Plädoyer für… die Spice Girls, eine verkannte Band der Popmusik

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Am Anfang stand dieser große, nicht totzukriegende Song, „Wannabe“. Und vor allem dieses wunderbar improvisierte Musikvideo, dessen bunte, hektische Bilder sich jedem, der 1996 auch nur in die Nähe eines Fernsehbildschirms geriet, für immer einbrannten. Es war, als jage man Pippi Langstrumpf in fünffacher, sehr britischer Ausführung durch ein feines Hotel. Natürlich war Pippi längst erwachsen geworden und trug Plateauschuhe und bauchfreie Tops. Aber dort inmitten des vornehmen Bohèmian-Personals trieb sie in Gestalt der Spice Girls weiter ihren tollsten, wildesten Unfug. Die Spice Girls machten sich die Welt, wie sie ihnen gefällt: „I wanna really, really, really wanna zig-a-zig-ahhh“. Ein Pop-gewordener Kindertraum für alle Kids zwischen Schultüte und frühpubertären Turbulenzen.

Die Bedeutung der Spice Girls erschöpft sich natürlich nicht darin, dass sie den Teen-Pop zurück auf die musikalische Agenda wuchteten. In den zwei Jahren zwischen 1996 und 1998 waren Victoria, Mel B., Emma, Mel C und Geri allgegenwärtig – für alle und jeden. Man kann sich diese ungeheure Wucht, diese große, helle Euphorie mit der sie damals ihre Abdrücke in die Popgeschichte eingruben, heute gar nicht mehr vorstellen. Taylor Swift – selbst das trifft es nicht ganz. Die ganze Prä-Internet-Welt lag im irren Bann der fünf Britinnen. Andy Warhol hätte an dieser unfassbaren Manie und Ikonenverehrung seine wahre Freude gehabt.

„Wannabe“ war in mehr als 30 Ländern auf Platz eins. Im Großbritannien der Tony-Blair-Jahre waren sie neben den Britpop-Bands einer der Hauptgründe für einen Optimismus, den man zuletzt im Swinging London der 60er erlebt hatte: Was die Medien Cool Britannia tauften, fand seine symbolische Entsprechung – und vielleicht seinen Höhepunkt – in Geri Halliwells berühmtem, superkurzem Union-Jack-Kleid.

Elton John und Roger Moore spielten Nebenrollen in ihrem Kinofilm, Prinz Charles ließ sich von ihnen in den Hintern kneifen und sogar Nelson Mandela fand, sie seien Heldinnen. Die Perfektion dieser genialen Girl Group lag darin, dass sie eigentlich gar nicht so perfekt war – oder zumindest nicht vorgab, es zu sein. Die Spice Girls sangen oder tanzten nicht besonders gut, sie waren launisch und laut, jede von ihnen war anders, jede war auf ihre eigene Weise schön: ob mädchenhaft oder raubeinig, piekfein oder sportlich. Seit John, Paul, George und Ringo hatte es keine Band gegeben, deren einzelne Mitglieder einen so hohen Wiedererkennungswert hatten. Die Spice Girls erfanden den Pop noch einmal ganz von vorne.

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