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Diese Berliner Initiative unterstützt Künstlerinnen und vermittelt Festival-Auftritte

Männer dominieren die Musikindustrie. Das belegen die Statistiken von „Chartmetric“: Überwiegend männliche Künstler stehen etwa in den Charts von Spotify, iTunes und Apple Music. Ähnlich sieht es in der Festival-Landschaft aus. Acht Berliner*innen, die selbst in der Musikindustrie tätig sind, wollen diesem Ungleichgewicht nun entgegenwirken. Pünktlich zum diesjährigen Weltfrauentag startete ihre Initiative „Musequality“ und damit ihr Plan aufgeht, müssen sie nun teilnehmende Künstlerinnen finden.

Künstlerinnen, meldet euch!

Vereint haben sich verschiedene Mitarbeiter*innen der Agenturen Melt-Booking, Landstreicher-Booking und C/O Magick. Ihr Job ist es Künstler*innen zu vermitteln. Damit sitzen sie eigentlich am entscheidenen Hebel, um weibliche Acts auf Festivals zu bringen. Jedoch seien ihnen bisher die Hände gebunden gewesen. Feline Moje, eine der Mitbegründerinnen von „Musequality“, sagt dazu: „Es fehlt ganz klar am stabilen Mittelfeld. Es gibt einige nationale Künstlerinnen, mit herausragendem kommerziellen Erfolg, wie zum Beispiel Helene Fischer und Sarah Connor. Und es gibt im Newcomer-Segment erfreulicherweise vermehrt weibliche Talente. Dazwischen wird das Angebot dünn (…).“

Jetzt nehmen sie es selbst in die Hand. Sie suchen Künstlerinnen oder Bands mit überwiegend weiblichen Mitgliedern. Frauen, die noch nicht von ihrer künstlerischen Tätigkeit leben, aber dennoch ein 30-minütiges Konzert geben können. Der Grund dahinter: „Musequality“ hat ihre Kräfte vereint und für Platz auf renommierten Festivals gesorgt. Dabei ist auch das HipHop Festival „splash!“, auf dem nach aktuellen Angaben auch in diesem Jahr keine Ausgewogenheit herrscht: Lediglich 10 von bisher bestätigten 60 Acts sind weiblich. Auch auf dem Metal Festival „Full Force“ hat die Initiative in diesem Jahr ein bisschen mehr Platz für weibliche Künstlerinnen geschaffen. Mit dabei ist auch das Melt-Festival, das Superbloom in München sowie das Lollapalooza in Berlin. Wer bei „Musequality“ mitmacht, hat auch dort die Chance live aufzutreten.

„Das Genre ist komplett egal“

Feline Moje betont, dass sich Künstlerinnen aller Genres angesprochen fühlen sollen: „Das Genre ist komplett egal. Wir haben Slots auf Festivals von Metal bis Rap geblockt. Im Genre sind keine Grenzen gesetzt. Hoffentlich brechen wir neben Gender- auch Genre-Stereotype.“ Neben der Chance auf einem großen Festival aufzutreten will „Musequality“ die Künstlerinnen mit Workshops, Showcase-Events und der Produktion von Musikvideos unterstützen. Auch wenn die Initiative aus eigener Kraft aus dem Boden gestampft wurde, freue man sich über finanzielle Unterstützung, wie sie aktuell von YouTube erfolge, „um unsere Aktionen und Maßnahmen noch effizienter umsetzen und vor allem sichtbar machen zu können“, sagt Moje.

Wie alles anfing

Im vergangenen Jahr hat die Berliner Kreativagentur „goalgirls“ zusammen mit „ASK HELMUT“ parallel zur „Fête de la Musique“ in Berlin das Guerilla-Pendant „Femme de la Musique“ mit ausschließlich weiblichen Acts veranstaltet. 1000 Besucher*innen kamen zu ihrem kleinen Festival in einem Hinterhof am Hackeschen Markt. Das war die Geburtsstunde von „Musequality“. Kaddie Rothe, Geschäftsführerin von „goalgirls“ und ebenfalls Mitbegründerin von „Musequality“, erinnert sich: „Bei einem Spaziergang haben Carlo (Irrsinn Management) und ich über den Status Quo in der Industrie diskutiert und schnell gemerkt, dass es noch viel konkretere Lösungsansätze braucht um den Wandel voranzutreiben. Am liebsten direkt aus der Industrie. Das wollten wir anpacken. Dann ging alles ganz schnell. Das Team wurde größer und stärker. Jeder hat etwas Wichtiges beigetragen. Jeder Teil der Kampagne ist kollaborativ entstanden“.

Stößt „Musequality“ auch auf Ablehnung?

Bis Ende 2020 will die Berliner Initiative ihre Ziele konkret umsetzen. Danach soll aber nicht Schluss sein. „Musequality“ versteht sich als nachhaltige Bewegung, die langfristig etwas verändern möchte. Aber gibt es auch Menschen, die kein Interesse daran haben? Dazu sagt Kaddie Rothe: „Man kann es nicht Desinteresse nennen, aber vielleicht etwas Zurückhaltung, denn um etwas zu verändern muss man erst einmal zugeben, dass es ein Problem gibt. In diesem Fall ist es strukturell. Wir hören Anmerkungen wie es gibt aber keine talentierten Künstlerinnen, die in eine ewige Spirale spielen, die dazu führt, dass die Musiklandschaft nicht repräsentativ ist. Man muss den ersten Schritt machen und dabei Fehler eingestehen können.“



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