Reportage

Mit Woman unterwegs beim Reeperbahn Festival 2016: „Ja, das ist Pop!“

„Das schmeckt voll nach Sperma.“ Milan stochert etwas angewidert in seinem Supermarkt-Seetang herum. Neben ihm sitzen Carlos und Manu, mit denen er die Band Woman aus Köln formt. Das Trio spielt beim diesjährigen Reeperbahn Festival nicht nur Konzerte, sondern ist auch für den internationalen Nachwuchspreis Anchor Award nominiert, der am Rande des Festivals erstmals verliehen wird. Bereits gestern traten sie gemeinsam mit den restlichen Nominierten im Imperial Theater auf. Wie es sich für ein Theater gehört, war bei diesem Auftritt eine Menge Drama dabei. Kurz vor dem Auftritt verabschiedete sich ihr Synthesizer ins Jenseits und es wurde hektisch nach Ersatz gesucht. Kurz vor knapp war ein Zwilling des bandeigenen DX7 vor Ort und das Set konnte störungsfrei durchgezogen werden.

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Von dem gestrigen Stress sieht man Woman nichts an. Carlos und Manu, die beiden Männer in erster Reihe, ziehen Drummer Milan auf: „Warum kaufst du dir auch so einen Müll?“ Milan guckt etwas bedröppelt, es wird viel gelacht. Zwar gewannen Woman den Anchor Award nicht, aber schon die Nominierung für die „Goldene Palme unter den Musikpreisen“, wie es Carlos nennt, ist für die Band, die vier Jahre für ihre erste EP brauchte, eine Ehre. 2012 schlossen sich Woman in ihren Proberaum ein und kamen erst in diesem Jahr – und einen Abstecher nach Wien zu Bilderbuch-Produzent Zebo Adam später – mit dem Ergebnis heraus: Ihre „Fever“ EP ist ein eklektischer Mix aus Psychedelia, Disco und Soul, aber vor allem ist es: Pop.

„Es kommt ganz oft die Frage: Wie definiert ihr eure Musik? Was für ein Genre ist das? Und da haben wir sehr oft, auch etwas aus Faulheit, geantwortet: Ja, das ist Pop. Was es ja auch ist! Ich finde es viel spannender, es so stehen zu lassen und die Leute, die dann auf uns kommen, können dann für sich selbst definieren, was es ist“, erklärt Sänger, Keyboarder und Bassist Carlos. Woman sind nunmal schwer zu greifen und werden umso eher in Schubladen gesteckt, woran sich die Drei jedoch nicht sonderlich stören. Milan sagt gar, sowohl Musikjournalisten als auch Musikhörer bräuchten schlichtweg Schubladen und Gitarrist Manu holt aus: „Es stört mich nur, wenn jemand sagt: Ahja, das ist das also. Das macht den Horizont zu. Dieser negativ behaftete Begriff der Schublade, die du aufmachst, aber eben auch direkt wieder zumachst. Ich weiß nicht, inwieweit solche Vergleiche die Angelegenheit für mich als Musikrezipient spannender machen, aber an irgendetwas muss man sich eben auch festhalten können.“

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Die Sonne scheint auf das Hamburger Karoviertel herab, die Band blinzelt gegen die Sonne an, Kinder hüpfen über die Sitzbänke um uns herum. Hier, etwas abseits des Trubels der Reeperbahn und des gleichnamigen Festivals, scheint es beinahe idyllisch. Ein Wort, das man so auch der Band zuschreiben wollen würde. Doch Carlos stellt klar, dass es nicht ohne Spannungen geht: „Musiker sind nicht das einfachste Volk und jeder hat so seine Wehwehchen. Wir überraschen uns immer wieder, wenn auch nicht immer im positiven Sinne. Aber das ist ja auch das Schöne: Wenn man daran festhält und sagt, wir sind Freunde und als Freunde lieben wir uns, dann kann man mit solchen Problemen auch umgehen.“ Der Umstand, dass Manu und er sich immer noch eine Wohnung teilen, stärke das Gemeinschaftsgefühl innerhalb der Band immens, schiebt er nach.

Wie es jedoch unter Freunden so ist, liefen Woman als Band immer wieder Gefahr sich zu verzetteln. Die Songs konnten den eigenen Ansprüchen nicht Stand halten, man kam zu keinem Abschluss. Auftritt Zebo Adam.

Milan: „Es war recht unspektakulär. Irgendjemand hat ihm etwas von uns in die Hand gedrückt, ihm hat es gefallen und dann hat er sich bei uns gemeldet. Für die c/o Pop 2015 kam er drei Tage nach Köln, hat bei Manu und Carlos gewohnt, hat mit uns abgehangen, war im Proberaum, hat sich unser Konzert angesehen und wir haben uns super verstanden. Da war direkt dieser Draht zwischen uns, den wir auch zwischen uns Dreien spüren. Da ist die Entscheidung relativ schnell gefallen, diesen Weg mit Zebo weiterzugehen, zu ihm nach Wien zu reisen und dort die EP aufzunehmen.“

Erst Adams Eintritt in den Mikrokosmos Woman hat die Band zur Produktivität geführt. Er war es, der der Band ihre Klasse aufgezeigt, sie in den richtigen Momenten ausgebremst und ihnen das gegeben hat, was ihnen bis dahin fehlte: eine Deadline. „Wir hatten zu Beginn keine Deadlines und haben weiter und weiter an den Songs gearbeitet und sind nie zu dem Punkt gekommen, an dem wir es so gut fanden, um es herauszuhauen. Das war eine Arbeitsweise, die uns damals nicht wirklich weitergebracht hat“, erklärt Manu. Eine Arbeitsweise, die sich mit dem Bilerbuch-Produzenten geändert hat. Doch Carlos ist bemüht etwas klarzustellen: „Es kommt ja schnell: „Boa, Zebo Adam, der große Name, Bilderbuch, krasser Typ.“ Aber uns war es viel wichtiger, dass wir uns sowohl musikalisch als auch menschlich verstehen. Es hat einfach geklickt, er ist ein super Typ und wir verstehen uns einfach sehr sehr gut auf einer menschlichen Ebene.“

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Max Hartmann
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