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Album der Woche

Nick Cave & The Bad Seeds Ghosteen


Ghosteen/Rough Trade/VÖ: 4.10. (digital) 8.11. (Vinyl/CD)

Am Abend des 3. Oktober ist es wie damals, als man sich vor dem Gerät versammelte, um Kulenkampff oder Fuchsberger zu schauen, nur dass nicht das Erste auf dem Röhrenfernseher läuft, sondern YouTube: Nick Cave hat zur Premiere seines Albums GHOSTEEN geladen. Es ist ein Herbstabend in dieser seltsamen Welt, die wir Menschen aufheizen und gleichzeitig emotional herunterkühlen. Wer traut sich noch, Humanist zu sein?


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Nick Cave hat sich vorgenommen, uns trotz allem Hoffnung zu geben und Trost zu spenden. Und das gelingt ihm so unglaublich eindrucksvoll, dass man sich am Ende der Nacht ein Leben ohne GHOSTEEN nicht mehr vorstellen will.

Vor sechs Jahren hatten sich Nick Cave & The Bad Seeds künstlerisch noch einmal neu erfunden. Vorbei die Zeit des Rumpelns und Aufbegehrens, der sumpfige Polterblues war auserzählt. Zusammen mit Klangzauberer Warren Ellis erfand Nick Cave eine kosmische Variante seiner Musik. Nun war es nicht mehr der dämonische Bass, der dieser Musik die Grundlage gab, an seine Stelle rückten flächige Tape-Loops, wie Cave sie auch an den Beginn von GHOSTEEN gestellt hat: Der „Spinning Song“ beginnt wie eine Show im Planetarium, Cave erzählt von einem alten Helden seiner Welt, Elvis, dem „King of Rock’n’Roll“, über dessen Geburt er schon 1985 bei „Tupelo“ fabuliert hatte. Im „Spinnig Song“ geht es um Elvis’ unwahrscheinliches Live-Comeback in Las Vegas, vor allem aber um die unheimliche Macht, die auch dann noch von einem „König“ ausgeht, wenn er längst gestorben ist. „I love you“, wiederholt Cave am Ende, wie ein Mantra, „peace will come, a time will come“. Trost. Hoffnung. Gespendet von einem Vater, der offengelegt hat, dass der den unfassbaren Verlust seines Sohnes nur verarbeiten könne, in dem er die Tragik und das Trauma in sein Schaffen einfließen lässt.

„Bright Horses“ ist der Bezug zum Cover, dessen Über-Kitsch der Gegenpol zum Minimalismus-Sleeve von SKELETON TREE ist: Diese erste LP entstand noch in tiefster Trauer, eine Visualisierung der Gefühle verbot sich. Nun setzt Cave maximale Schönheit dagegen, in Gestalt von mystischen Pferden, die Liebe und Segen bringen. Endlich! Denn: „Everyone has a heart, and it’s calling for something. And we’re all so sick and tired of seeing thing as they are.“ Nick Cave formuliert hier seine Sehnsucht nach Göttlichkeit, nach Erlösung. Das hat er schon häufiger getan, häufig zweifelnd oder verzweifelt, aber noch nie so formvollendet wie in diesem Song. Am Ende kommt die Rettung mit dem 5.30-Zug: „My baby’s coming home now.“

GHOSTEEN bietet zwei Teile, die acht Lieder vom ersten (Cave nennt sie „children“) fließen schwerelos dahin, Cave singt mit vielen Nuancen, es gibt Chöre und große Melodien. Angenommen, Weihnachten wäre tatsächlich das Fest, das sich alle davon versprechen. Dann wäre dies die Musik dazu. Der „Parents“-Part besteht aus zwei langen Liedern und dem kurzen Erzählstück „Fireflies“, unter der Opulenz der Musik schlummert nun ein Unbehagen, in der Welt der Erwachsenen kehren die Zweifel zurück, die Gewissheit, dass der Mensch, der die Schönheit erschaffen kann, sie gleichzeitig auch zerstören wird. Denn so ist das Leben. Und niemand sonst erzählt so eindrucksvoll davon, niemand widmet sich – nach schmerzhaften Selbsterfahrungen – so intensiv und empathisch seinen Hörern zu, um von diesem Schmerz, aber auch von der Schönheit und der Liebe zu erzählen.

Wie die ersten Reaktionen zeigen, ist es nicht besonders originell, die volle Punktzahl zu vergeben. Aber was soll man machen?


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