Diverse Late Night Tales: BadBadNotGood


Late Night Tales/Rough Trade

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Unter den Jazz-Weiterdenkern des 21. Jahrhunderts gehört dieses Quartett, das sich eher am Sound von Odd Future entlanghangelt als am großen John Coltrane, zu den spannendsten. Auf ihrer LATE- NIGHT-TALES-Compilation zerlegen sie ihre musikalische Inspiration in ein paar über die ganze Welt verstreute Splitter aus Lieblingsstücken, Entdeckungen, unbekannten Perlen – 20 kleine Moleküle im DNA-Strang der Band. Da ist der hauchdünn strömende, brillant texturierte Ambient von Boards Of Canada („Olson“), der sich gleich darauf zu einem luftigen Bossa-Nova-Funk des brasilianischen Sängers Erasmo Carlos aufschwingt.

Da ist Soul-Diva Esther Phillips mit ihrem bitter-coolen „Home Is Where The Hatred Is“, die köstlichen Harmonien des PET SOUNDS-Klassikers „Don’t Talk (Put Your Head On My Shoulder)“ und der Northern-Soul-Mini-Hit „Oh Honey“ von Delegation. Das schönste Kuriosum in diesem Sound-Kabinett ist aber „Käes On Aeg“: Die mysteriöse Velly Joonas singt ihre estländische Version von „Feel Like Makin’ Love“ noch wehmütiger als Roberta Flack im Original. Der Mittelteil ist Afrika gewidmet: Disco-Funk von Kiki Gyan, die ausufernden Synthie-Kaskaden der Afro-Beat-Combo Admas, der Trancezustand, der sich bei Francis Bebeys Lamellophon-Gezupfe einstellt.

Von hieraus richtet die Band ihren Blick in die Gegenwart: Erst auf Thundercats meisterhafte Bassspielereien, dann auf den Toronto-R’n’B von River Tiber und Newcomerin Charlotte Day Wilson, die es schafft, ihre tolle, nachtblaue Ballade „Work“ gleichzeitig schlaftrunken und emotional stürmisch klingen zu lassen. In jedem der 20 Stücke schwingt diese luftig-leichte Virtuosität mit, die man auch aus BadBadNotGood-Songs kennt. Es ist alles, was man sich von einer LATE-NIGHT-Compilation wünschen kann: eine Reise in die Nacht als Schutzraum für freifliegende Gedanken. Und: eine Atempause im hellleuchtenden Eskapismus-Königreich namens Popmusik.

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