Auftakt bildete Jim Morrison und seine Band The Doors – Musik aus den Sechzigern, die Pate stand für viele Gruppen, die nach ihnen folgten. Die weiteren Teile der Serie widmen wir jüngeren Bands oder Musikern, die die ME-Redakteure und unsere Leser prägten. Teil 2 drehte sich um die Pixies. Der dritte Teil widmete sich Brian Eno, der vierte sich Nirvana, der fünfte The Smiths, danach Kate Bush, The Cure und schließlich Motörhead.

Die ganze Geschichte über The Velvet Underground haben wir in unserer März-Ausgabe von 2012 gedruckt.



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