Liedermacher

Udo, der Lindenberger, hatte sich verdienstvoll um die deutsche Problematik gekümmert? Honni schütze Lindi und alle, die’s glauben. Den anderen sei das „Deutschlandlied“ von Heinz Rudolf Kunze empfohlen. Und die anderen Stücke von Kunzes Doppel-LP DIE STÄDTE SEHEN AUS WIE SCHLAFENDE HUNDE (WEA), aufgenommen Ende letzten Jahres in Hamburg.

Kunze, derzeit der Liedermacher mit dem unkompliziertesten Schulterschluß zur Rockmusik, kann inzwischen auf ein großes Publikum bauen. Und dieses wiederum darauf, daß er mehr als nur einen Mitschnitt bietet (obwohl schon das viel ist, denn live ist der Osnabrükker am besten): Sieben neue Songs unterscheiden DIE STÄDTE… von üblich ärgerlichen Repertoire-Wiederholungen. Viermal langt Kunze ohne Musi hin, jedesmal trifft er in die Zwölf. Friedensgeschäftlern, TV-Showtänzen auf dem Vulkan, Zimmermanns Absurditäten und den Leichenfleddereien der Musikbranche (The Doors machen Truppenbetreuung in Nicaragua!) entzieht er in bekannt nüchterner Sprechweise die doppelten Böden. (5)

Zur Generation vor Kunze gehört Ulrich Roskl, und folglich ist seine LP IMMER IN DER MITTE (Intercord) auch eher ein Ostergeschenk für die Eltern. Roskis historisches Verdienst, um 1970 herum den bänkelnden Politbarden Jux und zuweilen Nonsens vorgemacht zu haben, wirkt heute museal. Torten statt Tränengas für Polizisten, ne rote Ampel überfahren für einen Sicherheits-Deutschen – das sind Ratschläge, die aus der Butt kommen könnten. Roski verjuxt das, was ist. ohne anzudeuten, daß Vieles gar nicht so ist, wie es scheint. Die gefällige musikalische Verpackung ist heute kein Transportmittel für unbequeme Ideen mehr, sondern die Eintrittskarte für die Nacht- und Frühprogramme der ARD-Radioprogramme. (2)

Daß Jung-Sein keine Frage des Jahrgangs ist, zeigt die Debüt-LP der 35jährigen Schweizerin Maria Bill. Über mehrere Stationen der Sprechbühne kam sie über die Wiener Titelrolle im Musical „Edith Piaf“ zur Platte. Statt die Piaf-Sachen nachzusingen, wie man angeboten hatte, zog sie eigene Lieder aus der Tasche. MARIA BILL (Polydor) ist das typische „von-jedem-etwas“-Debütalbum: Knalliger Rock ’n‘ Roll („Meine Schuhe“), Lokalpatriotismus („Der letzte Gespritzte“) und viel Persönliches („Ich will keine Angst haben“).

Die neue Überraschung von der Donau ist mit Produzenten- und Arrangeur-Hilfe von Christian Kolonovits (Was machen die in Wien ohne ihn?) am sichersten in Extremen. Musikalisch fetzend und textlich aggressiv („Amsterdam“. „Meine Schuhe“) oder nachdenklich und sanft („I mecht landen“). Mit ihrem „Cafe de Flore“ haucht Maria Bill dem klassischen Chanson ein weiteres Stück ewiges Leben ein. Ach ja, mit der Stimme hält sie, was die sprungenen Gläsern verspricht… (5)

Die zweite LP aus Wien ist Georg Danzers MENSCHLICHE WÄRME (Polydor). Nachdem sich sein Produzent selber die rote Karte verpaßt hatte, war Danzer zum Nachdenken gezwungen. Endlich besinnt er sich auf seine Qualitäten und hört auf, amerikanische Hitparaden-Sounds zu imitieren. Auch textliche Banalitäten wie „Und so weiter“, der Titelsong der vorigen LP, scheinen überwunden. Danzer ist wieder locker, konzentriert sich mehr auf seine unnachahmlich-ironische Stimme und weist der unbestritten exzellenten Band den Rang danach zu, wie’s in dieser Sparte sein soll.

Thematische Novitäten wie die aktuelle Story vom „General“, und „Fahrradfahrer“, ein Phänomen nicht nur in der Musikbranche, machen die A-Seite zu einer dichten, interessanten Songfolge. Auf der B-Seite hingegen gibt’s zweimal thematische bzw. stilistische Parallelitäten – doch wer hat schon jedesmal gleich starke Titel auf einem Album? (4)

Weil sie ihre Brötchen als Graphikerin und Malerin verdient, kann sich Heidemarie Rüttinger die zweite künstlerische Existenz leisten, als Marie Deutschland rockige Lieder zu singen. Und weil’s dem Rennen um die schnelle Hit-Mark zum Trotz noch Musikvermarkter mit Mut und Gespür für’s Außergewöhnliche gibt, kann die 28jährige auch Platten machen. Mit fränkisch rollendem rrrr und einer ebenso klaren wie modulationsfähigen Stimme singt sie von FRAU TRUDE (EMI Electrola), der bösen Alten aus einem Grimmschen Märchen, von Lust, Liebe und Leid des Mittelalters. Wohl denn, Freunde der Hollywood-Zombies, die deutsche Vergangenheit hat Monströses, Reizvolles und Ungeklärtes genug zu bieten, daß sich die Entdeckungsreise mit Frau Trude lohnt. Hexen, die gar keine waren, verschwanden im Bermuda-Dreieck der Inquisition. Und im Halbwissen der Zeit entstanden Dämonen und Gelüste, die Obrigkeit und Untertanen gleichermaßen an-, auf- und erregten.

Musikalisch stimmig, abwechslungsreich arrangiert, textlich griffig und mit sattem Sound produziert, gehört Marie Deutschlands Album zu jenen Raritäten, die man dem bösen Nachbarn lautstark durch die Wand pustet, dem besten Freund aber schenkt – um sich gleich wieder selbst ein Exemplar zu besorgen. (5)