Oasis – ein Nachruf

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Oasis sind nicht mehr. Eine Nachricht, die den langjährigen Fan zunächst ungläubig drein blicken lässt, ihn dann aber erleichtert. Sollte es das endgültig gewesen sein, so kann man konstatieren, dass sich Oasis in Würde verabschiedet haben. Mit ihrem letzten Werk DIG OUT YOUR SOUL haben sie noch einmal bewiesen, dass Noel Gallagher ein Songschreiber vor Gottes Gnaden ist und auch haben sie mit dem Kritikervorwurf, Oasis würden seit ihrer Existenz in stoisch, repitiver Manier den einen Song bis zum erbrechen aufkochen, gebrochen. Wer beispielsweise „Get of your high horse lady“ mit sagen wir „Bring it on down“ vergleicht, wird feststellen, dass bei aller Aura des Konservativen und der Tendenz des sich nicht Fortbewegens, eine lange Zeit nicht gekannte Dynamik sichtbar wurde. Nach dem kreativen Tiefpunkt HEATHEN CHEMISTRY scheinen Oasis mit DIG OUT YOUR SOUL am Ende der Fahnenstange mit der Post’99 Besetzung angekommen. Klanglich weniger ausladend, weniger überfrachtet, dafür mit dem Willen den Songs mehr Raum zu geben, verpassten die technisch deutlich versierteren Neuzugänge Gem Archer und Andy Bell dem alternden Oasisdampfer einen erweitertes Sounddesign. DIG OUT YOUR SOUL stellte also eine leichte Intellektualisierung im Oasissound dar und wäre mit Bonehead und Konsorten nicht umsetzbar gewesen. Nur: Das Feuer, die Leidenschaft der Anfangstage, die Magie in Rock, wenn der Ofen noch brennt, konnten auch sie nicht wieder ganz zurückholen. Trotzdem: Oasis auf ihre zwei Britpopmeilensteine DEFINITELY MAYBE und MORNING GLORY zu reduzieren, greift spätestens seit dem jüngsten Werk nicht mehr. Auch wenn das weltliche Interesse sich nach sagen wir BE HERE NOW beim Status „wohlwollender Beobachtung“ einpendelte, transportierten die Brüder Gallagher den Ethos des Rock N Roll Lifestyles, der seit den frühen 90er Jahren einer fortschreitenden Anpassung an die Vernunft weicht, weiter (von Ausnahmen wie Peter Doherty oder Amy Winehouse mal abgesehen) und waren damit die letzte Bastion im Kampf um die Aufrechterhaltung dessen, was man Anfang der siebziger Jahre unter Rock N Roll verstand. Der uneitle Bruderzwist, die Exzesse, die Skandale (wenn auch mit Mäßigungstendenz in den letzten Jahren) alles Gründe, weshalb die Band über ihr musikalisches Schaffen hinweg, eine Aufmerksamkeit zuteil wurde, die zumindest für 2 Jahre (sprich: 94-96) so groß war, wie seit den Beatles nicht mehr und auch bis dato nicht wieder erreicht wurde. Die kaltschnäuzige Bauernschläue eines Noel Gallagher und die arrogante Großkotzigkeit eines Liam Gallaghers traffen den Nerv der Zeit. Den großen ans Bein pinkeln, sich nicht unter kriegen lassen, seinen Status nicht verleugnen, sondern ihn auszuleben, all das wurde gerade durch die frühen Oasissongs verteidigt. Die Textzeile in „Live Forever“ („We see things they’ll never see“) adelte eine in der Außenwahrnehmung unterrepräsentierte Bevölkerungsschicht und schaffte ein Gemeinschaftsgefühl, dessen Sprachrohr die Oasissongs waren. Trotzdem waren Oasis auch universal ein Thema. Trotz der snobistischen Haltung, die Prollatitüde der Gallaghers abzulehnen, musste selbst der hiesigste Kritiker anerkennen, dass in den besten Songs Noel Gallaghers eine Ewigkeit steckte, wie sie im damaligen Dunstkreis der Popmusik beispiellos war. Genau dieser Kontrast hat mich immer besonders beeindruckt. Die nach außen gekehrte Kratzbürstigkeit und Unnahbarkeit einerseits und andererseits dieses Popsentiment, dass sich bei aller Massivität hinter den Songs wie „Cast now shadow“, „Slide away“ oder „Talk tonight“ verbag. Natürlich klaut Noel Gallagher wie eine diebische Elster. Aus „Cigarettes and Alcohol“ dröhnt eindeutig das „Get it on“ Riff eines Marc Bolan, bei „She’s Electric“ muss man auf „While my guitar gently weeps“ verweisen und aus der einfältigen Single „Lyla“ vermag der aufmerksame Popkenner den „Street Fighting Man“ der Rolling Stones heraushören. Man könnte diese Liste endlos weiterführen, doch führen tut es letztlich zu nichts. Getreu dem Motto „talent borrows, genius steals“ zimmerte Gallagher seine Songs zusammen und trotzdem besaßen sie Eigenständigkeit, sonst würde es Aussprüche wie: „Ah,die neue Kasabian…-klingt ja wie Oasis“ nicht geben. Über 12 Jahre nach dem abebben der Britpopwelle kann der Fan mit einiger Gewissheit sagen, dass sich Oasis gut aus der Affäre gezogen haben. Der Rolling Stones Werdung wurde vorgebeugt, andere Britpopveteranen wie The Verve haben sich durch ihr songfreies Comeback ins Abseits begeben, Pulp gibt es nicht mehr, Supergrass sind in der Bedeutungslosigkeit verschwunden.Bei Blur wird es sich noch zeigen. Wie geht es jetzt weiter. Tragische Figur der Trennung ist sicherlich Liam Gallagher. Nicht mit der Songwritergabe seines Bruders gesegnet, und auch kulturell lediglich daran interessiert, die patentierten Klischees seines Liam-Gallagher-Daseins aufzukochen, wird er es schwer haben. Unter dem Namen Oasis weiter zu machen wäre fatal und banal, ein Soloalbum kaum denkbar. Sein Ego wird ihn schützen. Anders Noel Gallagher. Dieser zeigte sich auf den letzten Oasis Alben ungewohnt demokratisch, ließ nach eigenen Angaben hochkarätige Songs unter Verschluss, ein Soloalbum wird die Konsequenz sein. Nun möchte ich enden, mit meiner höchst subjektiven Ode an die Band meiner Kindheit und ein Kinderlied zitieren: „(…) live for your toys, even though they make noise, have you ever played with plastpicine, ever tried a trampoline, thank you for your smile, you make it all worthwhile to us“.

Kai Wichelmann – 08.09.2009


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