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Christina Aguilera 
 Liberation


Sony (15.06.2018)

von

Man weiß nicht, ob es besonders schlau oder doof ist, einfach solange mit der Veröffentlichung eines Albums zu warten, dass die, die so richtig heiß darauf sind, dem Fansein längst wieder entwachsen sind. Die, die nach LOUTS (2012) auf einen Nachfolger hofften, Christina Aguilera im Internet anbettelten, doch endlich mal rauszuhauen, haben damit schon wieder aufgehört und sind weitergezogen, die Fans von früher warten ohnehin nicht mehr, da haut sie plötzlich doch raus. Zumindest ist die Erwartungshaltung jetzt gering.

LIBERATION, an dem seit 2014 gearbeitet wurde, ist also da und mit ebenjenem schlägt Christina Aguilera den Weg ein, den schon so viele Popköniginnen vor ihr eingeschlagen haben. Es ist die alte und allmählich einschläfernde Geschichte, für deren Nervfaktor die Protagonistinnen selbstverständlich nichts können: Als Teenie wurde man ausverkauft, untergebuttert, hat jeden Scheiß mitgemacht, sich verbogen, mit Image vollgekleistert, sich in schillernden Outfits neu erfunden, bis einem aufgeht, dass etwas fehlt und einem alles um die Ohren fliegt. Mit Mitte 30 folgt also der verständliche Drang, doch endlich man selbst sein zu dürfen, sich abzuschminken, Mutterschaft zu erleben, die Entdeckung von Feminismus und Gesellschaft, diesem Kram eben – das muss dann raus, egal wie verkrampft.


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Und so ist, wie schon dem pathetischen Titel zu entnehmen, LIBERATION nun Aguileras Befreiungsschlag, der natürlich mit einem Zurückkehren zu den berüchtigten Wurzeln einhergeht. Wurzelnfinden bei Aguilera heißt, dass endlich Schluss ist mit diesem peinlichen Dancepopgedudel, das Anfang der 2010er jede Sängerin mitmachen musste.

Unaufgedunsene Hymnen, Balladen und Bumslieder

Geilerweise wird endlich (wieder) weiblicher HipHop, R’nB und Soul gehört und im letztgenannten ist Aguilera am besten, am authentischsten, wie sie schon mit ihrem Überalbum STRIPPED (2002) beweisen konnte. Überhaupt erinnert vieles hier an diese Episode ihrer Karriere. Zwar war sie damals mit hundert Kilo Schminke sie selbst und heute ohne, aber genau darum geht es ja eben nicht. 2018 bekommt man von Aguilera wieder unaufgedunsene Hymnen, Balladen und Bumslieder zu hören, yes!

Die Suche nach sich selbst führt Christina Aguilera zunächst zu „Maria“. Nein, nichts mit Gott. „Maria“ lautet Aguileras zweiter Vorname, die Figureneinführung erinnert an Lady Gagas echtes Ich namens Joanne oder Beyoncés cooleres Ich, „Sasha Fierce“. Maria ist das Verborgene, Kindliche, der Kern, der im fiesen Showgeschäft zu lange verloren war. Nun ist es eben wieder da und es wird gefragt: „How do you solve a problem like Maria?“ Weitere existenzielle Fragen, die man sich als Erwachsene so fragt, wie, wie man so werden konnte und warum, bleiben unbeantwortet. Aber die Lösung ist eh immer: Jetzt wird alles anders und echt. Dazu ein Sample des 13-jährigen Michael Jacksons („Maria (You Were The Only One“) und der R’n’B-Song ist perfekt.

LIBERATION: feministische Ermächtigung gegen all die Typen, die mit Aguilera Gewinn machen oder ihn ihr streitig machen wollen

Weitere Empowersongs folgen, so das Janis-Joplin-artige „Sick Of Sittin’“, eine wunderbare Kampfansage an Leute, die einen klein sehen wollen, vermutlich vor allem Männer. Denn das ist auch ein immer wieder kehrendes Motiv auf LIBERATION: feministische Ermächtigung gegen all die Typen, die mit Aguilera Gewinn machen oder ihn ihr streitig machen wollen. „Dreamers“ und „Fall In Line“ (feat. Demi Lovato) beinhalten Lektionen für junge Mädchen, die die Sängerinnen selbst gut hätten gebrauchen können, damals.

Lovato und Aguilera – ohnehin ein Duett aus dem Himmel. Während eine männliche Computerstimme fordert: „Shut your mouth/ Stick your ass out with me“, singen sie ihn einfach hinfort. Und dann ist da noch „Like I Do“, ein Song, der R’n’B-typisch mit der Belästigung eines rappenden Typen anfängt, aber Christina hat ihn im Griff und klärt ihn auf, dass sie alles besser weiß und kann, weil sie eben Erfahrungen hat: „You were raised in my glory“. Queen C!


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Ein bisschen X-Tina darf trotzdem nicht fehlen. Also gibt es die normalen Sex-Songs auch auf LIBERATION; „Right Moves“ (feat. Keida und Shenseea) und „Pipe“ zeugen davon. Ab da wird es schnell langweilig. Man fragt sich, was von der aufgeblasenen Aussage, dass nun die echte, also die Maria Aguilera kommt, übrig bleibt. Es reihen sich die typische Aguilera-Ballade „Twice“ ein, deren Message es ist, dass schon alles gut wird und man nichts bereuen soll, der Liebeskummersong „Deserve“, der wehtuend banal ist (du bist zu gut für mich, aber du bist auch ganz schön blöd, Beziehungen sind schwierig) und die 80er-Jahre-Liebesschnulze „Unless It’s With You“ mit der zweifelhaften Ansage, dass Romantikgetue albern und Alleinsein super ist, es sei denn, ER kommt um die Ecke.

Also, wer ist die Frau denn nun wirklich hinter all den Phrasen und der Ich-Ankündigung? Bitte auf dem nächsten Album auflösen, und zwar schnell.


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