Angel Olsen Big Time


Jagjaguwar/Cargo (VÖ: 3.6.)

von

Manchmal spielt das Leben einem so bittersüß und schräg zu, dass man kaum noch sagen kann, ob das Timing eigentlich Glück im Unglück oder Unglück im Glück war. Davor ist man nicht mal als eine der amtierend besten Singer/Songwriterinnen der Welt gefeit: Angel Olsen, 35, hatte 2021 ihr lesbisches Coming-out vor ihren Eltern und sich dabei, wie sie selbst sagt, wieder hilflos wie ein fünfjähriges Kind gefühlt. Nur wenige Tage später stirbt ihr Vater. Angel Olsen bringt ihre Partnerin (die Drehbuchautorin Adele Thibodeaux) mit zur Beerdigung, und zwei Wochen später stirbt auch ihre Mutter.

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Diese Mixtur aus beklemmender Trauer und befreiendem Es-gesagt-Haben, Zusich- und-seiner-Freundin-Stehen bestimmt auch Angel Olsens nunmehr sechstes Studio-Album, auf dem sie sich, mehr denn je, mit Pedal Steel und Twang der Americana verschreibt und dabei sanglich (wie übrigens ja auch Lana Del Rey) an der Country-Sängerin Tammy Wynette orientiert. Angesichts der Emo-Achterbahn ist BIG TIME allerdings ein überraschend unaufgeregtes, elegantes Album, eröffnet durch schimmernde Orgeln, immer wieder flankiert von Bläsern und mit liebevollen Details wie Triangel.

An den opulenten Orchesterpomp von ALL MIRRORS (2019) reicht das nicht heran, aber kleine Rock-Ausraster („Go Home“) gibt es durchaus und im Finale auch eine streicher-cinematische Klavierballade („Chasing The Sun“), in der Angel Olsens Sehnsuchtsengelsstimme ganz enorm nuancenreich brilliert. Insgesamt eine schöne Sache, dass Angel Olsen (wie gerade ja auch Orville Peck wieder) an der Verqueerung des insgesamt immer noch sehr konservativen Country-Genres werkelt.


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