The Flaming Lips Oczy Mlody


Bella Union/[Coop]/Rough Trade

von

Was diese Gruppe seit 34 Jahren veranstaltet, sprengt nicht nur jede Schublade, es sprengt ganze Schränke, Schrankwände, Lagerhallen. Nun ist Grenzenlosigkeit im Denken eng mit dem Wahnsinn verschwistert, und irrere Ideen als die von Wayne Coyne und Musikdirektor Steven Drozd wird man im weiten Erdenrund nur schwerlich finden.

Ein Album, das auf vier Tonträgern gleichzeitig abgespielt werden muss? Passiert. Auf einem Festival dieses Album über die Boxen mehrerer Autos aufführen? Gemacht. Im eigenen Garten einen Sci-Fi-Film drehen, um einen Soundtrack dazu schreiben zu können? Gerne. Mit Leuten wie Henry Rollins und Miley Cyrus klassische Platten von Pink Floyd und den Beatles komplett covern? Erledigt. Erykah Badu in einer Badewanne voller Blut und Sperma singen und sich danach von ihr beschimpfen lassen? Sowieso. Und warum nicht 24 Stunden Musik auf USB-Sticks spielen und in einem echten menschlichen Totenschädel verkaufen? Bei all diesem Wahnsinn gerät ein wenig in den Hintergrund, dass die Flaming Lips auch musikalisch von zuverlässiger Unberechenbarkeit sind.

Die Flaming Lips, sie funkeln wieder

Ursprünglich eine wuchtige Gitarrenband, bereicherten bald elektronische Einflüsse das Spektrum und erweiterten ihren Stil zu einer experimentellen Neopsychedelik, die 1999 mit dem melodieseligen Mahlstrom THE SOFT BULLETIN einen populären Höhepunkt erreichte. Seitdem mäandert die Gruppe unverdrossen weiter in bewusstseinserweiterten Gefilden, streift Space- und Krautrock, erscheint mal kindlich (YOSHIMI BATTLES THE PINK ROBOTS), mal düsterlich (zuletzt auf THE TERROR) – je nachdem, ob Steven Drozd gerade auf Heroin oder Entzug ist. Seit bald 18 Jahren aber klangen sie nicht mehr so zugänglich und komplett wie auf OCZY MLODY.

Die Flaming Lips, sie funkeln wieder. Das liegt in erster Linie an einem Instrumentarium, das pluckert und fiept und wummert und pfeift und hallt, als ließe sich der famose Dan Deacon von The Notwist auf magischen Pilzen begleiten. Allein die Percussion klingt nach einem ganzen Fuhrpark aus Rhythmusinstrumenten, erinnert mal an vertrackten Trap, mal an das berühmte ¾-Ostinato aus Maurice Ravels „Boléro“ und bisweilen an die stoische Arbeit eines Nick Mason. Die E-Gitarre taucht nur auf, um hier einen Country-Twang einzustreuen oder sich dort zu einem verstrahlten Solo herabzulassen, und plötzlich läuft schon der nächste Song, denn die Übergänge fließen. Wie überhaupt alles fließt auf diesem Album, ein ätherisches Gleiten – immer vor dem Hintergrund von Coynes verhallter Stimme und verstrahlten Texten. Keine gähnenden Abgründe mehr.

Bekiffte Ohrwürmer über Zauberer und Elfen und Einhörner mit violetten Augen (nicht die Einhörner mit grünen Augen, „they shit everywhere“) und Sonnenaufgänge, die „auf Fröhlichkeit bestehen“ – wie diese Musik überhaupt, die in ihrer verstrahlten Sinn- und Zwecklosigkeit auf elegischer Feierlaune insistiert. Noch im winzigsten Ton, im Quaken eines Froschs oder im Vorbeiflirren einer Harfe, in der ganzen Schrulligkeit dieser Musik liegt eine überschwängliche Kindlichkeit, die den „Ernst des Lebens“ verneint – oder wenigstens aufschiebt für die Dauer dieses wunderbaren Albums.


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